Albanien: Sozialisten winkt die Machtübernahme

Nach der chaotischen Parlamentswahl dürfte die sozialistische Opposition um Edi Rama vorn liegen. Dem konservativen Premier Sali Berisha droht das Karriereende.

Sozialisten winkt Machtuebernahme
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Sozialisten winkt Machtuebernahme
Sozialisten winkt Machtuebernahme – (c) EPA (ARMANDO BABANI)

Belgrad/Tirana. Von seinen Anhängern ließ sich Albaniens langjähriger Patriarch unmittelbar nach Schließung der Wahllokale als Sieger feiern. Er sei überzeugt von seinem „großen Sieg“, verkündete Premier Sali Berisha mit scheinbar zufriedenem Lächeln und heiserer Stimme. Den Platz auf dem Siegespodest hatte jedoch auch schon sein Rivale für sich reklamiert. „Wir haben gegen die Kräfte der Destruktion gewonnen“, verkündete der sozialistische Oppositionschef Edi Rama strahlend. Das „Wiedergeburt“-Bündnis habe gesiegt.

Ein Urnengang mit zwei selbst erklärten Siegern, gegenseitigen Manipulationsvorwürfen, Verletzten und einem erschossenen Aktivisten der Opposition: Auch Albaniens achte Parlamentswahl seit dem Ende des Sozialismus 1991 schien am Sonntag nach dem vertrauten Muster zu verlaufen. Doch die ersten Ergebnisse ergaben zu Wochenbeginn ein unerwartet klares Bild: Nach Auszählung von einem Fünftel der Stimmen schien die Opposition am Montagnachmittag einem überraschend deutlichen Sieg entgegenzusteuern.

 

Linker Sieg in Hauptstadt Tirana

Das von Ramas Sozialisten geführte Oppositionsbündnis könnte demnach mit 82 der 140 Parlamentssitze rechnen. Berishas konservative Demokraten (DP) müssten sich mit 57 Mandaten bescheiden. Zwar hatte sich der 68-jährige Amtsinhaber bei den Urnengängen und Auszählschlachten der Vergangenheit immer als Meister trickreicher Finten erwiesen. Doch nicht nur die Tatsache, dass die Sozialisten selbst in den DP-Hochburgen im Norden zu punkten vermochten, nährt bei der Opposition die Siegeszuversicht. Vor allem aufgrund der vorläufigen Ergebnisse in Tirana darf sich deren früherer Bürgermeister Rama zur Machtübernahme rüsten: In der hart umkämpften Hauptstadt konnte die Opposition die Wahl klar für sich entscheiden.

Der Auszählprozess sei in Albanien zwar immer der „tückischste Teil“ der Wahl, aber der Vorsprung der Opposition sei so groß, dass er sich allenfalls noch verkleinern, aber kaum mehr kippen werde, kommentierte Gledis Gjipali, der Direktor von Albaniens Europäischer Bewegung, zu Wochenbeginn gegenüber der „Presse“ den Wahlausgang. Sollte es nach dem relativ „ruhigen“ Wahlverlauf erstmals seit Langem wieder zu einem „friedlichen“ Machtwechsel kommen, könnte das Land wohl mit einer „Belohnung“ der EU rechnen: dem lange verweigerten Status als offizieller Beitrittskandidat.

Im Inneren bedeutet der sich anbahnende Wachwechsel nach Ansicht des Analysten Blendi Kajsiu eher nur einen Personalaustausch als eine Änderung der politischen Kultur: „Die Wahlen haben die Ablösung einer Clique durch eine andere erbracht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2013)

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