Der Jihad eines Wiener Salafisten

Die Staatsanwaltschaft beantragte die Auslieferung von Mohamed Mahmoud aus der Türkei. Woraus speist sich die radikale Ideologie des Hasspredigers?

Wiener Salafist Mohamed Mahmoud
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Wiener Salafist Mohamed Mahmoud – (c) AP (LILLI STRAUSS)

Wien. Seinen Pass hat der Austro-Islamist Mohamed Mahmoud zwar videogerecht verbrannt – aber wenn es nach der Staatsanwaltschaft Wien geht, wird er ihn zur Einreise nach Österreich ohnehin nicht brauchen. Sie hat, wie am Dienstag bekannt wurde, bereits am Freitag einen Auslieferungsantrag an die Türkei gestellt.

Dort, in der Grenzprovinz Hatay, war er vor etwa zehn Tagen festgenommen worden, offenbar wollte er sich islamistischen Rebellen im syrischen Bürgerkrieg anschließen. Gesucht wird Mahmoud wegen „Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung“. Mitte März war ein Video aufgetaucht, in dem er unter anderem zu Anschlägen in Österreich aufgerufen hatte.

Bereits 2008 und – nach Aufhebung des Urteils – erneut 2009 war er wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Nach seiner Entlassung im September 2011 setzte er sich nach Deutschland ab – und hielt den dortigen Verfassungsschutz auf Trab, bevor er, um seiner Abschiebung zu entgehen, 2012 weiter nach Ägypten zog. Mahmoud war zwar nur bis Mai 2012 in Deutschland, machte sich in der salafistischen Szene dort aber rasch einen Namen.

 

Leben wie zu Zeiten Mohammeds

Salafisten sind streng fundamentalistische Muslime, deren Vorbild die Lebensweise der islamischen Gemeinschaft zur Zeit Mohammeds und in den ersten Generationen danach ist. Viele halten sich an einen Dresscode aus knöchellangem Kaftan, Käppchen und ungestutztem Bart.

Die Salafisten, laut den Behörden die „dynamischste islamistische Bewegung in Deutschland“, sind aber keine homogene Gruppe. Es gibt jene, die einfach ein gottgefälliges Leben, so wie sie es verstehen, führen und nichts mit Politik zu tun haben wollen. Auf der anderen Seite des Spektrums sind die Militanten, die den Jihad, den Heiligen Krieg, propagieren – und in letzter Konsequenz selbst an ihm teilnehmen, wie das offenbar auch Mahmoud vorhatte.

Die Grenzen zwischen Salafismus und Jihadismus sind fließend. Deutschlands Verfassungsschutzchef, Heinz Fromm, brachte den Zusammenhang so auf den Punkt: Nicht jeder Salafist werde zum Jihadisten, aber jeder „Heilige Krieger“ sei ideologisch in der salafistischen Szene geprägt worden.

Eine solche gibt es auch im hessischen Solingen. Dort dockte Mahmoud Ende 2011 an, entwickelte sich rasch zum Wortführer und trug zur Radikalisierung bei. Im Juni 2012 schlugen die Verfassungsschützer zu: Die Millatu-Ibrahim-Moschee, wo er predigte, war einer von 80 Orten in sieben Bundesländern, wo zeitgleich Razzien stattfanden. Sie wurde geschlossen, der Verein verboten.

Zu diesem Zeitpunkt war das Wort „Salafisten“ in Deutschland gerade in den allgemeinen Sprachgebrauch vorgedrungen, nach einer medienwirksamen Gratis-Verteilaktion zehntausender Koran-Ausgaben in deutscher Übersetzung: Die Kampagne, initiiert vom Verein „Die wahre Religion“ des Predigers Ibrahim Abu Nagie, trug den einfachen Titel „Lies!“. Sofort setzte in der deutschen Politik hektische Aktivität ein, wurde diskutiert, ob man derlei nicht verbieten könne. Plötzlich war das Wort Salafismus in aller Munde.

 

„Wir sind Frohnaturen“

Damals schon gut bekannt war den Deutschen Pierre Vogel. Der Konvertit und Exboxer ist der bekannteste Salafist des Landes. Er handelt in seinen unzähligen im Internet kursierenden Videos nicht nur religiöse Fragen ab, sondern bemüht sich, gerade im Umgang mit „Ungläubigen“, um eine positive Stimmung: „Wir sind gut drauf, wir sind kölsche Frohnaturen“, sagte er einer Interviewerin.

Um im nächsten Moment zu erklären, warum man Strafen wie das Abhacken der Hände von Dieben „hier in dieser Zeit“ nicht anwenden könne. Erfolg bei der Mission haben die Salafisten vor allem bei Jugendlichen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration mit wenig Perspektiven, denen die Moschee-Vereine ihrer Eltern nichts bieten können, weil sie nicht die Sprache der Jugend sprechen. Ein Vakuum, in das Pierre Vogel und Konsorten vorstoßen.

Vogel, der übrigens regelmäßig bei Gesinnungsgenossen in Österreich zu Gast war und predigte, spricht sich öffentlich gegen islamistische Gewalt in Deutschland aus: Man wolle nur mit Überzeugungsarbeit missionieren. Es ist eine Grenze, die die meisten Salafisten einhalten: nicht zu Gewalt aufzurufen. Wird sie überschritten, fackeln die Behörden mittlerweile nicht mehr lange: Mitte März wurden nach Razzien in Nordrhein-Westfalen und Hessen mehrere Vereine verboten und vier Männer festgenommen, die offenbar einen Mordanschlag auf einen rechtsextremen Politiker geplant hatten.

Auf einen Blick

Mohamed Mahmoud (27) wurde 2008/2009 zu vier Jahren Haft wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Vor Kurzem drohte er in einem Video mit Anschlägen in Österreich. Wenig später wurde er in der Türkei festgenommen. Die Staatsanwaltschaft fordert seine Auslieferung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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