Unruhestifter: Der rätselhafte Kleriker, der aus der Kälte kam

Der nach Kanada ausgewanderte Tahirul Qadri steht an der Spitze einer internationalen religiösen Organisation und möchte in Pakistan Justiz und Armee aufwerten. Zehntausende folgen seinen Protestaufrufen.

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Tahirul Qadri (Mitte) – (c) REUTERS (MANI RANA)

Islamabad/Zas. Tahirul Qadri ist zwar seit mehr als zwei Jahrzehnten auf der politischen Bühne Pakistans präsent. Zu nennenswerter Prominenz hat er es in der Zeit jedoch nie gebracht – zumindest bis jetzt. Der Prediger, der kanadisch-pakistanischer Doppelstaatsbürger ist, leitet eine große religiöse Organisation, die sich für interreligiöse Toleranz einsetzt und in mehr als 100 Ländern aktiv ist. Qadri hat bereits 1989 versucht, in die Politik seines Landes einzusteigen, war aber erst 2002 – vermutlich mit Unterstützung des damaligen Diktators Pervez Musharraf – als Abgeordneter ins Parlament in Islamabad gewählt worden.

Angesichts dieser durchwachsenen politischen Karriere war der gewaltige Andrang auf Qadris erste Kundgebung seit seiner Rückkehr am 23.Dezember in Lahore umso überraschender: Mehrere hunderttausend Menschen folgten gestern seinem Aufruf, gegen die Regierung zu protestieren.

Qadris religiöse Ansichten mögen moderat sein, seine politischen Forderungen sind in den vergangenen Wochen jedoch immer radikaler geworden. In einem Interview sagt er, er wolle die „Wahl-Diktatur“ in Pakistan abschaffen. „Kriminelle“ sollten aus der Politik ausgeschlossen werden. Am Dienstag rief er gar zu einer „Revolution“ auf, nachdem die Regierung seiner Forderung nicht nachgekommen war, umgehend zurückzutreten.

 

Was treibt Qadri an?

Schon seit Wochen rätseln die Menschen in Pakistan, was Qadri antreibt. Oder genauer: Wer hinter ihm stehen könnte. Denn Qadris Kampagne muss schon jetzt ein Vermögen verschlungen haben. Unzählige Plakate im ganzen Land verkünden Qadris Botschaft, auf Pakistans Privatsendern laufen in jeder Werbepause teure Qadri-Werbespots. Seine Organisation weigert sich jedoch, ihre Finanzen offenzulegen. Viele Pakistaner haben sich die Frage daher schon längst beantwortet: Sie vermuten, dass Qadri mit der Armee gemeinsame Sache macht (siehe oben).

Dafür spricht in der Tat eine Menge. Denn eine von Qadris Kernforderungen lautet, Justiz und Armee stärker in den politischen Prozess einzubinden. Dabei hat die letzte Militärdiktatur erst 2008 geendet.

Keine der großen Parteien des Landes unterstützt die Forderung des Klerikers nach einer Reform der Wahlgesetze – nicht einmal die Opposition. Die einzige Ausnahme ist die heute weitgehend bedeutungslose Pakistan Muslim League (Q) (PML-Q), die ehemalige Unterstützerpartei des Militärdiktators Pervez Musharraf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2013)

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