Bill Binney: „Das ist totalitär wie bei Stasi, Gestapo und KGB“

Für Bill Binney, einst technischer Direktor des US-Geheimdienstes NSA, ist die uferlose Überwachung gegen die Verfassung – und obendrein auch noch nutzlos.

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„Die Geheimdienste haben sich durch die riesigen Datenmengen selbst funktionsunfähig gemacht“. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Sie haben den Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei und Afghanistan vorausgesagt, wie den Jom-Kippur-Krieg. Das klingt, als hätten Sie eine Art Kristallkugel in der Hand gehabt.

William Binney: Nun, weniger eine Kristallkugel. Ich habe einfach gewisse Muster studiert, beobachtet, wie Leute interagieren, wo sie sich aufhalten. Es geht da viel um gesunden Menschenverstand. Im Fall der Tschechoslowakei: Man stellt zehn Divisionen nicht ohne Absicht an die Grenze. Das ist ziemlich teuer und aufwendig, wenn man das in dieser Größe aufrechterhalten will. Es sind immerhin 60.000 oder 80.000 Leute, die da versorgt werden müssen. Die Frage ist nur: Ist es Säbelrasseln? Als die Tschechen damals nicht das taten, was man ihnen befohlen hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis es zum Einmarsch kommen würde. Das war nicht schwer zu erraten.


Aber es ist eine Sache vorherzusagen, dass etwas passieren wird, eine andere, wann es passiert. Und im Fall von Afghanistan waren Sie ziemlich nah dran . . .

Na ja, ich habe mich um eine Stunde geirrt. Militärs tun etwas, wenn sie im Vorteil sind. Wenn etwa der Gegner einen Feiertag hat, wird man am Vorabend angreifen, am 24. Dezember eine Stunde vor Mitternacht etwa. Man greift an, wenn es der Gegner am wenigsten erwartet.

Heute sieht es ja ganz anders aus: Egal, ob Arabischer Frühling oder Ukraine, die USA scheinen von den Ereignissen immer völlig überrascht zu werden. Wie kann das sein, bei all den Überwachungsprogrammen, von denen wir nun wissen?

Die Dienste haben sich selbst durch die massenhafte Datensammelei funktionsunfähig gemacht. Sie greifen diese Unmengen an Daten ab, überschütten ihre Analysten damit und sagen zu ihnen: „Findet raus, was passiert.“ Die Informationen, die diese Analysten sichten müssen, haben sich vervielfacht, aber die Zahl der Analysten wächst nicht in dem Maß mit, das kann von Menschen auch gar nicht bewältigt werden.


Gibt es dafür jetzt nicht Algorithmen?

Das Problem mit den Algorithmen: Es ist egal, ob man Quantencomputer hat, wie schnell deine Hardware ist – wenn man keine clevere Software hat. Das ist die Schlüsselfrage: Ist die Software clever genug? Mit schlechter Software kann man zwar Berge an Daten analysieren, und man findet vielleicht auch eine Menge Dinge – aber vermutlich eine Menge falscher Dinge.


Gab es das Problem nicht schon vor 9/11?

Ja, grundsätzlich war das so. Genau deshalb habe ich eine Automatisierung befürwortet, damit man zu einem Punkt kommt, an dem man eine wirkliche Einschätzung treffen kann. Das war damals schon nötig, und heute ebenso. Die Analyse ist noch immer nicht so weit strukturiert, dass man den Prozess automatisieren kann. Man hat offenbar noch immer ein Problem mit „Big Data“.


Wie sicher kann man sagen, dass 9/11 mit den richtigen Analyseinstrumenten hätte verhindert werden können?

Das kann ich mit Sicherheit sagen. Nach 9/11 haben sie tatsächlich jene Daten gefunden, die ihnen geholfen hätten, die Anschläge zu verhindern. Sie hatten diese Daten schon vorher, aber das wussten sie nicht.


Nicht nur Edward Snowden warnte vor den Überwachungsprogrammen, andere, wie Sie, haben das seit Jahren getan. Sie haben ja deshalb auch die NSA verlassen.

Die neue Devise war: Wenn man alle Daten haben kann, wieso sollte man es nicht machen? Genau dagegen habe ich mich gewendet. Das Ganze ist ein totalitärer Ansatz. Es ist das, was Gestapo, die Stasi, der KGB und so weiter gemacht haben: Diktaturen versuchen immer, alles über jeden zu erfahren, um die Menschen unter Kontrolle zu halten.


Aber auch diesmal, trotz der massiven Snowden-Enthüllungen, hat sich nicht viel verändert, war der Aufschrei viel kleiner, als man vermutet hätte. Warum?

Ein Grund ist sicher, dass wir bei uns in den USA seit Georg III. keinen diktatorischen Machthaber mehr hatten, vor 240 Jahren hatten wir deshalb ja auch eine Revolution. Seither hatten wir Regierungen, die ihre Macht jedenfalls nicht signifikant missbraucht haben. Okay, Nixon hat begonnen, in diese Richtung zu gehen, aber man hat sich eigentlich daran gewöhnt, dass die Regierung das Richtige tut, dass wir die Guten sind. Nun, das stimmt halt nicht so ganz. In Deutschland war die Reaktion eine ganz andere, da erinnert man sich noch lebhaft an die Stasi. Wenn man weiß, was Totalitarismus heißt, ist das Bewusstsein höher, sich zu wehren. Aber es beginnt langsam auch bei uns, und ich glaube, das wird immer stärker.

Was kann ich als einfacher Bürger machen? Nur mehr die Schreibmaschine benutzen? Auf das Internet verzichten?

Ich glaube, man muss einfach Geld aus diesem Bereich abziehen. Wenn man die Programme nicht mehr finanziert, können die Dienste das auch nicht mehr machen. Man sollte die Geheimdienste nur mehr so weit finanzieren, dass sie das tun, was sie auch tun sollen. Wenn sie dann noch immer diese massive Überwachung betreiben: Noch einmal die Geldmittel reduzieren.


Nun, dann würde Präsident Obama sagen: „Ich will nicht als der in die Geschichte eingehen, der verantwortlich ist, dass ein Terroranschlag nicht verhindert wurde.“

Aber als solcher ist er ja schon in die Geschichte eingegangen: Was ist denn mit dem Boston-Bomber, dem Fort-Hood-Schützen, dem Times-Square-Bomber? Er ist bereits dieser Präsident. Das Problem ist, er müsste langsam einmal realisieren, warum das so ist, und das Problem beheben.


Edward Snowden hat viel riskiert . . .

Er hat sein Leben aufgegeben.


Was würde ihn bei einer Rückkehr in die USA erwarten?

Er würde eingesperrt, man würde nie wieder etwas von ihm hören. Er bekäme nicht einmal einen fairen Prozess.


Er sagt ja, er habe kein Material an Chinesen und Russen übergeben. Wie glaubwürdig ist das?

Ich kann nur sagen, was ich von Reportern wie Glenn Greenwald und Laura Poitras weiß, dass er ihnen damals in Hongkong alles übergeben hat. Das Einzige, was er danach noch besaß, war das, was er im Kopf hatte. Die Chinesen und Russen sollten einfach die Zeitungen lesen, da steht alles drin. Wobei man da auch das findet, was im Grunde ja alle vermutet haben. Al-Qaida wusste es sicherlich seit den 1990er-Jahren, alle wussten es, nur die US-Öffentlichkeit wusste es nicht.

Zur Person


William Binney war ein hochrangiger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, zuletzt als Technischer Direktor. Während des Kalten Krieges galt er als der beste Code-Knacker der USA. Als die US-Regierung in Folge der al-Qaida-Anschläge vom 11. September 2001 die Überwachungsprogramme, die Binney zum Teil mitentwickelt hatte, massiv ausweitete und dabei offenbar gegen die Verfassung verstieß, quittierte er nach 37 Jahren den Dienst. Er wurde zum scharfzüngigen Warner vor den Auswüchsen der großflächigen Überwachung.

Der österreichische Regisseur Friedrich Moser dreht derzeit einen Dokumentarfilm über Binney. Der Dreh wird dieser Tage abgeschlossen, unter anderem mit Szenen an der Königswarte bei Hainburg, einem Horchposten des Heeresnachrichtenamtes, mutmaßlich unter Beteiligung der NSA.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2014)

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