Schwarzenbergs Gegner ziehen „sudetendeutsche Karte“

Der Außenminister und bürgerliche Präsidentschaftskandidat muss sich gegen Vorwürfe wehren, er sei kein „authentischer Tscheche“.

Czech presidential candidates Schwarzenberg and Zeman chat before a televised debate in Prague
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Czech presidential candidates Schwarzenberg and Zeman chat before a televised debate in Prague
Czech presidential candidates Schwarzenberg and Zeman chat before a televised debate in Prague – REUTERS

Prag. Eine Woche vor der Stichwahl zum tschechischen Staatsoberhaupt machen die Gegner des bürgerlichen Kandidaten, Außenminister Karel Schwarzenberg, mobil. Der bei den Buchmachern im Zweikampf mit dem früheren linken Premier Miloš Zeman vorn liegende böhmische Adelsspross muss sich gegen Vorwürfe wehren, er sei kein „authentischer Tscheche“. Angestoßen haben diese Debatte ausgerechnet Amtsinhaber Václav Klaus und dessen Sohn.

Obwohl Klaus nach der ersten Runde der Wahlen noch betont hatte, den Wählern keine Empfehlung für die Stichwahl geben zu wollen, schlug er sich jetzt offen auf die Seite Zemans. „Präsident sollte ein Mensch werden, der zu diesem Land gehört, der Teil dieses Landes ist, der sein Leben hier verbracht hat“, in guten wie in schlechten Zeiten. Das zielte gegen Schwarzenberg, dessen Familie 1948 gezwungenermaßen ins Exil musste. Schwarzenberg hat von da aus freilich die Prager Dissidenten unterstützt und ist nach der Samtenen Revolution in seine Heimat zurückgekehrt.

Der älteste Sohn von Klaus machte sich öffentlich über die angeblich unzureichenden tschechischen Sprachkenntnisse Schwarzenbergs lustig. Schwerer noch wog sein Vorwurf, der Vater Schwarzenbergs habe mit den Deutschen kollaboriert. Klaus jr. bezog sich dabei auf in der Zeit des Sozialismus erschienene „wissenschaftliche Werke“, die längst als Propaganda entlarvt worden sind.

Die Familie Schwarzenberg gehörte ganz im Gegenteil zu den größten böhmischen Patrioten, was dazu führte, dass ihr Besitz von den Nationalsozialisten konfisziert wurde. Wegen ihrer pro-tschechischen Haltung durfte die Familie nach dem Krieg auch ihre tschechoslowakische Staatsbürgerschaft behalten und wurde nicht mit den Sudetendeutschen kollektiv vertrieben. Folgerichtig erhielt Karel Schwarzenberg nach 1989 auch einen Großteil seines früheren Eigentums zurückerstattet.

 

Gemeinsame Leichen im Keller

Schwarzenberg selbst nahm die Vorwürfe gelassen hin: „Ich habe mir meine tschechische Sprache, so gut es ging, auch im Exil erhalten. Und die Nationalhymne habe ich schon gesungen, als Klaus jr. noch gar nicht auf der Welt war.“ Wenig überrascht zeigte sich der Minister auch von der Parteinahme Klaus' für seinen Widersacher Zeman. Beide verbinde die Zeit des gemeinsamen Regierens in der Zeit des „Oppositionsvertrages“, den Kritiker bis heute als „schwersten Schlag gegen die Demokratie nach 1989“ bewerten. „Nichts verbindet zwei Leute besser als gemeinsame Leichen im Keller“, sagte Schwarzenberg.

In einer Fernsehdebatte am Donnerstagabend zog Gegenkandidat Zeman dann gegenüber Schwarzenberg die „deutsche Karte“. Er hielt dem Minister vor, dem Präsidenten Václav Havel zur Entschuldigung bei den Sudetendeutschen geraten und den Vertriebenen die Rückgabe ihres Eigentums in Aussicht gestellt zu haben.

Schwarzenberg erwiderte darauf, dass die Vertreibung aus heutiger Sicht als „grobe Verletzung der Menschenrechte“ anzusehen sei. Die damalige tschechische Gesellschaft sei „vom Bazillus des Nazismus angesteckt“ gewesen, als sie nach dem Prinzip der Kollektivschuld auch jene Deutsche vertrieben habe, die sich loyal zum tschechoslowakischen Staat verhalten hatten.

Zeman hat in seiner Zeit als Premier für eine massive Verstimmung in Deutschland gesorgt, als er die Sudetendeutschen als „fünfte Kolonne Hitlers“ bezeichnet hat. Die Sudetendeutschen hätten froh sein können, „heim ins Reich“ zu dürfen, statt an die Wand gestellt zu werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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