Ungarn: Budapest Blues

Die Ungarn verlieren den Glauben an ihr Land. Auf Jahre des Stillstands folgt der Absturz. Die Wirtschaft könnte heuer um mehr als fünf Prozent schrumpfen. Der Jugend reicht es. Wer kann und die nötigen Kontakte im Ausland hat, packt die Koffer und wandert aus.

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(c) AP (Eckehard Schulz)

Die Ungarn verlieren den Glauben an ihr Land. Auf Jahre des Stillstands folgt der Absturz. Die Wirtschaft könnte heuer um mehr als fünf Prozent schrumpfen. Der Jugend reicht es. Wer kann und die nötigen Kontakte im Ausland hat, packt die Koffer und wandert aus.

Válság. Ganz Budapest starrt auf diese sechs Buchstaben: v-á-l-s-á-g. Wie locker Gespräche auch beginnen, sie enden früher oder später bei dem einen unvermeidlichen Thema: bei válság, der Krise. Im Castro Bistro, einem verrauchten Künstlerlokal nahe dem István-Örkény-Theater, ist das an diesem Abend auch nicht anders.


Krisztián, ein ungarischer Tom Cruise mit Aknenarben, wird richtig wütend, als er darauf zu sprechen kommt. Er erträgt das alles hier nicht mehr in Ungarn: die unfähigen Politiker, die Larmoyanz, sein niedriges Einkommen, den Stillstand. Und deshalb hat der 30-jährige IBM-Mitarbeiter einen Entschluss gefasst. Er und seine gleichaltrige Frau Melinda, eine blasse wortkarge Finanzexpertin, werden ihre Heimat für mindestens fünf Jahre verlassen. Sie werden ausgerechnet in das Land gehen, in dessen Währung sie einen Kredit laufen haben, der sie jetzt so teuer zu stehen kommt. Sie werden ihr Glück in der Schweiz versuchen.

Wie ein Vorschlaghammer. Spätestens seit die Wirtschaftskrise die Ungarn wie ein Vorschlaghammer getroffen hat, grassiert unter Ungarns Jugend das Auswanderfieber. „Ich habe schon fast in jeder europäischen Hauptstadt jemanden, den ich besuchen kann“, sagt Ákos Varga, Bassist bei Žagar, einer der erfolgreichsten Electropopbands in Ungarn.
Anders als seine Freunde Krisztián und Melinda trägt Ákos sich nicht mit dem Gedanken abzuhauen. Doch auch ihn, den entspannten Musiker, packt ein Wutanfall im Castro Bistro. „Alles Diebe, die Politiker“, schnaubt er, als wäre er ein frustrierter alter Mann. Die Stimmung beruhigt sich erst, als sich ein ätherisches Wesen mit Bubikopf und weinroten Lippen an den Tisch setzt. Gabriella Hámori, eine Schauspielerin, berühmt in Ungarn, seit sie in dem Kinofilm „Stoppt Mutter Teresa“ die Hauptrolle gespielt hat. Im Angesicht einer solchen Traumgestalt will keiner mehr von Krise reden.


Doch aufdringlich wie kalter Zigarettenrauch nach einer durchzechten Nacht kehrt am nächsten Morgen die Realität zurück. Und die Realität sieht, 250 Kilometer von Wien entfernt, so aus: Ungarn wandelt am Rand des Ruins. Nur ein 20-Milliarden-Euro-Rettungsring, den der Währungsfonds, die EU und die Weltbank vergangenen Herbst in Budapest abgeworfen haben, hält den Staat über Wasser. Der Forint fällt wie reifes Obst; seit Oktober hat die Währung über 30 Prozent ihres Werts verloren. Das drücke mindestens 600.000 bis 700.000 Haushalten in Ungarn die Lebensader ab, sagt Miklós Losoncz, Ökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut GKI. Und das wird auch auf Österreich Rückwirkungen haben. Denn österreichische Banken sind in Ungarn massiv vertreten.

Die Frankenfalle. Weil der Zinssatz im tief verschuldeten Ungarn so hoch war, haben sich viele Bürger auf Fremdwährungskredite eingelassen. Es war ein Boom, der da Ende der 90er-Jahre an den ungarischen Bankschaltern einsetzte und sich ab 2003 rasend beschleunigte. Wer sich Geld in Yen, Euro oder vor allem in Franken lieh, der musste nur rund fünf Prozent Zinsen zahlen, und nicht bis zu 15 wie bei Forint-Krediten. Doch der Vorteil verwandelte sich in einen Mühlstein, als der Forint abstürzte. Wer Kredite in harter Währung zurückzahlt, muss jetzt 30 Prozent mehr seiner hart verdienten Forint aufwenden als noch vor wenigen Wochen.


Wir treffen Gábor (Name geändert) und blicken von den Hügeln Budas auf die nächtliche Lichterstadt. Er verdient gut für ungarische Verhältnisse: 300.000 Forint, das sind etwa 1000 Euro pro Monat. Die Hälfte davon kassiert er schwarz, bei Steuerangelegenheiten sind die Ungarn findig. Im Juni wird der 31-jährige Reklamefachmann zum ersten Mal Vater. Umso schwerer liegt ihm sein Frankenkredit im Magen. Die monatliche Rate hat sich nämlich von umgerechnet 75.000 auf 103.000 Forint erhöht. Seine schwangere Frau bringt bald kein Geld mehr nach Hause, und das Karenzgeld in Ungarn ist dürftig.


Gábor wird jetzt vor der Geburt seines Kindes nur noch das Allernotwendigste in seiner Bleibe renovieren. Wenigstens hat er sich mit seinem Kredit nicht übernommen. Er wird irgendwie über die Runden kommen. Andere werden das nicht schaffen. Auf die Ungarn rollt eine Lawine von Pfändungen und Räumungen zu.

Verwahrloste Riesen. Nachmittag in einem Obdachlosenheim im achten Budapester Bezirk: Es riecht muffig. 60 Männer und Frauen mit geröteten Gesichtern wärmen sich auf. Wortlos sitzen sie wie verwahrloste Riesen in alten grünen Schulbänken und starren auf einen kleinen Fernseher. „In letzter Zeit sind mehr Jugendliche gekommen“, sagt Esther, eine Sozialarbeiterin mit sanften braunen Augen. Sie stellt sich darauf ein, dass noch viel mehr kommen werden, wenn die Krise die Reserven der Unterschicht weggefressen hat. Doch nicht nur private Haushalte, auch der Staat hängt in der Fremdwährungsfalle.


Róbert Baumann, 27-jähriges Wunderkind bei der Budapester Finanzfirma Global Partners, erwartet für das heurige Jahr Kernschmelze, gefolgt von einer langen Komaphase. Die Prognosen werden immer düsterer, so düster, dass Krisztián Szabados, Chefanalyst bei Political Capital, keine genauen Zahlen mehr nennen will. „Sonst bricht noch Panik aus.“ Von mindestens minus fünf Prozent Rezession spricht er, Betonung auf mindestens. Die Arbeitslosigkeit bewegt sich auf die Zehnprozentmarke zu. Wie lange kann das gut gehen? Hält das polarisierte politische System Ungarns die Zerreißprobe aus?
Szabados erwartet nicht nur, dass die schwache sozialdemokratische Minderheitsregierung von Ferenc Gyurcsány bei der nächsten Wahl von Oppositionschef Viktor Orbán weggefegt wird. Er befürchtet auch Unruhen, ethnische und soziale Spannungen.


Nach Sündenböcken muss man in Ungarn nicht lange suchen: Den mehr als 600.000 Roma gilt der Hass vieler. Schlecht integriert, werden sie als Sozialschmarotzer gebrandmarkt. Das kann in einer Zeit, in der alle den Gürtel enger schnallen müssen, explodieren. Es häufen sich die Angriffe auf sie.

Antisemitismus. Doch auch Ungarns Juden fühlen sich zunehmend unwohl. Tamás Földes ist einer von ihnen. Seinen Kindern hat er internationale Namen gegeben, Marcel und Emma, damit sie sich im Fall der Fälle auch anderswo leicht einfügen können. Földes, erst 33, hat zwei Standbeine: eine Marketingfirma und Delikatessenläden. Das sei sein Glück, sagt er. Denn die ungarische Franchise-Tochter der Immobilienfirma Remax weigert sich, für seine Werbekampagne zu zahlen. Es geht um 40 Millionen Forint.


Noch will Földes bleiben, wegen seiner Familie. Doch der wachsende Antisemitismus bereitet ihm Sorge. Die Geschichte wiederholt sich, sagt er bei einer Melange in der Vienna Lounge, einem gold-beigen Designerkaffee in einem sonst eher trostlosen Shopping-center namens „Rosengarten“. Sein jüdischer Schwiegervater dränge ihn dazu auszuwandern. Die Karibikinsel Aruba könne er sich vorstellen. Dort Ledertaschen und Lángos verkaufen. Földes spürt seine Motivation in Ungarn schwinden. Die Krise kostet uns wieder zehn Jahre, sagt er. Im französisch anmutenden Karlsgarten hält ein graubärtiger Mann mit einer Pelzledermütze Wache neben einer grünen Jugendstiltoilette. Beim Parkeingang hat er seinen Suzuki wie einen kleinen Cerberus geparkt. Antal Balikó mag keine Roma. Dort vorne, die zwei Buben, das sind Taschendiebe, die Schrecken des Bezirks, sagt er. Im Park nennen sie ihn nur Gestapo, seit er ein paar Roma von der Polizei abführen ließ. Balikó trägt den Schimpfnamen wie einen Adelstitel.

Zu wenig zum Leben. Der 67-Jährige hat bei den Elektrizitätswerken gearbeitet, bis er 1987 in die Invaliditätspension ging. Von den 67.000 Forint Rente im Monat, etwas mehr als 200 Euro, kann er nicht leben. Deshalb arbeitet Balikó für einen privaten Sicherheitsdienst und soll im Park für Ordnung sorgen. Bis zu 150.000 Forint im Monat hat er dabei verdient. Seit Jänner hat er kein Geld mehr gesehen. Für den alten Mann wird es jetzt noch schwerer. Im Lichthof der Städtischen Bibliothek sitzen zwei Ungarinnen in Hüftjeans und engen V-Pullovern über Bücher gebeugt. Klara, 17, blickt auf. „Vielleicht kann ich heuer doch nicht nach Amerika, weil mein Vater die Reise nicht mehr zahlen kann“, sagt sie in perfektem amerikanischen Englisch. Zsuzsa, ihre um zwei Jahre ältere Freundin, fühlt sich von der Krise noch nicht direkt betroffen. „Aber ich spüre sie kommen.“ Der Budapest-Blues hat auch sie erfasst.

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