USA: Kein Hahn kräht mehr nach George W. Bush

Der 43. US-Präsident, der den Irak-Krieg begann, macht sich selbst auf seiner Ranch im texanischen Crawford rar. Neuerdings gibt er den Hobbymaler. Ein Lokalaugenschein.

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George W. Bush – (c) REUTERS (JASON REED)

Crawford. Tief hängen die Wolken an dem trüben, verschlafenen Sonntagmorgen über der Prärie, ein Kohlefrachtzug ächzt durch die Grassteppe. Kakteen und Dornengebüsch umwuchern das Ortsschild von Crawford, über dem zwei prominente Konterfeis prangen: „Willkommen in der Heimat von George W. und Laura Bush.“ Rund 780 Seelen zählt die Gemeinde im Herzen von Texas, nördlich der Hauptstadt Austin, wo Samstag nachts schon einmal ein Cowboy auf seinem Schimmel durchs Lokalviertel trabt und vor einer roten Ampel zum Stehen bringt.

An der „Prairie Chapel Ranch“, dem „Western White House“ sieben Meilen nördlich von Crawford, einem unscheinbaren Flachbau, hielt George W. Bush als Präsident acht Jahre lang Hof. Es war sein Rückzugsort von den Regierungsgeschäften im ungeliebten Washington. In Crawford spazierte er anno 2003 mit seinem Kriegskabinett durch die texanische Wildnis: Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Hier hantierte er mit seinem Kleintraktor im Unterholz, hier feierte 2008 seine Tochter Jenna Hochzeit. Und hier empfing er als besondere Geste der Wertschätzung Staatsgäste vom Range eines Wladimir Putin, Tony Blair, Angela Merkel, Silvio Berlusconi oder Hosni Mubarak.

In der Coffee Station der Tankstelle Spano's in der Ortsmitte haben sie in der Ecke des Frühstücksrestaurants mit den Resopaltischen einen Schrein für den 43.US-Präsidenten errichtet, samt Bildergalerie als Andenken an die Visite des saudischen Königs und Baby-Küssers Abdullah – und einer Bush-Pappfigur als Revolverhelden mit rauchendem Colt. Bill Clinton, seine Frau Hillary und dessen einstige Gespielin Monica Lewinsky sind dagegen als Bösewichte dargestellt, als Clinton-Bande. Für die Demokraten – und schon gar für Barack Obama – haben sie in Crawford nicht sonderlich viel übrig. Ken Shaw sehnt sich zurück nach der Ära George W. Bushs: „Ich wünschte, er wäre noch im Weißen Haus“, sagt der Alte in der blauen Arbeitslatzhose, der an seinem Pappbecher Kaffee schlürft.

„Ich habe ihn seit dem Sommer nicht mehr gesehen“, merkt Buddy Preston an, ein Antiquitätensammler und Hobbykünstler, der aus seiner Scheune und dem Garten ein Kleinkunstwerk geschaffen hat. „Mich hat das Aufhebens um ihn ohnehin nie gekümmert. Ich war vor ihm da, und ich werde nach ihm da sein.“ Die Abwesenheit des Ex-Präsidenten habe durchwegs Vorteile. „Wer sich öffentlich über ihn ausgelassen hat, bekam es mit dem Secret Service zu tun. Ich bin ganz froh, dass wir wieder unsere Ruhe haben. Viele, die die Nähe der Macht angelockt hat, sind ja auch bereits wieder weggezogen.“

 

Staub in den Souvenirläden

Die drei Souvenirläden sind geschlossen, eine dicke Staubschicht bedeckt die Böden, Gerümpel stapelt sich auf den Tischen. Außerhalb von Crawford kräht kein Hahn mehr nach George W. Bush, und selbst auf seiner Ranch macht er sich neuerdings rar. Früher habe er sich ja zuweilen in der „Prairie Chapel Church“ außerhalb des Orts blicken lassen, erzählt Berry Ralay unter dem strengen Blick der Kirchgänger. Mit seinem Schnauzbart, dem Karoflanellhemd, den Cowboy-Stiefeln und dem Stetson-Hut kauert er im Sonntagsstaat eines Texas-Ranchers hinter dem Glasportal.

Der Kirchgang ist sonntags obligatorisch in Crawford, die drei in der Ortsmitte geballten Kirchen sind gut besucht. Die Lutheran Church sammelt für verwundete Kriegsveteranen, in der United Methodist Church predigt Pastorin Rebecca Hull über „unseren kleinen Einfluss auf die Welt“.

Eines der Schäfchen von Crawford übte indessen große Macht aus. Vor bald zehn Jahren, am 1.Mai 2003, proklamierte George W. Bush – martialisch im Kampfjet eingeflogen – unter dem Banner „Misson Accomplished“ auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln vor der südkalifornischen Küste von San Diego voreilig den Sieg im Irak-Krieg. Am 20. Jänner 2009, der Inauguration seines Nachfolgers Obama, schwebte er mit dem Hubschrauber vom Kapitol ab, legte noch eine Ehrenrunde über Washington ein – und kehrte seither nur selten zurück, zuletzt bei der Enthüllung seines eigenen Porträts im Weißen Haus.

 

„Ich krieche nicht zurück“

Nach den Präsidentenmemoiren „Decision Points“ ist er weitgehend von der Bildfläche verschwunden, die Republikaner meiden ihn wie den Gottseibeiuns. „Ich bin aus dem Sumpf gekrochen, und ich krieche nicht wieder zurück“, lautet sein Credo. Die Obama-Politik lässt er – völlig unaufgeregt – unkommentiert, die Geschichte soll über ihn urteilen. Der 66-Jährige frönt dem saloppen Pensionistendasein und Politexil in Preston Hollow, dem von Anwesen und protzigen Palais gesäumten Nobelviertel von Dallas.

Als Haiti-Sonderbotschafter sprang er Bill Clinton zur Seite, er hält lukrative Reden, widmet sich Aids-Projekten in Afrika – seinem humanitären Steckenpferd. Neuerdings geriert er sich als Hobbymaler, der mit Vorliebe Hunde und Landschaften auf Aquarell pinselt. Nur die Signatur erinnert noch an die einstige Macht: „43“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)

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