Wahlkampf bis zum letzten Meter - und zum letzten Mieter

Im einst berüchtigten Berliner Problembezirk Neukölln geht SPD-Kandidat Fritz Felgentreu im Türwahlkampf auf Stimmenfang.

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Wahlkampf bis zum letzten Meter - und zum letzten Mieter – (c) REUTERS (FABRIZIO BENSCH)

Berlin. Fritz Felgentreu fällt nicht mit der Tür in das Haus. Er wahrt einen Respektabstand von mindestens einem Meter von der Wohnungstür. Das hebt ihn wohltuend vom Typus des Anzeigenkeilers ab. Der dreifache Familienvater und Altphilologe, Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein, ist ein Ausbund an Höflichkeit. Also sagt der 45-Jährige in dem dunklen Wohnungsflur eines Sozialbaus in der Briesestraße in Berlin-Neukölln sein Sprüchlein mit betont freundlicher Miene auf: „Entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Bundestagskandidat der SPD.“

Weiter kommt er nicht mehr, denn der erste Ansprechpartner im Parterre sieht gleich rot. „Danke, nein. Sie können sich die Mühe sparen. Wenn Sie den Wowereit in die Wüste schicken, dann vielleicht ja.“ Seit Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit, dem beharrlich der Ruf eines Partylöwen nachhängt und dessen Homosexualität obendrein manch ältere Stammwähler abstößt, das Projekt des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg in den märkischen Sand gesetzt hat, sind viele auf „Wowi“ nicht gut zu sprechen. Einst hegte er, mehr oder weniger insgeheim, Kanzlerambitionen, nun neigt sich seine Karriere dem Ende zu.

Den ehemaligen Landtagsabgeordneten Felgentreu treibt hingegen der Ehrgeiz an. Elf Wochen hat er sich im Wahlkampf bereits die Füße platt gelaufen, die Überzeugungsarbeit in eigener Mission führt ihn in Neuköllner Kneipen und in die Wohnungen potenzieller Wähler. Vor vier Jahren verpasste er das Bundestagsdirektmandat nur um drei Prozentpunkte, das soll ihm in der früheren SPD-Hochburg Neukölln – einem Bezirk mit 320.000 Einwohnern im Süden Berlins – nicht noch einmal passieren.

Im Norden des einst berüchtigten Problemviertels mit sehr hohem Migrantenanteil regiert die SPD – unter ihrem über die Grenzen hinaus bekannten Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky –, im Süden dominiert dagegen die CDU. In den vergangenen Jahren veränderte sich die soziopolitische Topografie: Bei jungen Künstlern, Kreativen, „Hipstern“ kam es in Mode, in die sanierten Viertel Neuköllns zu ziehen. Wem Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Friedrichshain zu teuer und bieder geworden sind, geht hierher. Längst ist die Gentrifizierung hier angekommen: die Verdrängung Alteingesessener durch höhere Mieten.

 

Neu-Neuköllner sorgen für Konkurrenz

Die Neu-Neuköllner veränderten mit ihrem Mix aus Multikulti- und Ökobewusstsein die politische Topografie des Bezirks. In den Kandidaten der Grünen und der Linkspartei erwächst Felgentreu starke Konkurrenz. Rot-Rot-Grün – das wäre indes für seine Helfer die Lieblingsvariante. Die Neuauflage einer Großen Koalition jagt ihnen geradezu Schauer über den Rücken, weil die SPD als Juniorpartner bei den Wahlen vor vier Jahren auf einen historischen Tiefstand gefallen ist. „Dann trete ich aus“, droht einer für den Fall der ungeliebten Koalition. Am liebsten würden sich manche ganz verweigern, sie ziehen die harten Bänke der Opposition vor. Das Verantwortungs- und Machtbewusstsein der 150-jährigen Traditionspartei spricht zwar für eine Regierungsbeteiligung, die Parteilinke will sich die Unterstützung aber teuer abkaufen lassen.

Ihre Aufholjagd haben die Sozialdemokraten trotz Umfragewerte, die einen Rückstand von 14 Prozent ausweisen, indessen nicht aufgegeben. 2005 wäre Gerhard Schröder das Comeback schließlich fast noch gelungen. Die SPD hält sich viel auf die Schlagkraft ihrer Organisation zugute – und auf die Fähigkeit, ihre Anhänger wie keine andere Partei für den Urnengang zu mobilisieren. Die Zentrale im Willy-Brandt-Haus forciert deshalb erstmals in großem Stil einen Türwahlkampf, wie ihn die USA mit dem Zugang zu Wahldaten perfektioniert haben. Bei aller Konzentration auf die Kampagne im Internet und via soziale Medien bleibt der direkte, hautnahe Kontakt zu den Wählern unverzichtbar.

In Zweierteams schwärmten Felgentreu, gebürtiger Norddeutscher aus Schleswig-Holstein, und seine durchwegs jungen Helfer abends zwischen 17 und 19 Uhr aus – zu einer Zeit, da die meisten nach Hause kommen und ihr Abendessen einnehmen. Jetzt hat er zum Schlussspurt angesetzt, es ist ein Kampf bis zum letzten Meter – und bis zum letzten Mieter. „Konditionsschwierigkeiten habe ich nicht“, versichert Felgentreu.

 

Hunde bellen, Babys kreischen

Zähigkeit muss einem Türwahlkämpfer zueigen sein, denn er bekommt viel zu sehen und zu hören. Hinter den Türen im einst berüchtigten, inzwischen freilich eher ruhigen Rollbergviertel nahe der Karl-Marx-Straße, wo sich früher Drogenhändler und Mafiosi verschanzten, bellen abends Hunde, Babys kreischen, Rentner lugen in Jogginghosen und Schlapfen verstohlen aus dem Türspalt.

„Sozialdemokraten haben uns verraten“, blafft ein frustrierter Hartz-IV-Empfänger. „Ich lasse mich scheiden, wenn du die wählst“, witzelt ein FDP-Parteigänger. „Ich wähle das Richtige“, sagt eine Rentnerin kurz angebunden. „Kein Interesse“, tönt es aus einer Wohnung. Ein Arbeitsloser gesteht bedrückt: „Ich kann meiner Tochter nicht einmal ein Eis kaufen.“ Ehrensache, dass er am Sonntag trotzdem mit seiner Familie in das Wahllokal geht, wie er betont. „Das ist ja so wie der Kirchgang“, scherzt Felgentreu – und hofft auf eine Stimme für sich.

Das Dilemma der SPD

Die SPD lag zuletzt in einem leichten Aufwärtstrend. An eine Mehrheit mit den schwächelnden Grünen am kommenden Sonntag glaubt aber keiner mehr. Ein rot-rot-grünes Bündnis hat die SPD ausgeschlossen. Damit bliebe nur die Opposition oder eine Große Koalition. Vor allem im roten Kernland Nordrhein-Westfalen gibt es dagegen starke Widerstände. Aber die Parteilinken scheinen sich auf das ungeliebte Bündnis einzustellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2013)

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