Trümmer in Gaza, Raketen auf israelische Großstädte

Ägyptens Premier Kandil reist in den Gazastreifen, um Solidarität mit den Palästinensern zu zeigen. Israel will bis zu 75.000 Reservisten mobilisieren und sperrt Verkehrsadern um den Gazastreifen. Kommt eine Bodenoffensive?

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Gaza-Stadt:Feuerwehrmänner auf den Überresten eines zerstörten Gebäudes des Hamas-Innenministeriums

Jerusalem. Gerade als Sanitäter die toten Körper zweier Opfer der israelischen Luftangriffe brachten, traf Ägyptens Regierungschef Hesham Kandil am Freitag im Shifa-Krankenhaus in Gaza ein. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte zwar Bereitschaft zur Feuerpause für die Zeit des Besuchs von Kandil signalisiert. Er stellte jedoch die Bedingung, dass auch die Hamas das Feuer einstellt, was nicht passiert ist. Zum zweiten Mal gingen in Tel Aviv die Sirenen los. Erstmals wurde auch Jerusalem angegriffen, die Rakete schlug außerhalb der Stadt ein, verletzt wurde niemand.

Nahezu pausenlos schossen die Islamisten am Freitag Raketen auf Israel ab, und nahezu ohne Pause griff die Luftwaffe Ziele im Gazastreifen an - rund 30 Palästinenser fielen seit Mittwoch den Luftangriffen zum Opfer, darunter Zivilisten und Islamisten. Am Freitagabend wurde der Hamas-Militärchef für den mittleren Abschnitt des Gazastreifens, Ahmed Abu Jalal, zusammen mit zwei seiner Brüder und einem Nachbarn im Flüchtlingslager Al-Mughazi von einer Rakete getötet, berichtete der medizinische Notdienst des Gebiets.

„Warten auf Kairo"

„Wir können dieser Aggression nicht schweigend zusehen", hatte Ägyptens Premier Kandil Stunden zuvor aufgewühlt die Szenen im Shifa-Krankenhaus kommentiert. Für die Bevölkerung signalisiert der ägyptische Besuch eine neue Realität. Ex-Präsident Hosni Mubarak hielt während der Gefechte vor vier Jahren den Grenzübergang in Rafah gesperrt. Das Regime unter Präsident Mohammad Mursi liefert schon jetzt Hilfsgüter an die Palästinenser.

„Warten auf Kairo" überschrieb die liberale israelische Tageszeitung „Haaretz" einen Kommentar auf der Titelseite, gleich neben einer Anzeige mehrerer Friedensgruppen gegen den „Wahlkampfkrieg". Der Ausweg aus der Gewaltwelle scheint allein in ägyptischen Händen zu liegen.
Auch EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton äußerte ihre Hoffnung, dass Kandil „in der Lage sein wird, die Situation zu beruhigen". Ashton machte wie auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den Raketenbeschuss der Hamas für die Eskalation verantwortlich.

Arsenal der Hamas ausgedünnt

Hört man die Protagonisten auf beiden Seiten, erscheint die Mission Kandils kaum realistisch. Die Hamas müsse „auf den Knien darum betteln", bevor Israel einen Waffenstillstand erwägen würde, sagt Verteidigungsminister Ehud Barak. Umgekehrt versprach der offizielle Hamas-Armeechef Mohammad Deif eine „Reaktion, die die Besatzer nie vergessen werden".

Ungeachtet der Wortgefechte dürfte die Hamas aber kein Interesse an weiterer Eskalation haben. Das Raketenarsenal der Islamisten wird, so berichten israelische Armeesprecher, mit den Luftangriffen der letzten Tage radikal ausgedünnt.
Die meisten Hamas-Raketen landen entweder in unbewohnten Gegenden oder werden abgefangen. Auch die auf Tel Aviv abgeschossenen Mittelstreckenraketen richteten keinen Schaden an.

Und für Israel bedeutet eine Bodenoffensive ein kaum kalkulierbares Risiko, trotzdem mobilisierte die Armee bereits 16.000 Reservisten, bis zu 30.000 sind gebilligt.  Und es sollen noch mehr werden: Nach Angaben von Kabinettssekretär Zvi Hauser wird nun die Mobilisierung von bis zu 75.000 Reservisten angestrebt. Dem Vorschlag müssen allerdings noch alle Kabinettsmitglieder zustimmen.

„Es ist nicht sicher, dass wir einmarschieren", meinte Verteidigungsminister Barak, „aber sollte es nötig werden, dann sind wir bereit." Offenbar in Vorbereitung einer möglichen Bodenoffensive sperrte Israel am Freitagabend  alle großen Verkehrsadern um den Gazastreifen. Die Straßen befänden sich jetzt in einem "geschlossenen Militärgebiet", sagte ein Armeesprecher.

Kandil wird nun eine Formel suchen, die beiden Seiten ermöglicht, das Feuer einzustellen, ohne das Gesicht zu verlieren. Möglich ist, dass der Tod dreier Israelis und die Raketen auf Jerusalem und Tel Aviv der radikalen Hamas als „Erfolg" ausreicht. Umgekehrt kann sich Israel mit der gelungenen Exekution des De-facto-Hamas-Armeechefs Ahmad al-Jabari und eines weiteren Hamas-Kommandanten zum Sieger erklären.

(Korrespondentin Susanne Knaul, Red., Ag.)

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