Von Innsbruck in den Jihad gegen Assad

Drei tschetschenische Flüchtlinge im Alter zwischen 23 und 26 Jahren setzten sich von Tirol nach Syrien ab, um im dortigen Bürgerkrieg auf der Seite der Rebellen zu kämpfen. Zwei von ihnen sind mittlerweile tot.

Symbolbild von syrischen Rebellen
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Symbolbild von syrischen Rebellen
Innsbruck Jihad gegen Assad – (c) Reuters

[INNSBRUCK] Auch wenn Innenministerin Johanna Mikl-Leitner die Zahl offiziell nicht bestätigen will. Bis zu 60 Personen aus Österreich haben sich auf den Weg in den syrischen Bürgerkrieg gemacht. Das ist den österreichischen Sicherheitsbehörden bewusst ("Die Presse" berichtete).

Nicht bekannt ist dem Innenministerium jedoch ein konkreter Fall in Innsbruck, den „Die Presse" im tschetschenischen Milieu recherchiert hat. Demnach haben sich in den vergangenen Monaten drei tschetschenische Flüchtlinge im Alter zwischen 23 und 26 Jahren nach Syrien abgesetzt, um dort gegen Diktator Bashar al-Assad zu kämpfen. Zwei von ihnen sind mittlerweile gefallen, vom dritten fehlt jede Spur.

Die drei Männer waren allesamt keine österreichischen Staatsbürger. Sie hatten Flüchtlingsstatus. Ihre Familien waren geteilter Meinung über die „Reise" in den Jihad. Manche zeigten Verständnis, andere waren fassungslos. Über den Tod der zwei Burschen sind sie nun sehr traurig.

Ibrahim* floh vor ungefähr zehn Jahren gemeinsam mit seiner Familie aus seiner Heimat Tschetschenien. Sie hatten es satt, in einem Land zu leben, in dem kriegerische Zustände herrschen und Meuchelmorde auf der Tagesordnung stehen. Nach einer langwierigen und nicht ungefährlichen Flucht landete Ibrahims Familie in Österreich. Damals war er noch ein Jugendlicher.

Er wollte an der Uni studieren

In Innsbruck begann er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern, eine neue Zukunft aufzubauen. Ibrahim lernte schnell Deutsch und war gut integriert. Oft begleitete er andere tschetschenische Flüchtlinge zu verschiedenen Ämtern, um dort für sie zu übersetzen. Der junge Tschetschene holte nicht nur seinen Schulabschluss nach, sondern arbeitete auch nebenbei, um seine Familie zu unterstützen. Sein Ziel war es, bald an der Universität zu studieren.

Ibrahim wollte den Weg der Bildung einschlagen. Zum gleichen Zeitpunkt begann er sich seiner religiösen Wurzeln zu besinnen. Der Islam hielt ihn davon ab zu rauchen, Alkohol zu trinken oder Drogen zu konsumieren.

In der Innsbrucker Moschee, die mehr einem Hinterhofgebetsraum gleicht, konnte man Ibrahim oft treffen. Dort wurde der syrische Diktator Assad schon längst verteufelt. Der Imam vermischt Politik gern mit Religion und ruft immer wieder auf, für die Menschen in Syrien Geld zu spenden. Manche sind skeptisch, denn sie wissen nicht, wo das Geld hingeht. Ibrahim und viele andere können die meisten Worte des Imams gar nicht verstehen, da dieser ausschließlich Arabisch spricht.

Deshalb spielte Ibrahim oft mit dem Gedanken, eines Tages eine Moschee für Tschetschenen zu eröffnen, damit vor allem seine Landsleute verstehen, was gesagt wird. Allerdings beschäftigte ihn der Konflikt in Syrien zu sehr. Er erinnerte sich an jene Tschetschenen, die einst nach Afghanistan gingen, um das Sowjet-Regime zu bekämpfen. Für ihn und für viele andere ist Bashar al-Assad gar kein Muslim. Genau deshalb muss er bekämpft werden. Die sunnitischen Gelehrten und Politiker, die sich auf die Seite Assads stellen, sind für ihn Heuchler. Auch sie müssen weg.

500 Kämpfer aus Europa

Ibrahim entschloss sich also eines Tages, nach Syrien zu reisen, um zu kämpfen. Zwei seiner Freunde, ebenfalls Tschetschenen, schlossen sich ihm an und brachen ebenfalls auf. „Von heute auf morgen waren sie plötzlich weg", meint einer ihrer Bekannten. Es ist nicht schwierig, nach Syrien zu gelangen. Man muss nur in die Türkei fliegen. Von dort geht es dann weiter nach Syrien. Nahe der Grenze gibt es, ebenso wie in Jordanien, Ausbildungslager für Kämpfer. Sie werden von westlichen, aber auch von arabischen Staaten betrieben. Der Antiterrorkoordinator der EU, Gilles de Kerchove, glaubt, dass mittlerweile 500 Personen aus Europa zum Kämpfen nach Syrien gereist sind. Auch Deutschlands Innenministers Hans-Peter Friedrich hat, anders als seine österreichische Amtskollegin, keine Hemmungen, Zahlen zu nennen. Er geht davon aus, dass sich drei Dutzend deutsche Jihadisten in Syrien tummeln. Tendenz steigend.

Die weithin bekannte „Freie Syrische Armee" ist nur eine von vielen Rebellengruppen, die gegen Assad kämpfen. Die Gruppierungen sind ebenso heterogen wie damals bei den Mudschaheddin im Afghanistan-Krieg. Unter ihnen sind auch terroristische Vereinigungen wie die al-Nusra-Front, die der al-Qaida nahesteht.

Ibrahim rief in unregelmäßigen Abständen seine Familie an. Er habe noch zu kämpfen, sagte er immer. Jetzt meldet er sich nicht mehr. Es war Ibrahims ganz persönlicher Kampf. Von den Medien wird dieser Kampf gern als „Jihad" bezeichnet. Einen wahren Jihad - einen Kampf mit sich selbst - hätte Ibrahim geführt, wenn er sein Uni-Studium angefangen hätte. Seine Waffe wäre sein Verstand gewesen und nicht ein Gewehr.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27. April 2013)

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