Ostukraine: Eine Sektfabrik im Krieg

Nahe der Frontlinie produziert die Artjomowsk Winery Schaumwein. Der Wein ist köstlich, doch die Verkäufe sind wegen des Kriegs eingebrochen. Besuch im Sektstollen.

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Lagerstätte unter Tage: In 72 Metern Tiefe und bei einer stabilen Temperatur von 13 bis 15 Grad Celsius reift der Sekt im ostukrainischen Artjomowsk. – (c) Jutta Sommerbauer

Zum Anstoßen hat Ljudmila Powaljaewa eine Flasche Brut gewählt, einen trockenen Rosé mit einer frischen Grapefruit-Note, er schmeckt den Europäern und den Ukrainern, die sich nach europäischem Geschmack sehnen. Die Perlen steigen im schmalen Glas hoch, feierliche Atmosphäre erfüllt das schmucklose Zimmer im Verwaltungsgebäude. Powaljaewa hebt das Glas zum Toast: „Auf die Gesundheit.“ Für den Rosé und für den roten Sekt, der schwer nach Erdbeeren und Kirschen duftet, ist die Stadt Artjomowsk bekannt. Französische Sektkenner trauten ihren Augen nicht, als man ihnen das blutrote, perlende Getränk ins Glas goss. Nach der Degustation sagten sie anerkennend: „Er hat sich seine Existenz verdient.“ Der rote Sekt aus der Artjomowsk Winery war der erste Schaumwein, den Ljudmila Powaljaewa in ihrem Leben getrunken hat. Sie war 18 Jahre alt.

Powaljaewa ist herzlich und schwungvoll, eine füllige Frau Mitte 40. Sie ist die Vizechefin der Artjomowsk Winery. Sie begann als Ingenieurin im Labor, wurde später Leiterin eines Produktionsabschnitts, jetzt ist sie Hauptverantwortliche für Qualität. „Ich habe einen langen Weg hinter mir“, sagt die Frau mit dem schwarzen Kurzhaar. Bereut hat sie ihn nicht: „Sektherstellung ist ein Beruf fürs Leben.“ Nächstes Jahr feiert sie ihr 25-jähriges Dienstjubiläum.

Jetzt, kurz vor Arbeitsschluss, spricht sie bei einem Gläschen Sekt doch noch über den Krieg, auch wenn sie das ursprünglich nicht wollte. Das Geschäft könnte besser laufen. Powaljaewa lobt den Zusammenhalt der Belegschaft in dieser schwierigen Zeit, noch keinen einzigen Tag wurde die Produktion ausgesetzt. „Wer von uns hätte vor einem Jahr gedacht, dass es in der Ukraine Krieg geben würde?“, fragt sie. Und sich die Champagnerfabrik direkt in der Konfliktzone befinden würde. Die Frontlinie, an der ukrainische Armee und prorussische Freischärler einander gegenüberstehen, ist 30 Kilometer von Artjomowsk entfernt. Artjomowsk liegt auf der ukrainisch kontrollierten Seite. Ein letzter Außenposten, bevor die Landstraße Gorlowka erreicht, das schwer zerstört ist nach monatelangem Beschuss.

 

Intermezzo der Separatisten

Wie in anderen Städten des Donbass auch wurde in Artjomowsk Mitte April die Flagge der Donezker Volksrepublik auf dem Rathaus gehisst. Doch anders als in Gorlowka oder Slawjansk erlangten die Separatisten nie vollständig die Macht über die Stadt. Auch die Winery wurde nicht enteignet. Es gab den Versuch einer Besetzung, doch man habe sich „abgesprochen“, sagt die Vizechefin. Für sie ist deshalb Artjomowsk eine „gesegnete Stadt“.

Vielleicht wollten sich die prorussischen Aktivisten auch nicht mit den einflussreichen Besitzern des Werks anlegen. Zu den Eigentümer gehören nach Angaben ukrainischer Journalisten der nach Kiew geflüchtete Donezker Oligarch Rinat Achmetow, der frühere Infrastrukturminister Boris Kolesnikow und der Sohn von Expräsident Viktor Janukowitsch, Alexander.

In der Nacht von 4. auf 5. Juli war der Spuk in Artjomowsk vorbei. Das Freiwilligenbataillon „Artjomowsk“ lieferte sich Gefechte mit den Separatisten im Stadtzentrum. Ein paar Stunden später verkündete Innenminister Arsen Awakow, der Stab der lokalen Separatisten sei „vernichtet“ worden. Seitdem kann man in den Straßen nur noch ukrainische Armeeangehörige und „Artjomowsk“-Kämpfer sehen. Nach Artjomowsk kommen Bürger aus den abtrünnigen Gebieten, wenn sie Geld aus dem Bankomaten oder ihre Pension benötigen. In langen Schlangen warten diese Menschen vor den Banken und haben für die Ukraine kein gutes Wort übrig.

Eine Absprache, sagt Powaljaewa, sie wäre auch jetzt wieder nötig zwischen der Donezker Volksrepublik und der Ukraine. Absprachen geben Sicherheit, und die braucht ein Unternehmen so dringend wie Champagner die Kohlensäure.

Um den prickelnden Schatz von Artjomowsk zu entdecken, muss man sich tief in den Stollen neben dem Verwaltungsgebäude wagen. Juri Koroljow, ein langjähriger Mitarbeiter, fährt mit einem Golfwägelchen los. Er kennt den 25 Hektar großen Keller mit seinen unzähligen Fahrbahnen und Zwischenräumen so gut wie seine Wohnung.

Der Wagen rollt vorbei an meterhohen silbernen Zisternen, in denen die angelieferten Weinsorten zu einer firmeneigenen Mischung vermengt werden. Assemblage nennt man in Artjomowsk diese erste Stufe der Schaumweinerzeugung, die erst beendet ist, wenn der Wein 20 Tage geruht hat. Es geht weiter zu der modernen Abfüllanlage, die 12.000 Flaschen in der Stunde abfertigen kann. Hier bekommen die Flaschen einen vorläufigen Verschluss. Auf einem verschlungenen Gässchen dringt man zum Weinlager vor, dort, wo der Sekt in Flaschen auf Holzstellagen heranreift. Frauen drehen den in den Rüttelpulten steckenden Glasbauch so sanft wie routiniert um eine bestimmte Gradzahl, damit sich die abgestorbene Hefe im Flaschenhals absetzt. 80.000 Flaschen in acht Stunden. Dazwischen 45 Minuten Pause. Im nächsten Produktionsschritt werden die Kronenkorken abgenommen, die Hefe entfernt und die Dosage hinzugefügt, ein Gemisch aus Wein und Zuckersirup, das den Süßegrad bestimmt.

 

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Süßer sowjetischer Sekt

In der Sowjetunion hatte Sekt süß zu sein. Es gab damals nur eine Marke: Sowetskoje Schampanskoje. Am 29. Juni 1950 fiel die Entscheidung, mitten in der ostukrainischen Industrieregion Donbass eine Sektkellerei zu bauen. Es wäre nicht der Donbass, hätte sich nicht ein früheres Gipsbergwerk mit hervorragenden klimatischen Verhältnissen angeboten. Vier Jahre nach der Gründung des Werks liefen die ersten fünf Millionen Flaschen vom Band.

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine wurde es komplizierter. „Man kann nur überleben, wenn man die Bedürfnisse jedes einzelnen Klienten zufriedenstellt“, sagt Powaljaewa. Heute erzeugt man mehr als drei Dutzend verschiedene Produkte, vom kostengünstigen Artemiwske über den seit den 1970er-Jahren exportierten Krimsekt bis hin zu den hochpreisigen Brut-Sorten der Reihe KrimArt.

Die Menschen im Donbass verstehen es zu feiern, nicht nur zu Neujahr und an Geburtstagen. „Eine Flasche Sekt ist Anlass genug“, sagt Sprecherin Julia Wodolaskina. Doch nun sparen die Ukrainer. 18 Millionen Flaschen hat das Unternehmen im vergangenen Jahr ausgeliefert, dieses Jahr waren es nur elf. Die Bestellungen sind zurückgegangen, viele Läden im Kriegsgebiet haben geschlossen. Die Touren über das Fabriksgelände mit anschließender Verkostung waren bei den Bewohnern der Region sehr beliebt, jetzt nicht mehr.

 

Kein Wein mehr aus der Krim

Doch das größte Problem der Winery ist der Nachschub. Der Wein kommt in Tanks aus der Südukraine, aus der Gegend um Odessa, Cherson, Mykolajew – und von der Krim. Doch dieses Jahr hat man von der von Russland annektierten Halbinsel keine Lieferung mehr erhalten. Das Werk habe noch Vorräte für drei Jahre, solange könne man weiterarbeiten wie bisher, beruhigt Wodolaskina. Was dann aus den Sorten KrimArt, Krimskoye und Krimsekt wird, die die Herkunftsbezeichnung im Namen führen, kann niemand sagen.

Und dann befindet Ljudmila Powaljaewa, dass schon genug über den Krieg gesprochen wurde. Der Rosé soll nicht in der Flasche versauern, seine Perlen müssen im Glas tanzen. Mit lauter Stimme spricht sie den letzten Toast aus, der im Unternehmen seit Jahrzehnten weitergegeben wird und der unerwartet wieder aktuell geworden ist: „Auf den Frieden! Wenn es knallt, nur von Sektkorken! Wenn der Boden aufgegraben wird, nur für Weinstöcke!“ Sie hofft, dass es im neuen Jahr wieder mehr Anlässe zum Anstoßen geben wird.

Auf einen Blick

Die Artjomowsk Winery erzeugt Schaumweine nach der Champagner-Methode. Das Werk (500 Mitarbeiter) wurde 1950 als Produktionsstätte für Sowetskoje Schampanskoje gegründet. 2005 rollte die letzte Flasche des Sowjet-Sekts vom Band. Man investierte lieber in ein modernes Image und Qualitätsstandards. Wein wird aus der Südukraine und der Krim angeliefert. Der Lieferstopp von Krim-Weinen bereitet den Betreibern derzeit Sorgen. Die Kellerei im Internet: www.krimart.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2014)

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