Nordkoreas langer Weg zur Atommacht

Mit der Reaktivierung des 2007 stillgelegten Reaktors nahe Yongbyon könnte Nordkorea seine Plutoniumbestände zum Kernwaffenbau vergrößern. Spätestens seit den 1980ern strebt das Regime nach der Bombe.

Nordkorea Atommacht
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Nordkorea Atommacht – (c) REUTERS (KCNA)

Peking. Eines muss man Nachwuchsdiktator Kim Jong-un lassen: Nordkoreas Propagandamaschinerie ist jeden Tag aufs Neue für eine Überraschung gut. Nach der Kriegserklärung gegen Südkorea und Aufkündigung sämtlicher Vereinbarungen kündigt das Regime in Pjöngjang nun an, seinen Atomkomplex Yongbyon wieder in Betrieb zu nehmen. Sämtliche Anlagen sollen „angepasst und neu gestartet“ werden, heißt es in staatlichen Medien.

Auf dem Gelände von Yongbyon, rund 100 Kilometer nördlich von Pjöngjang, befinden sich ein Fünf-Megawatt-Reaktor, eine Wiederaufbereitungsanlage und eine Anlage zur Urananreicherung. Bis zu seiner vorläufigen Stilllegung vor fünf Jahren war der Reaktor auch eine Produktionsstätte für waffenfähiges Plutonium. Damals hatte das Regime in Pjöngjang versprochen, die Anlage unbrauchbar zu machen. Demonstrativ ließ Pjöngjang 2008 den Kühlturm sprengen. Im Gegenzug erhielt das Land dringend benötigtes Erdöl und Lebensmittelhilfen. Nun will das Regime den Betrieb der Anlage wieder aufnehmen.

 

Reaktor seit 1967 in Betrieb

Yongbyon ist der Inbegriff für Nordkoreas Atomprogramm. 1962 hatte die Führung in Pjöngjang in friedlicher Absicht die Anlage errichten lassen. 1967 ging der erste Reaktor mit sowjetischer Hilfe in Betrieb. In den 1970er-Jahren gelang es Nordkorea, den Reaktor auf hoch angereichertes Uran umzustellen, was die Leistung des Reaktors zur Stromerzeugung deutlich steigerte. Etwa in dieser Zeit begann das Regime einen zweiten Reaktor zu errichten, der auch waffenfähiges Plutonium erzeugen konnte. Aber erst in den 1980er-Jahren dämmerte der Weltgemeinschaft: Nordkorea baut an der Bombe. Es sollte jedoch noch einmal fast ein ganzes Jahrzehnt vergehen, bis die Welt diese Erkenntnis schwarz auf weiß hatte. 1994 erklärte Nordkorea ganz offiziell seinen Austritt aus der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), unterwarf sich zunächst aber weiter den Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag zur Nichtverbreitung von Kernwaffen, den Pjöngjang 1985 unterzeichnet hatte. Als 1998 Nordkorea erstmals eine mehrstufige Rakete in die Luft schoss – angeblich zum Transport eines Satelliten – erhärtete sich der Verdacht, Nordkorea bastle auch an einer eigenen Rakete.

 

Erster unterirdischer Atomtest 2006

2003 trat Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag aus. Die Staatengemeinschaft war zu dem Zeitpunkt noch um Verhandlungen bemüht. Doch die ersten Sechser-Gespräche zwischen Nordkorea, Südkorea, den USA, China, Japan und Russland endeten ohne Ergebnisse. Zwei Jahre später war es dann so weit: Das Regime bekannte sich erstmals zum Besitz von Atomwaffen und erklärte sich zur Atommacht. Im Oktober 2006 folgt der erste unterirdische Atomtest. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verhängte daraufhin Sanktionen gegen das inzwischen weitgehend isolierte Land. Denn angesichts des fortschreitenden Atomprogramms war auch Russland vom einstigen Bruderstaat abgerückt. Nur China hielt noch eine schützende Hand über Nordkorea. Die Sanktionen zeigten Wirkung. Der damalige Diktator Kim Jong-il, der Vater des jetzigen Machthabers Kim Jong-un, versprach im Februar 2007 die Schließung der Atomanlage in Yongbyon. Im Gegenzug erhielt er die versprochene Energie- und Wirtschaftshilfe. Im Juli wurde der Reaktor tatsächlich abgeschaltet. Doch bereits ein Jahr später schoss Nordkorea erneut Raketen in die Luft. Dieses Mal handelte es sich sogar um Langstreckenraketen. Und als das Regime auch noch einen zweiten Atomtest startete, verschärften die UN ihre Sanktionen wieder.

Nach dem Tod des Diktators Kim Jong-il kam es Anfang 2012 erstmals seit vielen Jahren wieder zu Gesprächen zwischen Washington und Pjöngjang. Im Gegenzug für Nahrungsmittelhilfen erklärte sich der junge Kim immerhin zu einem Moratorium bereit. Doch bereits im April schoss Nordkorea erneut eine Rakete in die Luft, die wenige Sekunden nach dem Start zerschellte. Im Dezember gelang der Schuss ins All dann doch. Im Februar 2013 unternahm Nordkorea seinen inzwischen dritten Atomtest. Seitdem spitzt sich die Lage Tag für Tag zu.

Doch ist Nordkorea nun eine Nuklearmacht? Nach Schätzungen der Federation of American Scientists (FAS) verfügt das Regime über 30 bis 50 Kilogramm Plutonium. Zusammen mit dem hoch angereicherten Uran könne es sechs bis zehn Atomsprengköpfe bestücken. „Wenn Atommacht bedeutet, dass man in relativ kurzer Zeit einen nuklearen Sprengkopf sicher ans gewünschte Ziel bringen kann“, sagt der Nordkorea-Experte Werner Pfennig von der Freien Universität Berlin, dann sei Nordkorea noch keine Atommacht. Das Regime verfüge über das Material und die Komponenten. Aber das passe noch nicht zusammen.

Auf einen Blick

Der 2007 stillgelegte Reaktor nahe Yongbyon befindet sich in der wichtigsten Atomanlage des Landes. Der Komplex besteht aus einem fünf Megawatt starken Forschungsreaktor sowie Zentren zur Aufbereitung von Plutonium und Brennstäben. Der Ausbau mit einem weiteren 50-Megawatt-Reaktor wurde noch nicht vollendet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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