Italien: Das unheimliche Comeback des Silvio Berlusconi

Warum der ehemalige italienische Premier Silvio Berlusconi in Umfragen vor der Parlamentswahl rasant aufholt. Im Lauf des Jänner ist Berlusconi so stark geworden, wie es niemand erwartet hatte.

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Silvio Berlusconi – (c) EPA (GUIDO MONTANI)

Rom. Seine Leute sagen, Silvio Berlusconi sei müde gewesen und krank, und wer weiß: die Wirkung von mehreren Antibiotika gleichzeitig . . . Er selbst sagt, zu viele Journalisten hätten sich zu eng um ihn gedrängt; da seien ihm diese Sätze halt so rausgerutscht. Glauben will das in Italien niemand. Denn als Berlusconi am Sonntag  mit großem Gefolge gänzlich unangemeldet ins Mailänder Holocaust-Gedenken platzte, da ließ schon das auf eine geplante Aktion schließen. Und Berlusconis Sätze, die hörten sich weniger spontan an als vielmehr genau ausgedacht.

Berlusconi sagte also – beim Gedenken an die deportierten Juden und die politischen Gefangenen des Faschismus!  –, zwar seien die Rassengesetze „die schlimmste Schuld“ des Benito Mussolini gewesen, „vieles andere“ aber habe der Duce „gut gemacht“. Italien trage „nicht die gleiche Verantwortung wie die Deutschen“; die Vernichtung der Juden sei den Italienern von den verbündeten Deutschen „auferlegt“ worden.

Seitenhiebe auf Merkel

Berlusconis Auftritt spielt auf mehreren Ebenen. Zum einen, das unterstreichen Parteifreunde wie Ex-Minister Renato Brunetta, gebe Berlusconi nur wieder, „was die meisten Italiener denken“. Er hat die Wähler am rechten Rand angesprochen. Zweitens nutzte Berlusconi die Gelegenheit, publikumswirksam auf Deutschland hinzuhacken. Das ist ein Zentralmotiv seines Wahlkampfs: Deutschland habe Italien die Haushaltsstrenge aufgedrückt und in die Rezession getrieben, „Frau Merkel“ habe ihn, den vom Volk gewählten Berlusconi, aus dem Amt gedrängt und Mario Monti eingesetzt. Deutschland suche die „Vorherrschaft“ in Europa  – zulasten Italiens.

Drittens legt es Berlusconi derzeit überall  darauf an, im Mittelpunkt zu stehen und Gelegenheiten dafür zu kapern. Er tritt so oft im Fernsehen auf wie nie, sagt irgendetwas, über das wiederum die anderen Fernsehkanäle meinen berichten zu müssen. Sämtliche Nachrichtensendungen, nicht nur die drei Programme seines Privatkonzerns, widmen Berlusconi weit mehr Sendeminuten als  der wahlkämpfenden Konkurrenz. Es ist ein Lawineneffekt; wer immer, egal zu welcher Tageszeit, den Fernseher einschaltet – er sieht Berlusconi.

Wahlforscher sagten bisher, das sei sein verzweifelter Versuch, aus einer ausweglosen Minderheitsposition das Beste zu machen. Im Lauf des Jänner aber ist Berlusconi so stark geworden, wie es niemand erwartet hatte. Betrug sein Rückstand gegenüber dem als sicher betrachteten Wahlsieger, dem Sozialdemokraten Pier Luigi Bersani, in der letzten Dezemberwoche noch 12,5 Prozentpunkte, so ist er nun auf 4,9 Punkte zusammengeschmolzen.

Dazu trägt auch der Skandal um die Großbank Monte dei Paschi aus Siena bei, die – wie die Stadt als solche – dem Einflussbereich der Linken zugerechnet wird. Hier wurde nicht nur gezockt und verloren; hier war womöglich auch eine Milliardenkorruption im Spiel. Optimales Wahlkampf-Material für Berlusconi. Schädlich nicht nur für Bersanis Linke, sondern auch für Monti: Er gilt in Italien als „Mann der Banken“; auch seine Umfragewerte sind mit dem Auffliegen des Skandals gesunken.

Balotelli bringt bis zu zwei Prozent

Jetzt hat Berlusconi einen weiteren Coup gelandet: Er hat das Enfant terrible des Fußballs, den genialen, wenn auch unberechenbaren Stürmer Mario Balotelli, für seinen Erstligaklub eingekauft, den AC Milan. Auch das, so räumt Berlusconi selbst ein, spielt auf mehreren Ebenen: „Der eine Mario“, Monti nämlich, habe „die Italiener mit seinen Steuererhöhungen bluten lassen“; der andere, Balotelli, habe den Deutschen (!) im EM-Halbfinale 2012 die zwei Siegestore hineingeknallt.

20 Millionen Euro musste Berlusconi für Balotelli bezahlen, aber Wahlforscher meinen, das Geld sei gut angelegt; Balotelli bringe Berlusconi ein oder zwei Prozent der Wählerstimmen zusätzlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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