Ukraine: "Europa reagiert immer verspätet"

Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch ist mit Österreichs Haltung in der Ukraine-Krise unzufrieden. Eine Gleichsetzung der Konfliktparteien lehnt er ab.

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Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch. – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Die Presse: Sie haben in Ihrer Eröffnungsrede zur Buchmesse das ängstliche Verhalten Europas in Bezug auf die Ukraine kritisiert. Welche Reaktion würden Sie sich denn erwarten?

Juri Andruchowytsch: Die Wirtschaftssanktionen sind richtig, aber sie reichen nicht. Sie brauchen mehr Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten, als die Ukraine heute hat. Ich spreche aber vor allem von der Wahrnehmung in den Köpfen. Sehr viele Europäer betrachten diesen Konflikt zu europäisch – also: Es gibt eine Gleichsetzung der beiden Seiten, beide haben Schuld, auf beiden gibt es Opfer. Nur der letzte Punkt ist richtig. Wie kann man den klaren Aggressor und sein Opfer nur gleichsetzen? Damit sagt man dem Opfer: Verteidige dich nicht.

In Österreich leben Vertreter des Janukowitsch-Regimes relativ unbehelligt, das Land bremst bei den Sanktionen. Hat Österreich seinen guten Ruf in der Ukraine verspielt?

Österreich ist ein Land, in dem sich die frühere Clique des Präsidenten ein perfektes Leben gezimmert hat. Es war ein schwerer Schlag gegen die ukrainische Menschenwürde, dass wir in unserer Annäherung an Europa von diesen Leuten blockiert wurden, die aber gleichzeitig ihr privates Glück schon in Österreich gefunden hatten. Österreich gehört zu diesem Streifen mitteleuropäischer Länder, die EU-Sanktionen sabotieren. Ungarn macht das ganz offen, weil das Land stark vom russischen Gas abhängig ist. Österreich ist ein wenig vieldeutiger, aber im Kern will man weich gegenüber Russland sein. Natürlich bin ich damit unzufrieden. Eigentlich bin ich ein Österreich-Versteher (lacht). Eine andere Reaktionsweise muss erst heranreifen. Europa reagiert leider immer erst verspätet.

Der Beginn des Euromaidan jährt sich demnächst. Was sind die deutlichsten Veränderungen?

Wir hatten schon zwei Mal die demokratischsten Wahlen seit Beginn der Unabhängigkeit. Eine andere Beobachtung: Ich habe unlängst ein internationales Ranking zum Thema Freiwilligenarbeit gelesen. Vor einem Jahr stand die Ukraine auf Platz 112. In diesem Jahr ist das Land auf Platz zwölf. In meinem Umfeld leben wir in einem Rausch der Wohltätigkeit. Wir sammeln, wir spenden, wir helfen – das ist ein sehr produktiver Zustand. Viele Aktivitäten dienen der Unterstützung der Armee. Auch die Hälfte der Auflage meines neuen Buches geht an Verwundete in Krankenhäusern.

Mit dem Krieg hat eine Militarisierung der Gesellschaft eingesetzt, ein Denken in den Kategorien Freund/Feind. Sehen Sie darin eine Gefahr für eine demokratische Ukraine?

Diese Gefahr sehe ich ganz klar. Deshalb glaube ich, dass wir die heutigen Probleme auch sehr schnell lösen sollten. Wir müssen darauf achten, dass diese Militärstimmung zu keinem Wundbrand wird, bei dem der Hass die beherrschende Emotion wird. Vielleicht klingt das zu naiv, aber ich glaube, dass diejenigen, die in einem Konflikt auf der richtigen Seite stehen, geschützt sind vor Hass.

Es gibt die Forderung nach verstärkter Zensur von Büchern und Filmen aus Russland...

Aber da gibt es klare Kriterien. Es geht um Kunstprodukte, die die russischen Streitkräfte oder Silowiki verherrlichen. Ich halte das für gerechtfertigt, weil diese Einrichtungen ein Kriegsfeind sind. Ich war sowieso immer kritisch gegenüber diesen russischen Serien, die unseren Fernsehraum dominiert haben. Deshalb ist dieser Kram in den Köpfen der Leute.

Wäre es nicht besser, wenn die Ukraine die Separatistengebiete einfach aufgeben würde?

Diesen Gedanken habe ich 2010 formuliert. Damals, in Friedenszeiten, hätte man eine zivilisierte Abstimmung abhalten können. In den nächsten Jahren wird es schwierig werden, in dieser Region ein faires Referendum abzuhalten. Aber für die ferne Zukunft ist es wohl die einzige Möglichkeit. Jeder Versuch, das ausgerechnet jetzt zu machen, ist allerdings sehr fragwürdig. Für den Aggressor könnte so ein Schritt eine Ermutigung darstellen, nach noch mehr Land zu greifen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2014)

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