Herr Putin, greifen Sie endlich ein! Stoppen Sie diesen Irrsinn!

Der russische Präsident hat die Macht, die Separatisten in der Ostukraine zurückzupfeifen. Aber er betreibt stattdessen nur sein zynisches Spiel.

Monitors from OSCE and members of a forensic team visit the crash site of Malaysia Airlines Flight MH17 near the village of Hrabove
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Monitors from OSCE and members of a forensic team visit the crash site of Malaysia Airlines Flight MH17 near the village of Hrabove
(c) REUTERS (MAXIM ZMEYEV)

Ist Wladimir Putin tatsächlich so kaltblütig, so instinkt- und pietätlos, sein zynisches Doppelspiel in der Ostukraine angesichts der weltweiten Trauer und Empörung über 298 unschuldige Zivilisten aufrechtzuerhalten, die inzwischen zum Großteil in Kühlwaggons lagern? Übers Wochenende wühlten unerträgliche Bilder die Weltöffentlichkeit auf: Wie prorussische Separatisten barbarisch an Leichen hantiert und sie herumbugsiert haben, wie sie in den Habseligkeiten der Opfer kramten und Beutestücke plünderten, wie sie Beweismaterial verschwinden ließen und Spuren verwischten, wie sie Untersuchungsteams schikanierten – das beschäftigt nun nicht mehr vorwiegend Ukrainer, Russen und die internationale Diplomatie.

Denn seit Donnerstag, 16.20 Uhr Ortszeit, seit dem Absturz der Malaysian Airlines über dem Dorf Grabowo, hat der Konflikt in der Ostukraine mit einem Mal eine globale Dimension erreicht, der Menschen in Amsterdam wie in Kuala Lumpur gleichermaßen in ihrem Lebensnerv trifft. Herzzerreißend der Aufschrei einer holländischen Mutter, deren 23-jähriger Sohn samt Freundin auf dem Weg ins Urlaubsparadies Bali war: „Mister Putin, bringen Sie meine Kinder nach Hause.“ Sarkastisch der Brief eines niederländischen Vaters an die Adresse der Kriegsparteien, der in seinem Schmerz über den Tod seiner 17-jährigen Tochter Anklage erhebt: „Danke für die Ermordung meines einzigen und lieben Kindes. Plötzlich ist sie nicht mehr da. Aus der Luft geschossen. In einem fremden Land, in dem Krieg herrscht.“

In ihrem emotionalen Ausnahmezustand haben die Angehörigen der Opfer instinktiv die Schlüsselfigur ausgemacht, die kraft ihrer Position und ihrer Macht allein fähig scheint, den seit Spätherbst hin- und herwogenden Konflikt zwischen Moskau und Kiew, in vielerlei Hinsicht ein Stellvertreterkrieg, zu beenden. Der russische Präsident hat den Spuk einst entfesselt, und wann, wenn nicht jetzt, müsste er den Irrsinn an der Grenze seines Reichs stoppen: indem er die prorussischen Rebellen unter der Führung russischer Militärs und Geheimdienstoffiziere zur Räson ruft, zunächst zur Kooperation mit den internationalen Organisationen und zu einem Ende der Gewalt; indem er ihnen die logistische Unterstützung entzieht, den Nachschub mit hochkarätigem Kriegsgerät und mit in Russland trainierten Spezialkräften.

Das wäre das Gebot der Stunde. Stattdessen leugnet Putin leichtfertig die Mitverantwortung und schiebt sie der Ukraine zu: Schließlich ereignete sich der Abschuss auf ukrainischem Territorium – also trägt nach Putins Logik dafür auch die Regierung in Kiew die Schuld. Seit der Eskalation auf der Krim betreibt der Kreml-Herr konsequent ein doppelbödiges Spiel – um hinterher, ein klein wenig zumindest, das aktive Zutun Moskaus einzugestehen. Denn es waren er selbst und seine Kreml-Kamarilla, die die „grünen Männchen“ auf die Schwarzmeerhalbinsel ausgeschickt haben, wie er sich später unverhohlen brüstete – zu seinem Ruhm und dem Traum von einem imperialen „Neurussland“.


Die Indizien für die Schuld der Separatisten und ergo für die Verstrickung Russlands sind erdrückend – und dies nicht allein aufgrund der Erkenntnisse der US-Geheimdienste. Paradoxerweise lieferte just das Verteidigungsministerium in Moskau einen verräterischen Hinweis darauf, als es sich bei einem neuerlichen Rechtfertigungsversuch in Widersprüche verwickelte. In Russland kursieren derweil allerlei bizarre Verschwörungstheorien.

Längst hat auch die internationale Diplomatie ihre Geduld mit dem lavierenden russischen Staatschef verloren. Vom „Augenblick der Wahrheit“ ist da die Rede, oder von „Putins letzter Chance“. Obama, Merkel und Co. versuchen, den Präsidenten ins Eck zu treiben und bei seiner Macho-Ehre zu packen. Fraglich ist dabei, ob er die Rebellen zurückpfeifen und die Kontrolle in der Pufferzone einer UN-Friedenstruppe überlassen kann, ohne seine Macht aufs Spiel zu setzen. Diese basiert auf militärischer Stärke und der wirtschaftlichen Potenz der Öl- und Gasindustrie. Es ist indes zu befürchten, dass Putin nur eine Sprache versteht, nämlich die von brachialen Sanktionen. Das ist die Weltgemeinschaft nicht zuletzt den Opfern des Flugs MH17 schuldig.

E-Mails an: thomas.vieregge@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2014)

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