Erfolgte Chemiewaffenangriff ohne Assads Zustimmung?

Kommandanten sollen einem Bericht zufolge mehrmals den Einsatz von Chemiewaffen gefordert haben. Doch Syriens Präsident habe abgelehnt. Die syrischen Rebellen erobern indes einen christlichen Pilgerort.

Syria's President Assad delivers a speech while attending an Iftar session in Damascus
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Syria's President Assad delivers a speech while attending an Iftar session in Damascus
Assad – REUTERS

Syrische Divisions- und Brigadekommandanten haben nach Informationen der "Bild am Sonntag" seit rund vier Monaten immer wieder den Einsatz von Chemiewaffen beim Präsidentenpalast in Damaskus gefordert. Das würden Funkgespräche belegen, die das Flottendienstboot "Oker" abgefangen habe, berichtete das Blatt unter Berufung auf Informationen aus deutschen Sicherheitskreisen. Das Spionageschiff der deutschen Marine kreuzt vor der Küste Syriens.

Den Erkenntnissen der Abhörspezialisten zufolge seien die von den Kommandanten verlangten Giftgas-Angriffe aber stets abgelehnt und der Einsatz vom 21. August wahrscheinlich nicht von Syriens Präsident Bashar al-Assad persönlich genehmigt worden. Bei dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff nahe Damaskus, den die US-Regierung dem syrischen Regime anlastet, starben nach US-Angaben mehr als 1400 Menschen.

Assad weist Vorwürfe zurück

In einem Interview mit dem Sender CBS hatte der syrische Präsident Bashar al-Assad bestritten, für den Giftgasangriff vom 21. August verantwortlich zu sein. "Es gibt keine Beweise, dass ich Chemiewaffen gegen meine Bevölkerung eingesetzt habe, ich war es nicht", sagte Assad im Interview, das am Montag teilweise ausgestrahlt werden soll.

Wie CBS-Anchorman Charlie Rose, der Assad interviewt hatte, weiter berichtete, habe der syrische Präsident weder bestätigt noch dementiert, dass sein Regime über Chemiewaffen verfüge.

Kerry fühlt sich "ermutigt"

Wie berichtet, will US-Präsident Barack Obama den Chemiewaffeneinsatz mit einem Militärschlag beantworten. Zuvor soll aber der Kongress seine Zustimmung geben. Doch eine Merheit im Repräsentantenhaus scheint derzeit alles andere als gewiss.

Zumindest die internationale Allianz wächst nach Angaben von Washington: Die USA können auf Unterstützung im "zweistelligen Bereich" für einen Militärschlag in Syrien setzen, erklärte Außenminister John Kerry. Es gebe mehr Interessenten für eine Beteiligung als nach dem jetzigen Stand der Planung gebraucht würden, sagte Kerry am Samstagabend nach einem Treffen mit seinem französischen Kollegen Laurent Fabius in Paris.

Kerry sagte zudem, er fühle sich "ermutigt" durch die "sehr starke Erklärung", welche die EU-Außenminister bei ihrem Treffen in Vilnius verabschiedet haben. Die EU-Chefdiplomaten hatten sich nicht für einen Militärschlag ausgesprochen, aber eine "klare und starke Antwort" auf den Einsatz von Chemiewaffen gefordert. Informationen aus verschiedenen Quellen deuteten darauf hin, dass Machthaber Al-Assad dafür verantwortlich sei, hieß es in der Erklärung des Außenministertreffens, an dem am Samstag auch Kerry teilgenommen hatte.

Teheran warnt Brüssel

Syriens Verbündeter Iran warnte indes die Europäische Union vor einer Unterstützung eines US-Militäreinsatzes gegen das syrische Regime gewarnt. Dort warte ein Minenfeld, sagte der iranische Parlamentspräsident Ali Larijani am Sonntag. Larijani bezog sich auf die gemeinsame Erklärung der EU-Außenminister in Vilnius zur Lösung des Syrien-Konflikts.

"Die Amerikaner sind sich nicht bewusst, dass der Anfang dieser Krise vielleicht einfach erscheint, das Ende aber sehr höllisch werden könnte", sagte Larijani nach Angaben der Agentur ISNA. Der Iran steht im Syrien-Konflikt auf der Seite von Präsident Bashar al-Assad. Die USA planen Militärschläge als Vergeltung für den mutmaßlichen Einsatz von Giftgas durch das syrische Regime. "Ein Krieg in Syrien würde in der Region zu einem Flächenbrand führen, und die EU wird dieses Feuer definitiv nicht löschen können", sagte Larijani.

Rebellen nehmen Maalula ein

Während auf internationaler Ebene verhandelt und gedroht wird, geht der syrische Bürgerkrieg unvermindert weiter: Die Aufständischen haben nach Angaben von Aktivisten und Bewohnern die vollständige Kontrolle über den christlichen Wallfahrtsort Maalula nahe Damaskus übernommen. In der Nacht habe es heftige Kämpfe zwischen einfallenden Regierungstruppen und bewaffneten Rebellen gegeben, sagte der Leiter der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, der Nachrichtenagentur AFP am Sonntag. Den Aufständischen sei es aber gelungen, "die Kontrolle über die gesamte Stadt zu übernehmen", fügte er hinzu.

Eine Bewohnerin der Stadt bestätigte am Telefon, dass sich die Regierungstruppen nach nächtlichen Kämpfen zurückgezogen hätten und die Rebellen die Stadt kontrollierten. Die Lage sei nunmehr ruhig, sagte die Frau, die anonym bleiben wollte. Der Beobachtungsstelle zufolge, die sich auf Angaben von vor Ort stützt, wurden bei den nächtlichen Kämpfen mindestens 17 Aufständische getötet und mehr als hundert weitere verletzt. Aufseiten der Regierungstruppen habe es ebenfalls Dutzende Tote und Verletzte gegeben. Die Angaben der Organisation sind von unabhängiger Seite nur schwer überprüfbar.

Bereits am Samstag hatte es um Maalula, das etwa 55 Kilometer nördlich von Damaskus liegt, heftige Kämpfe gegeben. Maalula ist für seine Kirchen und Höhlenklöster aus den ersten Jahrhunderten des Christentums berühmt. Die überwiegend griechisch-katholischen Christen sprechen noch Aramäisch, die Sprache Jesu. Der Ort ist einer der wichtigsten christlichen Pilgerorte Syriens und war vor dem Bürgerkrieg auch ein beliebtes Touristenziel.

 

(Ag.)

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