Tschechoslowakei: Eine gelungene Scheidung

Die Tschechoslowakei wurde vor 20 Jahren aufgelöst. Die Slowakei entwickelte sich zum wirtschaftlichen „Tiger“ in Mitteleuropa. Prager Politiker unterschätzten nach 1989 das slowakische Emanzipationsstreben.

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Symbolbild – (c) REUTERS (DAVID W CERNY)

Wien. Es herrschte international tiefe Skepsis, als Tschechen und Slowaken vor 20 Jahren ihren gemeinsamen Staat, die Tschechoslowakei, auflösten, um getrennter Wege zu gehen. Vor allem die Überlebensfähigkeit der kleineren Slowakei wurde angezweifelt. Doch das Land schaffte einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufstieg. Bratislava wurde von einer Stadt an der tschechoslowakischen Peripherie zur boomenden Hauptstadt. Die tschechisch-slowakische Scheidung ist Musterbeispiel für eine gelungene Trennung. Eine Gegenüberstellung.

Slowakei

1 War die Scheidung beider Länder erfolgreich?

Für die Slowakei begann die Unabhängigkeit mit einem volkswirtschaftlichen Scherbenhaufen und wurde zu einer einmaligen Erfolgsgeschichte. Brachte das erste Jahrzehnt vor allem Massenarbeitslosigkeit und hohe Inflation, machte gerade der Status als Niedriglohnland und Land der niedrigen Unternehmenssteuern die Slowakei ab dem Beitritt zur EU zum „Tigerstaat Mitteleuropas“.
Bis die Wirtschaftskrise 2009 auch die Slowakei einholte, hatte sie in ihren ersten fünf Jahren EU-Mitgliedschaft ein Wirtschaftswachstum von über sieben Prozent pro Jahr. Nach einem kurzen Einbruch 2009 gehörte die Slowakei 2010 zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas.
Der Wirtschaftsboom baute vor allem auf enormen Steigerungen der Produktivität auf, die Arbeitslosigkeit mit knapp 14 Prozent war noch immer hoch. Der wirtschaftliche Erfolg des Landes ist wohl der wichtigste Grund dafür, dass heute kaum mehr jemand die politische Eigenständigkeit der Slowakei infrage stellt.

2 Wie sieht das Verhältnis zum ehemaligen Partner aus?

Das Bedürfnis der Slowaken nach Gemeinsamkeit mit den Tschechen zeigt sich nicht zuletzt in der Unterhaltungskultur. Die tschechischen Stars aus Musik, Film, Sport und TV sind in der Slowakei fast genauso bekannt wie in Tschechien. Tschechische Filme werden in der Slowakei ebenso wie tschechische Bücher im Original genossen. In der Slowakei ist Tschechisch aufgrund eines 2009 beschlossenen Sprachgesetzes dem Slowakischen gleichgestellt.

3 Warum kam es zur Trennung der beiden Länder?

Die Slowakische Republik galt in den ersten fünf Jahren ihrer Existenz als „Staat, den keiner wollte“. Vor allem die Gebildeten in Bratislava (Pressburg) waren zunächst dagegen. „Staatsgründer“ Vladimír Mečiar hatte noch im Wahlkampf 1992 keine Unabhängigkeit, sondern nur mehr Autonomie für die Slowakei im Rahmen einer Konföderation angestrebt – mit Transferzahlungen für die Slowakei. Erst nach dem Scheitern aller Kompromissversuche stimmte Mečiar der von seinem tschechischen Gegenüber Václav Klaus ins Spiel gebrachten Teilung zu.

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Tschechien

1 War die Scheidung beider Länder
erfolgreich?


Die Tschechen hatten sich wirtschaftlich von der Teilung mehr versprochen und zudem für die Slowaken auf diesem Gebiet nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Tschechiens Präsident Václav Klaus musste dieser Tage einräumen, dass sich das BIP in Tschechien seit 1993 um 50 Prozent erhöht habe, „in der Slowakei aber um 100 Prozent“. Grund: radikale Reformen, die in Tschechien unmöglich gewesen wären.
Glaubt man einer repräsentativen Umfrage, dann hat sich die Zahl derjenigen Tschechen, die die Teilung heute für einen richtigen Schritt halten, erhöht (von 33 Prozent 1993 auf jetzt 46 Prozent). Die Umfrage sagt aber zugleich, dass die Mehrheit bis heute die Teilung als einen Fehler ansieht.

2 Wie sieht das Verhältnis der ehemaligen Partner aus?

Es wird von den Politikern beider Seiten als das denkbar beste bezeichnet. Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen, dass ein tschechischer Präsident oder Premier nach seiner Wahl zuerst Kontakt zu seinem slowakischen Gegenüber aufnimmt. Beide Länder sind außenpolitisch gemeinsam aktiv, es gibt unter anderem gemeinsame Missionen in Krisengebieten. Derzeit wird darüber nachgedacht, in einigen Ländern nur noch eine Botschaft zu haben, die den ehemaligen Bruderstaat mitvertritt. Im Fernsehen suchen Tschechen und Slowaken gemeinsam ihre „Superstars“. Trotz des Widerstands der internationalen Föderationen bemühen sich Fußballer und Eishockeyspieler um die Wiedereinrichtung gemeinsamer Ligen.

3 Warum kam es zur Trennung der beiden Länder?

Es gab nach 1989 nicht einen tschechischen Politiker von Rang, der das slowakische Emanzipationsstreben begriffen hätte. In Prag ging man davon aus, dass die Slowaken dankbar zu sein hätten, seit der Gründung des gemeinsamen Staates 1918 in vielerlei Hinsicht Entwicklungshilfe bekommen zu haben. Nach 1989 fühlten sich Tschechiens Politiker immer wieder von Bratislava provoziert, wo man zunehmend auf mehr Mitsprache drängte. Während die tschechischen Reformer privatisierten, um die Grundlagen für eine funktionierende Marktwirtschaft zu errichten, fürchtete man in der Slowakei die Folgen dieser Entwicklung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)

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