Neue EU-Denkfabrik: „Ohne Hitler und Stalin kein Europa“

Tschechiens Außenminister Karl Schwarzenberg: Nur große Krise wird EU außenpolitisch einigen.

WIEN(c.u.). Europa hat eine neue Denkfabrik. Joschka Fischer, der ehemalige deutsche Außenminister, ist ihr Zugpferd, der US-Investor George Soros ihr wichtigster Geldgeber. Am Sonntag stellte sich das „European Council on Foreign Relations“ dem Wiener Publikum vor, erst im Burgtheater und dann im Café Landtmann, wo Council-Direktor Mark Leonard seine Studie über Europas Beziehungen zu Russland präsentierte.

Fazit des Papiers: Nur wenn die EU einig auftritt, kann sie dem wiedererstarkten Russland die Stirn bieten, sei es in Energiefragen oder im Kosovo, im Kaukasus oder Zentralasien. Der Kreml versuche eine Situation herzustellen, in der die EU Russland mehr brauche als Russland die EU. Das könne nur funktionieren, wenn sich Europa auseinander dividieren lasse. Denn geeint sei Europa um einiges mächtiger als Russland.


Russland geeint die Stirn bieten

Darauf wies auch Fischer in der Burgtheater-Diskussion über „Die Welt-Unordnung“ hin: Europa hat dreieinhalb Mal so viel Einwohner wie Russland, gibt zehn Mal so viel fürs Militär aus, hat eine 15 Mal so große Wirtschaftskraft. Doch die EU blockiere sich selbst, durch die Einzelgänge ihrer Mitglieder. Als einigendes Band schlägt Leonhard vor, im Umgang mit Russland stärker als bisher auf die Herrschaft des Rechts zu pochen.

Tschechiens Außenminister Karl Schwarzenberg gab im Burgtheater die Kassandra. Letztlich werde nur eine große Krise den Europäern den nötigen Willen einhauchen, um Führung zu übernehmen. Ohne Adolf Schicklgruber (Hitler) und Josef Dschugaschwili (Stalin) wäre Europa nicht in der Lage gewesen, sich zusammenzuraufen. Möglicherweise werde Russlands Präsident Putin eine ähnlich einigende Wirkung auf Europa ausüben, meinte Schwarzenberg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2008)

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