US-Politologen: "Israel heizt Terrorgefahr für USA an"

"Die Israel-Lobby". Die Buchautoren Walt und Mearsheimer kritisieren, dass Washington auf Druck der "Israel-Lobby" seit Jahren eine Nahost-Politik betreibt, die nicht im Interesse der USA ist.

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(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Die Presse: Rechnen Sie mit einer US-Militäraktion gegen den Iran?

Stephen Walt: Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen: nein. Im Moment ist die US-Administration mit zu vielen anderen Problemen beschäftigt: Irak, Pakistan, Libanon, den Beziehungen zur Türkei, der geplanten Nahost-Konferenz in Annapolis, Libanon.

John Mearsheimer: Es gibt eine 25-Prozent-Chance, dass es zu einem Krieg kommt. Es wäre extrem dumm, den Iran anzugreifen. Der Iran würde danach seine Bemühungen verdoppeln, Atombomben zu erwerben, um sicherzustellen, dass ein solcher Angriff nicht noch einmal erfolgt.

Wenn man der Logik Ihres Buches folgt, wäre ein Krieg im Iran unvermeidlich - wegen des Drängens der  Israel-Lobby.

Walt: Die Lobby übt mächtigen Einfluss auf die Nahost-Politik der USA aus, aber sie kontrolliert die US-Außenpolitik nicht. Und nach den Irak-Erfahrungen ist die Fähigkeit der Israel-Lobby, Bush zu einem Iran-Krieg zu überreden, geringer geworden. Die Israel-Lobby ist die einzige Gruppe in den USA, die den Einsatz von Gewalt forciert. Die Armee ist nicht interessiert, den Iran anzugreifen. Das US-Außenamt ist eindeutig dagegen, die Geheimdienste und die Ölfirmen auch.


In Ihrem Buch schreiben Sie, die Israel-Lobby sei ausschlaggebend für die Irak-Invasion gewesen. Das ist absurd. Denn das hieße, dass der israelische Schwanz mit dem amerikanischen Hund wedelt.

Walt: Ohne die Anschläge vom 11. September 2001 hätte es keinen Irak-Krieg gegeben, und ohne die Israel-Lobby auch nicht. Ausschlaggebend waren Neokonservative, die Teil der Lobby waren.

Mearsheimer: Die Israel-Lobby hat über Jahre eine Politik forciert, die nicht im amerikanischen Interesse ist. Jeder US-Präsident seit 1967 hat sich gegen den Bau von Siedlungen ausgesprochen. Dennoch war kein Präsident fähig, ausreichend Druck auf Israel auszuüben, um den Siedlungsbau zu stoppen.

Wovor sollen denn die US-Politiker Angst haben?

Walt: Um Druck auf Israel auszuüben, könnten die USA ihre Wirtschafts- und Militärhilfe im Wert von drei bis vier Milliarden Dollar einbehalten. Doch die Politiker haben Angst vor den Auswirkungen auf ihre Wahlchancen.


Warum gefährdet es die nationale Sicherheit der USA, wenn Israel Siedlungen baut?

Mearsheimer: Weil Israel damit die Terrorgefahr für die USA anheizt. Al-Qaida war auch zu den Anschlägen von 9/11 motiviert, weil die USA Israel unterstützen.


Wie erklären Sie dann, dass al-Qaida zwischen 1993 und 2000 Anschläge verübte, als Israel und die Palästinenser sich im Friedensprozess befanden? Aus den Gründungsmanifesten der al-Qaida geht doch hervor, dass Bin Laden vor allem durch die US-Militärpräsenz in Saudiarabien motiviert wurde.

Mearsheimer: Es gibt mehrere Motivationsfaktoren. Die US-Präsenz in Saudiarabien ist einer davon, die US-Unterstützung für repressive arabische Regime ein zweiter, der amerikanische Segen für Israels Politik gegenüber den Palästinensern ist ein dritter Faktor.
Walt: Vergessen Sie außerdem nicht: Israel verdoppelte zwischen 1993 und 2000 die Anzahl der Siedler in den besetzten Gebieten.


Sie schreiben, Israel sei zu einer strategischen Bürde geworden. Können Sie ein Land im Nahen Osten nennen, das demokratischer und stabiler als Israel ist?

Mearsheimer: Ob ein Land demokratisch ist, hat nichts damit zu tun, ob es strategisch wertvoll ist.
Walt: Die bedingungslose Unterstützung für Israel macht Amerika nicht sicherer. Österreich ist demokratisch, aber bekommt es deshalb vier Milliarden Dollar Hilfe?


Meines Wissens ist Österreichs Existenzrecht in keiner Weise gefährdet.

Walt: Auch Israels Existenzrecht ist nicht in ernsthafter Gefahr. Israel hat bis zu 300 Atombomben, es hat die stärkste Armee in der Region, es hat einen Friedensvertrag mit Ägypten und Jordanien. Und es hätte 2000 einen Vertrag mit Syrien haben können, wenn die Israelis nicht den Verhandlungstisch verlassen hätten. Israel hat Sicherheitsprobleme, aber seine Existenz ist nicht in Gefahr. Sollte dies der Fall sein, dann müssen die USA natürlich zu Hilfe kommen.


Wie soll Ihrer Ansicht nach die US-Politik gegenüber Israel aussehen?

Mearsheimer: Wir sollten Israel wie einen normalen Staat behandeln, die "special relationship" beenden. Wir sollten uns von Israel distanzieren, wenn es nicht in amerikanischem Interesse handelt. Wir sollten ein ehrlicher Makler sein und Israel sagen, dass es die besetzten Gebiete verlassen muss.


Israel hat versucht, Frieden mit den Palästinensern gemäß der UN-Resolution 242 zu schließen, 2000 in Camp David zum Beispiel.

Walt: Das ist ein Mythos. Camp David war nicht mal in der Nähe der Resolution 242. Israel hat keinen lebensfähigen Palästinenserstaat angeboten. Es gab Fortschritte bei den Verhandlungen in Taba, Scharon brach die Gespräche aber nach seiner Wahl ab.


Warum blenden Sie die Terroranschläge der Palästinenser aus, die im Herbst 2000 anliefen?

Walt: Wir blenden den Terror nicht aus, wir verurteilen ihn. Aber enden wird der Terror nur, wenn die Palästinenser einen eigenen Staat bekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2007)

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