Indien: Blutiger Vormarsch der Maoisten

Die militanten Naxaliten weiten ihren Kampf gegen den Staat immer mehr aus – und gehen dabei über Leichen. Die Sicherheitskräfte haben dem bisher wenig entgegenzusetzen.

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Delhi.Kommt es in Indien zu einem Anschlag islamischer Extremisten, erregt dies international meist viel Aufmerksamkeit. Relativ unbemerkt von der Weltöffentlichkeit wird der Staat aber seit Jahrzehnten von maoistischen Rebellen herausgefordert. Ein blutiger Angriff hat dies vor Tagen wieder ins Bewusstsein gerufen. Einmal mehr haben die Naxaliten, wie der maoistische Untergrund in Indien heißt, bei ihrem Krieg gegen den Staat gerade die Armen ins Visier genommen.

Im ostindischen Bundesstaat Jharkhand mischten sich rund hundert ihrer Kader in einem Dorf unter die Besucher eines Gesangsfestes. Kurz nach Mitternacht bemächtigten sie sich der Lautsprecheranlage und forderten einen prominenten Lokalpolitiker auf, sich zu ergeben. Als dieser in der Menge untertauchte, schossen sie wahllos in die Festgemeinde.


Guerillas in Polizeiuniform

18 Menschen wurden auf der Stelle getötet, viele weitere erlitten schwere Verletzungen. Eines der Opfer war der Sohn eines früheren Regierungschefs des Bundesstaats. Die mit Polizeiuniformen verkleideten Guerillas, darunter zahlreiche Frauen, verschwanden darauf mit erhobenen Fäusten und revolutionären Slogans in der Dunkelheit. Die echten Polizeiwachen waren bei Einbruch der Dunkelheit abgezogen worden.

Der Zwischenfall zeigt erneut die Unfähigkeit des Staats, mit der Herausforderung durch die Maoisten fertig zu werden. Diese sind inzwischen in einem Viertel aller 602 Bezirke des Landes aktiv. Ministerpräsident Manmohan Singh nannte die Naxaliten-Bewegung, die heuer 40 Jahre alt wird, die größte Gefahr für Indien – gefährlicher als der Terrorismus oder der Kaschmirkonflikt.


Korrupte Kader

Als im Jahr 2005 mehr als tausend Menschen durch naxalitische Gewalt umkamen, ging Delhi daran, eine koordinierte Sicherheitsstrategie umzusetzen, namentlich mit umfangreichen Mitteln für die zusätzliche Rekrutierung von Polizeikräften und deren Spezialausbildung. Doch das Polizeiwesen fällt in die Kompetenz der Bundesstaaten, und die Kader der Sicherheitskräfte zeichnen sich durch schlechte Moral, Korruption – und Kontrolle durch Politiker aus.

Zudem fehlt es an einer Koordination zwischen den einzelnen Staaten. Nur im Bundesstaat Andhra Pradesh wurden die Maoisten mit Hilfe von Polizeimilizen, die selber in einer rechtlichen Grauzone operieren, zurückgedrängt. Dafür nahm ihre Tätigkeit in den Nachbarstaaten zu, und nach einem Rückgang der Opfer im letzten Jahr hat deren Zahl in diesem Jahr wieder zugenommen. Sie beläuft sich bis heute auf 550 Tote.

Der Staat hat erkannt, dass der bewaffnete Kampf alleine den Untergrund nicht besiegen kann. Die Regierung in Delhi hat daher die Ausgaben für Programme zur Armutsbekämpfung in den am meisten betroffenen Staaten erhöht. Allerdings haben die Naxaliten dort inzwischen eine derartige Präsenz entwickelt, dass die Programme oft gar nicht ausgeführt werden, weil sich die Beamten nicht mehr ins Feld trauen.


Opfer sind immer die Armen

Zudem hat die nationale Politik weiterhin Mühe, in ihrer Gesetzgebung einen Ausgleich zwischen dem rasch wachsenden Sektor einer modernen Wirtschaft und dem siechen Agrarsektor zu finden. Am Sonntag nahmen 30.000 „Delhiwallahs“, die Bewohner Delhis, in ihrer Stadt an einem Halbmarathon teil. Zur selben Zeit betraten annähernd gleich viele Menschen die Hauptstadt, nach einem Marsch von mehr als dreihundert Kilometern. Es waren dies landlose Bauern aus achtzehn Bundesstaaten, die gehofft hatten, dass drei Wochen Marsch die Regierung bewegen würde, ihnen mit einem kleinen Stück Land die Existenz zu sichern – bisher vergeblich.

Ein weiteres Mal zeigt sich, dass ein gewaltloser Marsch auch im Land Gandhis weniger Beachtung findet als die Gewalt von Maoisten. Und in beiden Fällen sind Arme die Opfer.

LEXIKON

Indiens Maoisten tragen den Namen „Naxaliten“. Er leitet sich von einem Ort in Westbengalen ab. Seit Ende der 60er Jahre machen sie durch bewaffnete Aktionen auf sich aufmerksam. Die Ideologie beruht auf Gewalt und speist sich aus der Armut in vielen Landesteilen.

Der Staat war bisher weder im Kampf gegen die Armut noch gegen die Naxaliten erfolgreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2007)

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