"Haben wir eine andere Chance als Dialog?"

In Saudiarabien gibt es keine Religionsfreiheit. Dennoch finanziert König Abdullah ein internationales Dialogzentrum in Wien. Dessen Generalsekretär Faisal wehrt sich gegen den Vorwurf der Heuchelei.

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Faisal bin Abdulrahman bin Muaammar
Faisal bin Abdulrahman bin Muaammar – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Saudiarabien hat ein interreligiöses Dialogzentrum initiiert, das demnächst hier in Wien eröffnet wird. In Saudiarabien selbst gibt es keine Toleranz gegenüber anderen Religionen. Ich möchte mit Ihnen über diese Heuchelei, diesen Widerspruch reden.

Faisal A. bin Muaammar: Diese Initiative wurde 57 islamischen Staaten vorgelegt und von ihnen angenommen. König Abdullah hat 500 islamische Religionsführer eingebunden. Als er das Dialogzentrum vorschlug, sprach er als Hüter der heiligen Stätten des Islam für die gesamte islamische Welt: Schiiten, Sunniten, Ismailiten, Sufis.

Wäre es da nicht eine gute Idee, zunächst einmal im eigenen Land, in Saudiarabien, zu beginnen.

Ich lade Sie ein, sich das nationale Dialogzentrum in Saudiarabien anzuschauen. Sie haben das Recht, alle Fragen zu stellen. Aber wenn Sie nur über Saudiarabien sprechen wollen, wäre der saudiarabische Außenminister oder der Botschafter der bessere Ansprechpartner. Ich repräsentiere das internationale Dialogzentrum, das drei Gründungsstaaten ins Leben gerufen haben: Saudiarabien, Österreich und Spanien. Der Heilige Stuhl hat Beobachterstatus. Geführt wird das Zentrum von neun Direktoriumsmitgliedern: von Juden, Christen, Moslems, Hindus und Buddhisten. Ich bin saudischer Staatsbürger, ich sah zuletzt viele Reformen, aber es wäre nicht richtig, meine Position als Generalsekretär des Zentrums mit den Vorgängen in Saudiarabien zu vermischen.

Immerhin trägt das Zentrum den Namen des saudiarabischen Königs.

Wissen Sie, wer das Zentrum so nennen wollte? Die Direktoriumsmitglieder baten König Abdullah, es nach ihm zu benennen.

Warum ist es für den König einfacher, mit Führern anderer Religionen diesen Dialog zu beginnen, als dem Großmufti in Saudiarabien zu erklären, nicht die Zerstörung von Kirchen auf der arabischen Halbinsel zu fordern.

Sie müssen die Natur der saudischen Gesellschaft kennen. Reformen gingen immer von der Regierung aus und stießen stets auf Widerstand in der Gesellschaft. Die Gesellschaft hat Angst vor importierten Veränderungen. Und das ist auch schon das Letzte, was ich zu Saudiarabien sage. Wenn jemand sagt, er akzeptiert keine Initiative aus einem anderen Land, solange es sich nicht verändert, stellt er unmögliche Vorbedingungen.

Ist es denn zu viel verlangt, dass Andersgläubigen in Saudiarabien zunächst einmal gestattet werden soll, ihre Religion öffentlich auszuüben, bevor der große internationale Dialog beginnt?

Dieses Zentrum wird ein perfekter Ort sein, um Religionsführer zusammenzubringen. Und es wird, da bin ich mir sicher, auch ein Assistent des Großmufti kommen.

Warum muss der Großmufti nicht sofort zurücktreten, wenn er Kirchenzerstörungen fordert?

Das war keine Fatwa (Rechtsgutachten).

Was war es dann?

Ein Interview mit einem Journalisten. Leider hat der Journalist es falsch wiedergegeben.

Wünschen Sie sich als Generalsekretär des Dialogzentrums, dass Christen ihre Religion in Saudiarabien frei ausüben dürfen?

Das ist kein Wunsch, das ist ein Recht jeder Religion.

Sie sagen also, es ist ein Menschenrecht, seine Religion praktizieren zu dürfen.

Es ist kein Menschenrecht. In jeder Religion gibt es ...

Natürlich ist die Religionsfreiheit ein universelles Menschenrecht.

Die Scharia erkennt alle Propheten und Religionen an. Der einzige Weg, Anerkennung und Respekt zu erreichen, ist es, die Menschen an den Gesprächstisch zu bringen.

Wird es ein Treffen des Dialogzentrums in Riad geben?

Ja, bald. Wie bald, kann ich nicht sagen, aber es wird ein Treffen geben.

Und wird auch der jüdische Vertreter, Rabbi Rosen, einreisen dürfen?

Er ist ein Mitglied des Direktoriums und amerikanischer Jude. Es stimmt nicht, dass Juden nicht nach Saudiarabien einreisen dürfen. Fast jede Woche kommt eine Delegation aus Europa oder den USA. Das Problem ist Israel, das von Saudiarabien nicht anerkannt wird.

Verstehe, israelische Staatsbürger dürfen nicht einreisen. Und wird man Christen erlauben, Bibeln oder Rosenkränze mitzunehmen? Das ist ja normalerweise ein Problem beim saudischen Zoll.

Der Dialog wird viele gute Nachrichten bringen. Haben wir denn eine andere Chance als einen Dialog? Glauben Sie, dass man Menschen zur Veränderung zwingen kann?

Nein, aber ich glaube mehr an Taten als an Worte. Deswegen wäre es ein guter Anfang, wenn es Religionsfreiheit in Saudiarabien gäbe.

Ich möchte, dass Sie 1,6 Milliarden Muslime fragen, was sie zum französischen Schleierverbot sagen.

Das verstehe ich nicht. Frankreich ist ein säkularer Staat und unterbindet deshalb religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden und Räumen.

Ja, man muss das Gesetz respektieren, die Trennung von Religion und Staat.

Genau das Gegenteil gilt für den Großteil der islamischen Welt.

Ja, und nach dem Arabischen Frühling werden Sie sehen, was in Ägypten und Syrien passiert. Dieses Problem wird sich fortsetzen. Es kann nur durch Dialog gelöst werden. In den meisten islamischen Länder basiert die Verfassung auf dem islamischen Recht. Nicht einmal demokratische Länder glauben an die Trennung von Religion und Staat. Darüber muss die westliche Kultur einen Dialog mit islamischen Ländern führen.

Ich glaube, einer der Gründe, warum Ihre Regierung das Zentrum sponsert, liegt darin, dass sie ihr Image im Ausland aufpolieren will.

Saudiarabien leistet große Beiträge in vielen Weltorganisationen. Fragen Sie bei der Unesco, für die Saudiarabien nach dem Zahlungsstopp der USA gerade eine sehr wichtige Spende geleistet hat.

Wie wird das Zentrum finanziert?

Drei Jahre lang wird Saudiarabien für das Budget aufkommen. Das jährliche Budget wird zwischen zehn und 15 Millionen Euro betragen. Das Zentrum wird maximal 25 Angestellte haben. Wir wollen topqualifizierte Leute aus der ganzen Welt.

Wie viele Beamte werden aus dem österreichischen Außenamt ins Zentrum wechseln?

Aus Österreich kommt nur meine Stellvertreterin Bandion-Ortner und ein Mitarbeiter, den wir mithilfe eines Headhunters nominiert haben. Ich garantiere: Es wird null Einfluss der drei Außenministerien geben.

Vielleicht kommt die Beeinflussung erst.

Ich werde das nicht zulassen.

Das ist schwierig, wenn Saudiarabien alles zahlt und Sie als saudiarabischer Staatsbürger Generalsekretär des Zentrums sind.

Die neun Mitglieder des Direktoriums sind sehr hart. Wir wollen ein kristallklares transparentes System aufbauen.

Sie waren Vizebildungsminister in Saudiarabien. Wissen Sie, was saudiarabische Schüler über andere Religionen lesen können?

Ja, und Sie wären erstaunt, was in den vergangenen drei Jahren passiert ist.

Es gibt also keine fundamentalistisch-wahhabitische Hetze gegen andere Religionen in Schulbüchern?

Sie werden kaum etwas finden. Aber es gibt extremistische Aktivitäten außerhalb der Schulen. Extremisten gibt es überall.

Danke für den offenen Dialog.

Zur Person, zum Zentrum

Faisal bin Abdulrahman bin Muaammar ist Generalsekretär des Internationalen König-Abdullah-Zentrums für Interreligiösen und Interkulturellen Dialog, das am 26.November in Wien eröffnet wird. Der Vertraute von König Abdullah war zuletzt saudiarabischer Vizebildungsminister. Die Gründungsstaaten des Zentrums – Saudiarabien, Spanien und Österreich – haben ihn für vier Jahre bestellt, dessen Stellvertreterin, die ehemalige Justizministerin Claudia Bandion-Ortner ebenfalls. Das Direktorium des Zentrums besteht aus neun hochrangigen Vertretern des Islam, des Christentums, des Judentums, des Hinduismus und des Buddhismus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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