Newtown-Massaker: "Gott hat sie zu sich heimgerufen"

Die bewegende Trauerfeier am Montag in der Newtown High School mit US-Präsident Barack Obama gab nach dem Mord an 26 Menschen, davon 20 Kindern, vielen Trost. Man harrt der Einlösung der Worte.

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Einwohner von newtown sehen weinend Obamas Rede im Fernsehen. – (c) AP (Mary Altaffer)

Die Pianistin hatte Johann Sebastian Bachs Sonate noch nicht zu Ende gespielt, da huschte der Präsident ohne großes Aufhebens vom Hintereingang der Bühne in die Aula der Newtown High School. Am Abend des dritten Adventsonntags erklang nicht, wie sonst üblich, die Präsidentenhymne „Hail to the Chief“. Denn dies war kein Anlass für Pomp und Fanfaren.

Barack Obama hatte zuvor gerade versucht, den Familien der Opfer des Schulmassakers, die sich in einigen Klassenzimmern versammelt hatten, Trost und Beistand zu spenden. Jetzt lauschte er in der ersten Reihe den Gebeten und der Andacht der interkonfessionellen Trauerfeier, während der Adlerblick des Secret-Service-Agenten in der Mitte des Saals über die Reihen wanderte.

„Wir hatten das so nötig, dass wir hier zusammenkommen“, sagte Pastor Matt Crabben. „Wir dachten ja, dass uns der Stromausfall vor ein paar Wochen die härtesten Tage des Jahres beschert hätte“, erklärte Monsignore Robert Weiss vor der Rezitation der Bibelstelle „Der Herr ist mein Hirte“. Wenige Stunden vorher hatte eine Drohung die Sonntagsmesse in dessen Kirche, der katholischen St. Rose Church, gestört. Umgehend evakuierte die Polizei das Gotteshaus.

Im ganzen Land, in Kalifornien und Oklahoma, traten jäh Nachahmungstäter des Adam Lanza auf den Plan, der am Freitag in Newtown 26 Menschen, davon 20 Kinder, erschossen hatte, dazu zuvor zu Hause seine Mutter und danach sich selbst. Überall jagten Polizeiautos mit heulenden Sirenen durch die Straßen, insbesondere in Newtown und Sandy Hook, wo längst der Katastrophentourismus eingesetzt hat. An der Church Hill Road in Sandy Hook staute es sich bis weit hinauf an die Anhöhe.

 

26 silberne Engel im Gras

In der Newtown High School zelebrierte die schwer verstörte Gemeinde eine Art Katharsis, davor waren 26 silberne Engel in den Rasen gepflanzt. Viele lagen sich in den Armen und fielen einander in innigen Umarmungen um den Hals, die mitunter Umklammerungen glichen. Rabbi Shaul Praver und der japanischstämmige Reverend der Methodistenkirche traten gemeinsam auf die Bühne, fassten einander dabei an der Schulter und der Rabbi stimmte ein hebräisches Totengebet an.

Drei Stunden hatten die Menschen in einer Schlange im Nieselregen ausgeharrt, um Einlass zu finden für die Trauerfeier mit dem Präsidenten. Die kleine Soledad, die den Amoklauf in der Sandy-Hook-Volksschule ohne äußeren Schaden überstanden hatte, drückte ihren Plüschhund „Cinemon“ an sich. Ihre Eltern und die zwei älteren Geschwister herzten sie bei jeder Gelegenheit. „Ich bin so froh, dass meine Familie heil ist. Also kann ich mich glücklich schätzen“, sagte der Vater.

Zum viertem Mal nach ähnlichen Bluttaten in Fort Hood, Tucson und Aurora hatte Obama in seiner Rolle als „Prediger und Seelentröster der Nation“ die traurige Pflicht, seine Landsleute moralisch aufzurichten. Als er Freitagmittag die Nachricht vom Blutbad an der Schule erhielt, sei dies der schwerste Moment seiner Amtszeit gewesen, erzählte zuvor Dan Malloy, Gouverneur von Connecticut, vom Gefühlsleben des Präsidenten.

„Unsere Welt ist auseinandergebrochen. Wir haben mit Newtown geweint. Newtown, ihr seid nicht allein. Das könnte in jeder anderen Stadt in Amerika geschehen sein“, sagt Obama. „Ich weiß, dass kein Wort den Schmerz ausdrücken, den Verlust wettmachen kann.“ Er verspricht, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um solche Tragödien zu verhindern. „Wir dürfen das nicht als Routine akzeptieren. Der Schutz unserer Kinder ist unsere erste Aufgabe. Kommen wir unseren Verpflichtungen nach? Nein!“

Als er dann mit quälend langen Pausen die Vornamen der 20 jungen Opfer verliest, gibt es kein Halten im Saal. Seufzen, Schniefen Wimmern, Heulen – Trauer in allen Formen. Selbst Fred, der Vietnam-Veteran mit dem Seehundschnauzer, Opa eines Erstklässlers, ist untröstlich. „Gott hat sie heimgerufen“, fügt Obama an. „Gib denjenigen, die zurückgeblieben sind, die Kraft, ihrer Erinnerung gerecht zu werden.“ Kein Geistlicher hätte dies besser formulieren können als der eloquente Mann im dunklen Anzug. Jetzt warten viele auf Einlösung seiner Worte. Etwa Abgeordnete wie die Demokratin Carolyn McCarthy, deren Mann 1993 bei einer Schießerei im Zug der Long Island Rail Road erschossen wurde und die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, für striktere Waffengesetze zu kämpfen.

„Wenn sich nichts ändert, sind die Kids vergebens gestorben“, meint Lauren Mallon nach der Trauerfeier. Wie die meisten ist sie jedoch mehr als „happy“, dass der Präsident eigens angereist ist.

 

Beerdigung im Trikot des Idols

Nach einem langen Wochenende, das wie eine Woche anmutete, kam am Montag die schnöde Realität zurück nach Newtown. Tag für Tag sind Begräbnisse der 26 Opfer angesetzt. Den Anfang machte zu Wochenbeginn die Bestattung der sechsjährigen Buben Noah Pozner und Jack Pinto. Nach dem Willen seiner Eltern sollte Jack, ein Fan des Football-Teams der New York Giants, im Trikot seines Idols Victor Cruz zu Grabe getragen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2012)

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