MH17: Leichen nach Holland, Blackbox nach England

Die Untersuchung des möglichen Abschusses des Passagierfliegers nimmt Formen an. Putin will außerdem auf die Separatisten Einfluss nehmen.

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Ein malaysischer Experte am Unglücksort in der Ostukraine.
Ein malaysischer Experte am Unglücksort in der Ostukraine. – (c) REUTERS

Nicht generell, nicht um einen Rückzug zu empfehlen, aber immerhin deutlich: Der russische Staatschef Wladimir Putin hat am Dienstag zugesagt, seinen Einfluss auf die prorussischen Rebellen im Osten der Ukraine zur Aufklärung des Absturzes der Malaysia-Airlines-Maschine zu nutzen. "Wir werden aufgefordert, Einfluss auf die Kämpfer im Südosten auszuüben, wir werden alles in unserer Macht Stehende tun", sagte Putin nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen.

Putin sagte das bei einem Treffen des nationalen Sicherheitsrats. Russland werde alles für "eine vollständige, umfassende, gründliche und transparente Untersuchung" des Falls tun. Putin warnte aber zugleich das Ausland davor, sich in innerrussische Angelegenheiten einzumischen. Der Westen müsse seinen Einfluss auf die Ukraine geltend machen, damit die Kämpfe in der Ostukraine aufhörten. Putin erneuerte seine Forderung nach einer generellen Feuerpause.

Blackbox übergeben

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte am Montag eine Waffenruhe verkündet, die auf 40 Kilometer im Umkreis um die Absturzstelle gelten sollte. Ringsum gab es allerdings heftige Gefechte - auch in Donezk, wo die Separatisten am Dienstagmorgen die Flugschreiber der Boeing 777-200 an Vertreter Malaysias übergaben. Eine Delegation von zwölf Experten aus Malaysia hatte nach Angaben der russischen Agentur Interfax den Tag über in Donezk mit den Separatisten verhandelt.

Die Black Box wird zur Auswertung der Daten nach Großbritannien gebracht. Ein belgischer Militärjet startete nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Brüssel am Dienstag nach Kiew, um die Aufzeichnungsgeräte aus der Ukraine abzuholen. Die Geräte sind nach der ersten Einschätzung eines malaysischen Experten intakt und nur geringfügig beschädigt.

Was speichert eine Black Box?

Ein Flugschreiber besteht aus einem Flugdatenschreiber und einem Stimmrekorder, die während eines Fluges Daten wie Flughöhe, Geschwindigkeit, Kurs, Neigungswinkel, Triebwerksdaten und Klappenstellungen aufzeichnen. Der Stimmrekorder speichert die letzten 30 bis 120 Minuten des Sprechfunkverkehrs vom oder zum Cockpit, sowie Geräusche und Gespräche im Cockpit selbst.

Auf Bitten der ukrainischen Regierung haben die Niederlande die Leitung der internationalen Untersuchung zur Absturzursache von Flug MH17 in der Ostukraine übernommen, teilte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte am Dienstag in Den Haag mit.

Alle 298 Opfer des werden in den Niederlanden identifiziert. Verantwortlich dafür ist das nationale Team forensischer Ermittlungen der Polizei (LTFO). Die Opfer werden zu einer Kaserne in Hilversum unweit von Amsterdam gebracht. Dort werden die Experten sie nach Regeln von Interpol identifizieren. Herangezogen werden dabei Fingerabdrücke, Gebiss und DNA-Proben. Ein erster Zug mit Leichen vom Unglücksort traf am Dienstag in Charkow ein. Auf dem Flugplatz stand eine Hercules-Maschine der niederländischen Streitkräfte bereit. Nach ukrainischen Angaben wurden an der Absturzstelle 282 Leichen und 87 Körperteile gefunden.

Zuvor hatte der UN-Sicherheitsrat per Resolution eine unabhängige Untersuchung des mutmaßlichen Abschusses einer Passagiermaschine über der Ostukraine gefordert. Alle 15 Mitglieder des Gremiums stimmten dem Papier bei einer kurzfristig einberufenen Sitzung am Montag in New York zu. Dem ursprünglich von Australien eingebrachten Entwurf hatten sich schon vor der Abstimmung zahlreiche weitere Länder angeschlossen. Russland hatte zunächst einen eigenen Resolutionsentwurf eingebracht, dann aber einer gemeinsam überarbeiteten Version des australischen Entwurfs zugestimmt.

Resolution ohne Konsequenzen

Die Resolution fordert eine "umfassende, tiefgreifende und unabhängige Untersuchung" des Absturzes von Flug MH17 mit fast 300 Menschen an Bord über dem Osten der Ukraine, bei der die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO eine "zentrale Rolle" spielen soll. Zudem fordert es sofortigen ungehinderten Zugang für die Experten zur Unglücksstelle. Im Fall der Nichtbefolgung droht die Resolution allerdings keine Konsequenzen an. Sie verurteilt den mutmaßlichen Abschuss des Flugzeugs und spricht den Angehörigen der Opfer Beileid aus.

MH17: Die schwierige Arbeit im Trümmerfeld

Ermittlungen könnten kaum mehr möglich sein

Beobachter befürchten, dass wegen der tagelangen Behinderungen durch die Separatisten und Eingriffen in das Trümmerfeld eine exakte Ermittlung der Absturzursache kaum mehr möglich ist. Angehörige klagen über mangelnden Respekt vor den Toten.

US-Präsident Barack Obama rief seinen russischen Kollegen Wladimir Putin dazu auf, die Aufständischen davon abzuhalten, die Untersuchungen weiter zu behindern. Der Separatistenanführer Andrej Purgin wies Vorwürfe zurück, moskautreue Kräfte hätten Arbeiten behindert. Die militanten Gruppen würden lediglich die "Rechtmäßigkeit" der Ermittlungen überwachen.

Die moskautreuen Kräfte kämpfen für die Abspaltung von der Ukraine. Die russisch geprägte Region Donbass erkennt die proeuropäische Führung in Kiew nicht an. Bei den Kämpfen starben bisher Hunderte Menschen.

EU berät erneut Verhältnis zu Russland

Die Außenminister der Europäischen Union kommen am Dienstag in Brüssel zusammen, um über die Ukraine-Krise und Konsequenzen aus dem Absturz zu beraten. Noch am Montag sollte der UN-Sicherheitsrat über eine Resolution zum Absturz der Maschine abstimmen.

Der Westen wirft Russland vor, schützend die Hand über die Separatisten zu halten und etwa Waffenlieferungen an diese nicht zu unterbinden. Putin wies in einer in Moskau veröffentlichten Videobotschaft eine Verantwortung Russlands für den Boeing-Absturz zurück und gab der Ukraine die Schuld dafür. Armee und Separatisten lieferten sich inzwischen erneut heftige Gefechte.

(APA/dpa/Red. )

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