Italiens verlorene Generation

Wie junge Italiener versuchen, in einem Land zu überleben, das ihnen nichts mehr zu bieten hat.

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(c) EPA (ANDREA MEROLA)

Die kleine Pizzeria mit den grünen Holztischen wirbt mit „Pizza Precaria“ für vier Euro. Daneben lockt eine Bar mit günstigem „Krisen-Aperitivo“. Hier, im hippen Viertel Isola in Mailand, sind Yuppies mit dicken Geldbörsen eine vage Erinnerung aus dem vergangenen Jahrhundert. Heute ist man auf bescheidenere Kundschaft angewiesen: auf junge Leute, die sich trotz mageren Einkommens einen ausgelassenen Abend leisten.

Wenige Schritte entfernt, im Lokal „Pianoterra“, spielt laute Musik, zwei Männer matchen sich beim Tischfußball. „Sind die anderen schon da?“, ruft ihnen Piera gut gelaunt zu. Heute Abend trifft sich hier „San Precario“. Die Organisation bringt Menschen mit ähnlichem sozialen Hintergrund zusammen: oft gut ausgebildete Jugendliche mit befristeten Arbeitsverträgen und einem Monatsgehalt von durchschnittlich 836 Euro. Zu dieser Kategorie gehört in Italien fast jeder zweite Beschäftigte unter 35 Jahren.

Piera holt sich ein Bier und lässt sich ins Sofa fallen. Sie habe ihren Karrierehöhepunkt schon hinter sich, sagt die 35-Jährige achselzuckend. Die ausgebildete Handelskauffrau mit dem schwarzen Lockenkopf arbeitet heute als Telefonistin – „von 8.30 bis 17.30 Uhr“, wie sie sarkastisch präzisiert. Das Schwierigste an ihrem Job: „Ich darf nicht zu schnell und zu genau arbeiten. Wenn ich den Eindruck erwecke, überqualifiziert zu sein, wird mein Vertrag nicht erneuert.“ Von ihrer Karriere in einem großem Telekommunikationskonzern vor etwa zehn Jahren weiß ihr Chef deshalb nichts.

Damals ließ sich Piera als Personalmanagerin ausbilden. Schnell stieg sie auf, bald vertraute ihr die Firma das Training von Mitarbeitern in mehreren Filialen des Landes an. „Ich reiste durch Italien. Damals dachte ich, meine Karriere hängt nur von meinen eigenen Fähigkeiten ab. War ich naiv!“

Pieras Unternehmen ging 2007 in Konkurs, sie verlor den Job. Da sie die Miete nicht mehr zahlen konnte, zog sie wieder zu ihren Eltern. „Ich hab mich daran gewöhnt“, sagt sie resigniert. Sie ist einfach nur froh, etwas zu verdienen: In den letzten zehn Jahren haben 1,5 Millionen junge Italiener ihre Arbeit verloren. Mehr als 36 Prozent der Jugendlichen haben heute keinen Job, im Süden ist sogar jeder Zweite arbeitslos.

Verantwortlich dafür ist nicht nur die lahme Konjunktur, sondern auch der rigide Arbeitsmarkt: Während ältere Angestellte nur sehr schwer gekündigt werden können, stellt man junge Menschen erst gar nicht ein. Premier Mario Monti hat versucht, das zu ändern. Doch mehr als einen unbefriedigenden Kompromiss mit den Gewerkschaften hat er nicht erreicht. Piera wird wütend, wenn es um die Gewerkschaften geht. „Die vertreten die Interessen ihrer alten Klientel. Wir sind ihnen egal.“


Muttersöhnchen wider Willen. Nicht nur die Gewerkschaften lassen die jungen Italiener im Stich. „Das ist kein Land für junge Menschen: Italien ist in Händen der über 60-Jährigen – sie dominieren Politik und Wirtschaft. Jugendliche können sich hier nicht entfalten, es wurden nie die Grundlagen dazu geschaffen“, sagt der Mailänder Demograf Alessandro Rosina zur „Presse am Sonntag“. „Junge Erwachsene werden in Italien nicht als volle Staatsbürger wahrgenommen, sondern als ewige Söhne und Töchter. Der Staat überlässt sie den Familien, die seit jeher die Säule unserer Gesellschaft sind.“ Das Ergebnis: In kaum einem anderen EU-Land leben so viele 30-Jährige daheim. Viele sind nie ausgezogen. Mehr als 70 Prozent kehren nach Hause zurück, wenn sie ihren Job verloren oder ihr Studium beendet haben. Zwei Drittel davon wären lieber unabhängig geblieben, konnten es sich aber nicht leisten, ergab eine Umfrage der Mailänder Universität Cattolica.

Noch können viele italienische Eltern ihre erwachsenen Kinder unterstützen, die private Sparquote ist in Italien hoch. Doch in der Krise sind die Ersparnisse geschmolzen. Rosina warnt vor einer „sozialen Zeitbombe“ – zumal die Zahl junger Menschen, die daheim wohnen und nichts tun, rasant steigt. Diese Jugendlichen haben wegen mangelnder Perspektiven Jobsuche und Ausbildung aufgegeben: „Da wächst ein Heer an neuen Armen heran.“

Itala Rana (26) ärgern all die Stereotype über die „italienischen Muttersöhnchen“.„Wir haben es satt, so bezeichnet zu werden – vor allem von Politikern, die nichts über uns wissen. Glauben die, wir wohnen freiwillig daheim?“, fragt die Doktorandin. Die lebhafte Soziologin aus Apulien erzählt von der Freundin, die einen 800-Euro-Job hat, aber nicht bei den Eltern leben will. „Um zu sparen, heizt sie im Winter nicht.“ Itala selbst hat in Mailand für ein deutsches Marktforschungsinstitut gearbeitet. Sie kann sich vorstellen, nach Deutschland auszuwandern, auch wenn sie die Sprache nicht spricht. „Dort kommt man weiter. Hier nicht.“ Geschätzte 60.000 junge Italiener emigrieren jährlich, viele sind Akademiker. Kaum einer kehrt zurück. „Wir verlieren unsere besten Leute“, seufzt Rosina.

Antonio Aloisi (23) glaubt aber an eine Zukunft in Italien. Immerhin studiert er an der Mailänder Elitewirtschaftsuni Bocconi. „Für qualifizierte Leute gibt es auch hier Chancen“, ist er überzeugt. Seine Studienkollegin, Giulia Bifano (19), nickt. „Wir müssen bleiben, das Land verändern.“ Den Politikern trauen sie aber nicht zu, Italien zu verbessern. „Seit Jahrzehnten sind das doch immer dieselben Leute.“ Dass Ex-Komiker Beppe Grillo unter Jungwählern beliebt ist, verstehen beide nicht: „Ein 60-jähriger Clown soll uns vertreten, nur weil er das Internet kennt?“

Widerliche Politik. Laut der Umfrage der Universität Cattolica ist jeder dritte Jugendliche „von den Parteien und Politikern angewidert“. Das bedeutet aber nicht, dass junge Italiener keine politischen Erwartungen haben. Ihre Wünsche sind sehr konkret: Fast jeder Zweite will „Maßnahmen zur Innovation“. Für bessere Perspektiven würden die meisten Einschnitte in Kauf nehmen.

Itala bezweifelt inzwischen, dass Opfer zu Veränderungen führen können. „In meiner Heimatstadt gibt es einen Barockplatz, Autos parken da, Müllsäcke liegen herum“, erzählt sie. Im Sommer hätten Freunde dort ein Konzert organisiert. Sie überzeugten die Stadtverwaltung, vorübergehend den Parkplatz zu sperren. „Wir räumten den Müll weg. Wir stellten Holzbänke auf und Palmen. Die Piazza wurde zur Oase.“ Nach dem Konzert wollte die Stadtregierung von einer autofreien Zone nichts mehr wissen: Es gebe kein Geld für neue Parkplätze. Bald war alles beim Alten: Autos parkten auf der Piazza, der Müll häufte sich. „Später erfuhren wir, dass doch Geld da war: 60.000 Euro. Dafür hat sich der Bürgermeister Büromöbel gekauft.“

Jugend ohne Perspektiven

Kein Job.
Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien beträgt 36,4 Prozent – insgesamt sind knapp elf Prozent der Italiener ohne Arbeit. 2001–2010 haben 1,5 Millionen Italiener unter 34 Jahren ihren Job verloren – in keinem anderen EU-Land sind es so viele.

Keine Sicherheit.
Fast jeder zweite Beschäftigte unter 35 Jahren hat einen Zeitvertrag und verdient durchschnittlich 836 Euro im Monat.

Keine Unabhängigkeit.
Immer mehr flüchten zurück in die Familie: In kaum einem anderen EU-Land leben so viele unter 30-Jährige daheim.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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