„Wir, die erleuchteten Vollzeit-Muslime“

Der Ex-Islamist Ed Husain über seinen Weg zum radikalen Muslim und zurück in die Mitte der Gesellschaft.

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Die Presse: Sie waren Mitglied bei der radikal-islamischen Gruppierung Hizb ut-Tahrir. Diese Gruppe will den Kalifatstaat, die Einführung der Scharia sowie die Befreiung der muslimischen Welt von westlichen Einflüssen. Wie kamen Sie zu dieser Gruppe, wie wurden Sie zum Islamisten?

Ed Husain: Der Mangel an Zugehörigkeitsgefühl, der Mangel an einer Identität in Großbritannien hat mich zu diesen Leuten geführt. Meine Eltern haben mich von Anfang an gewarnt: Sie haben mich klassischen, orthodoxen Islam gelehrt, sie haben zu mir gesagt: „Was du da machst, mein Sohn, ist radikaler, politischer Islam, das hat mit unserer Religion nichts zu tun“. Vielleicht war manches von dem, was ich gemacht habe, die Rebellion eines Teenagers. Hier waren also junge dynamische, sehr artikulationsfähige Muslime, die ich bewunderte, die genau wussten, was sie wollten. Das alles vor dem Hintergrund des Bosnien-Krieges, in dem Muslime zu Tausenden umgebracht wurden. Das hat mich zu einem Extremisten gemacht. Man wird freilich nicht über Nacht so.

 

Wie wird man radikaler, militanter Islamist? Geht man am Abend ins Bett und denkt, „warum bin ich nicht in Afghanistan“ oder im Irak? Wie kommt man auf die Idee, einen Anschlag in London verüben zu wollen?

Husain: Nein. Zuerst hört man in geheimen Indoktrinationstreffen, wie verschieden von den anderen man doch ist. Die anderen, das sind die Teilzeit-Muslime. Wir hingegen sind die erleuchteten Vollzeit-Muslime. Wenn das der Zugang zu Muslimen ist, stellen Sie sich vor, wie man erst über Nicht-Muslime denkt: Die kommen sowieso alle in die Hölle. Wir waren ständig mit unserem Jihad beschäftigt – Sommercamps, Plakate kleben, Spenden sammeln. Das war in den 90er-Jahren. Wir redeten. Das Gefährliche ist, dass man heute nicht redet, sondern handelt. Für die heute 20- bis 25-Jährigen ist es viel einfacher, vom Lesen und Reden schwingen zu konkreten Handlungen zu kommen. Ich war Aktivist bei Hizb ut-Tahrir. Wir glaubten, dass wir den Ungläubigen weit überlegen sind.

 

Was kann man an ihrem Beispiel lernen? Nützen Rehabilitierungsprogramme etwas, wie etwa in Saudiarabien, wo man versucht, Terrorverdächtige und Terroristen umzuprogrammieren?

Husain: Ja. Wenn es gelingt, solche Leute zum Nachdenken, zum Zweifeln, zum Überdenken ihrer Position zu bringen, dann ist man schon einen Schritt weiter. Dazu kommt: Wie halten wir es mit der Meinungsfreiheit? Soll es erlaubt sein, dass Menschen Meinungen öffentlich vertreten und nach einer Zerschlagung jenes Staates rufen, der die Freiheit garantiert? Ist das nicht eine Gefahr genau für diese Freiheit?

ZUR PERSON. Ed Husain

Hizb ut-Tahrir war jene Organisation, der sich der heute 32-Jährige in seiner Jugend angeschlossen hatte. In seinem Buch „The Islamist“ (Penguin Books, London, 2007) schildert er, wie er zum Islamisten wurde, und wie er wieder in ein modernes Leben zurückfand. Er war auf Einladung von „Frauen ohne Grenzen“ in Wien. [EPA, Penguin Books]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2007)

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