Kehrt um, marsch! Der deutsche Weg zum neuen Heer

Wehrpflicht abschaffen, Armee schrumpfen, Kosten sparen: Ohne großes Aufsehen krempelt Deutschland sein Militär um. Nur fragwürdige Werbekampagnen sorgen für Wirbel.

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Bundeswehr – (c) REUTERS (MORRIS MAC MATZEN)

Was für ein Abenteuer! Mit echtem Fluggerät der Bundeswehr geht es ab nach Sardinien. Dort gibt es Party unter Palmen, Wettkämpfe im Wasser und Abseilen von Klippen. Lieber Berg als Beach? Auch in den Alpen wird auf einer coolen Hütte jede Menge „Action, Adrenalin und Abenteuer“ mit flotten Gebirgsjägern geboten. Mann, ist das krass!

In diesem Tonfall ist ein Videoclip samt fetziger Musik gehalten, mit dem die Bundeswehr im September deutschen Jugendlichen zwischen 16 und 21 so richtig Lust auf ihr „Adventure Camp“ machte (Link: Der Clip auf YouTube).

Zielgruppengerecht wurde das bunte Filmchen auf der Onlineseite von „Bravo“ platziert. Mit den Ferienlagern ködert das deutsche Heer junge Menschen für den Dienst als Freiwilliger. Gefahr, Leid, Töten und Sterben bleiben ausgeblendet. Es gab ein wenig Entrüstung vom Kinderhilfswerk, von Grünen und Medien – einer der seltenen Momente, in denen die Bundeswehr Schlagzeilen macht. Die Deutschen kultivieren ein solides Desinteresse für das Kriegshandwerk. Und so entgeht ihnen fast die radikale Neuausrichtung, die ihre Streitkräfte seit zweieinhalb Jahren vollziehen.

Die allgemeine Wehrpflicht, für konservative Kreise lange eine unverzichtbare Schule der Heimatliebe, wurde mit Juli des Vorjahres „ausgesetzt“ und damit de facto abgeschafft. Das Heer wird drastisch verkleinert, von 250.000 auf 170.000 Mann, zu denen zumindest 5000 Freiwillige kommen.

Eine Kaserne nach der anderen schließt. Auch die Zahl der zivilen Mitarbeiter, heute knapp 100.000, wird fast halbiert. Die geschrumpfte Truppe bekommt neue Aufgaben: Einsätze in aller Welt, mit Nato, UNO oder EU, wo jede Nation das einbringt, was sie am besten kann.Und das Wichtigste: All das soll weniger kosten als früher.

Zu wenig Junge, zu viele Alte

Der Auslöser für die Reform war die Wirtschaftskrise. Acht Milliarden soll bei der Verteidigung eingespart werden – mit unfreundlichen Grüßen vom Finanzminister. Vielleicht kein Himmelfahrtskommando, aber ein Kampf an vielen Fronten, den Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg angezettelt hat und den sein Nachfolger Thomas de Maizière nun austragen muss. Der Öffentlichkeit wird das nur selten bewusst. Und wenn, dann durch „krasse“ Werbung.

Sie deutet auf ein nicht minder krasses Rekrutierungsproblem: Früher kam der Nachwuchs aus den Reihen der Grundwehrdiener, die Gefallen am Soldatenleben fanden. Nun aber steht der „Bund“ im ungeschützten Wettbewerb mit zivilen Arbeitgebern. De Maizière rechnet vor: Er senke die Standards nicht, wolle nur die Guten, im Schnitt jeden dritten Bewerber. Er erwartet zehn Prozent Frauen. Das bedeutet: Jeder Achte aus diesem Jahrgangspool muss sich beim Heer bewerben. Der Minister nennt das „ehrgeizig“. Viele halten es für nicht machbar.

Von den Jungen zu wenig, von den Alten zu viel: Mit Frühpensionierungen, großzügigen Abfindungen und neuem Einsatz in zivilen Ecken des Staatsdienstes soll der Personalabbau „sozialverträglich“ über die Bühne gehen. Einsparungen sind aber auch zum Ende der Wehrpflicht zu erwarten.

Keine Bürger in Uniform

Denn für den „Bürger in Uniform“ war die offizielle Abschaffung nur noch der letzte Zapfenstreich.Schon Rot-Grün hatte die Tauglichkeitskriterien aufgeweicht und den Zugang zum Zivildienst stark erleichtert. Das nahm eine friedensbewegte und jedem Patriotismus abholde Jugend dankbar auf: Zuletzt dienten nur noch 17 Prozent aller Jungmänner im Bund. Sie waren nicht das Rückgrat der Truppe, sondern standen ihr im Weg – und banden dabei 20.000 Ausbildner. Hier hakt der Vergleich mit Österreich: Hierzulande wird etwa die Hälfte jedes männlichen Jahrgangs mit Waffen ausgestattet. Das Bundesheer baut weit stärker auf Rekruten auf.

Auch die Marschrichtung ändert sich in Deutschland: noch mehr hinaus in die Welt, im Bunde mit anderen. Zuvor aber muss der ungeliebte Einsatz in Afghanistan abgewickelt werden. Alle beteuern, aus den schmerzlichen Erfahrungen eine Lehre gezogen zu haben: dass Streitkräfte allein keinen Frieden stiften können. Dennoch will niemand lange Einsätze mit der Infanterie für die Zukunft ausschließen. Mali, Syrien, Libyen: Auch die jüngeren Erfahrungen zeigen, dass jeder Konfliktherd anders geartet ist. Wenn Deutschland bei einer Intervention überhaupt mitmacht, will es meist auf „Durchhaltefähigkeit“ verzichten, also etwa nur den Start oder das Ende begleiten. Auf jeden Fall soll es Arbeitsteilung geben. Engpässe der Nato und EU bauen die Deutschen zu Stärken aus. Lufttransport, Aufklärung, Nachrichtenwesen. Auch mit dieser Spezialisierung will man Kosten sparen.

Steht aber die Truppe hinter der brachialen Reform? Die Offiziere und Spieße murren, zeigen sich enttäuscht und frustriert, wie Umfragen zeigen. Freilich wird man schwer eine Organisation finden, in der Abteilungsleiter jubeln, wenn ihre Zukunft durch Schrumpfung und Umstrukturierung bedroht ist. Unter den Freiwilligen, die bis zu 23 Monate dienen, bricht ein Viertel vorzeitig ab. Das klingt nach viel, entspricht aber der Launenhaftigkeit der Jugend: Auch zivile Dienste klagen über ähnliche Quoten. Bleibt das Unbehagen darüber, dass die Streitkräfte nicht mehr im Herzen der Gesellschaft verankert sind. Auch in Deutschland sorgt man sich um den Preis, den eine Demokratie für ein Berufsheer womöglich zahlen muss: das Militär als Staat im Staate. Niemand warnt davor eindringlicher als Michael Wolffsohn.

Der „Bufdi“ boomt

Wo man ganz auf Frieden setzt, da herrscht hingegen reine Freude: Unter dem Ende des Zivildienstes hat die soziale Hilfe nicht gelitten. Zur Überraschung aller wird der „Bundesfreiwilligendienst“ geradezu gestürmt. Es gibt mehr Interessenten als freie Plätze. Der „Bufdi“ als Nachfolger des Zivi wird von Jugendministerin Kristian Schröder schon stolz zur „politischen Sensation“ erklärt. Das schont auch ihr Budget: Sie kann auf coole Spots verzichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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