Ägypten: "Mursi kapiert es einfach nicht"

Ägyptens Präsident Mursi könnte die Volksabstimmung über die Verfassung doch verschieben. Seit den schweren Ausschreitungen Mitte der Woche geht in Kairo die Angst um.

Mohammed Mursi
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Mohammed Mursi
Mohammed Mursi – (c) REUTERS (REUTERS TV)

Seit sechs Uhr früh ist sie auf den Beinen. Hose, Jacke und Hände sind weiß bekleckert, nur die Fingernägel leuchten wie rote Punkte. „Es wird noch viel mehr Blut fließen", sagt Bahia Shehab. „Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen jetzt auf der Straße kämpfen, um eine Diktatur abzuwenden. Mursi kapiert es einfach nicht." Den Zugang zum Tahrir-Platz sperren jetzt Barrikaden aus Stacheldraht, herausgerissenen Eisentoren und Sandsäcken. Direkt dahinter sprüht die Künstlerin an ihrem neuen Sgraffito, nebenan liegt ein beträchtlicher Vorrat zerkleinerter Pflastersteine aufgehäuft. „Wir sind wieder da", malt sie in kantigen Lettern auf den Asphalt.

Seit Präsident Mursis Justizdekreten „arbeitet" sie wieder auf der Straße. Dessen Rede vom Vorabend kommentiert sie mit kalter Wut: „Wir sollen zum Tee in seinen Palast kommen, damit er uns endgültig in die Pfanne haut", schimpft sie. Besonders regt sie auf, dass Mursi die Demonstranten bezichtigt, bezahlte Handlanger des alten Regimes zu sein. „Wir wollen eine anständige Verfassung, die unsere mühsam erkämpften Rechte garantiert."

Seit den schweren Ausschreitungen Mitte der Woche geht in Kairo die Angst um. Selbst die sonst so munter krähenden Gebetslautsprecher klingen an diesem Freitag irgendwie kleinlaut. Die einen hasten mit geduckten Köpfen durch die Straßen, andere starren in den Teehäusern auf die pausenlos laufenden Fernseher. Alle fragen sich, wie es nun weitergeht mit ihrem Land, nachdem der Präsident am Vorabend jeglichen Kompromiss im Streit um die Verfassung abgelehnt und seinen Kontrahenten unverhohlen gedroht hat. Noch eine Woche bleibt bis zum Referendum am 15. Dezember.

Mubarak ist bester Laune. Allerdings wurde am Freitagabend bekannt, dass Mursi unter Umständen bereit sei, den Volksentscheid über den umstrittenen Verfassungsentwurf zu verschieben. Mursi „könnte eine Verschiebung des Referendums akzeptieren", wenn das keine rechtlichen Folgen habe, sagte Vize-Präsident Mahmoud Mekki. Die Opposition müsse allerdings garantieren, dass sie dann nicht argumentiere, eine einmal angesetzte Volksabstimmung müsse innerhalb der Zwei-Wochen-Frist abgehalten werden.

Der Präsident ist geschwächt, das Volk entzweit. Wie Heerscharen stehen einander Islamisten und Säkulare gegenüber, scheinbar zu allem entschlossen. Misstrauen und Verdächtigungen vergiften das Klima. Und aus dem Gefängnis dringt die Kunde, Alt-Diktator Hosni Mubarak sei wieder bester Laune, seine Depressionen wie verflogen.

Sein Nachfolger Mohammed Mursi wirkte am Donnerstagabend bei seiner Fernsehrede genauso angespannt und stur wie Mubarak während der 18-tägigen Revolution 2011 bei seinen legendären Nachtappellen an das aufgebrachte Volk. Wie der einstige Kampfflieger Mubarak, ist auch der islamistische Ingenieur Mursi aufgewachsen in einer Welt, in der allein die Macht zählt, es keine Kompromisse gibt und man Andersdenkende einfach überrollt.

Seine Gegner beschimpfte er als „fünfte Kolonne" und drohte, man habe sie alle im Auge und werde mit den Verschwörern aufräumen. Von seinen Anhängern wird er wie ein Idol und Erlöser verehrt. Auf dem Tahrir-Platz und auch vor dem Präsidentenpalast in Heliopolis forderten derweil am Freitag erneut Zehntausende den Sturz des Staatschefs. Dicht an dicht reihen sich die Zelte, überall liegen Knüppel und Eisenrohre griffbereit, weil alle mit einem Sturmangriff der Muslimbrüder rechnen. Die Fronten verhärten sich weiter, der Ton wird immer gereizter. Das säkulare Lager auf dem Tahrir-Platz will nicht mit dem Präsidenten reden, der ihre Wortführer für Samstagmittag in den Palast geladen hat. Nach Mursis Rede sei „die Tür für jeden Dialog zugeschlagen", erklärte Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei, Sprecher des Oppositionsbündnisses „Nationale Rettungsfront".

Zwischen den Zelten am Tahrir sitzt Adel Abou Hussein. Von seinem Plastikstuhl aus hat der pensionierte Oberst den ganzen Platz im Blick. Die Bügelfalten an seinem hellblauen Hemd sind tadellos, das Jackett liegt säuberlich gefaltet auf seinen Knien. „Zum Schlafen im Zelt bin ich zu alt", sagt der 62-Jährige. Das Volk habe aber nicht den einen Diktator verjagt, um sich einen neuen einzufangen. Seit acht Tagen kommt er jeden Morgen, nach dem Abendgebet geht er wieder heim.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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