Al-Qaida-Experte: „Nicht alle Islamisten in einen Topf werfen“

Al-Qaida-Experte Paul Cruickshank (New York University) über Obamas Chancen im Antiterrorkampf.

Schließen
(c) Privat

Die Presse: Barack Obama hat im Vergleich zu seinem Vorgänger einen neuen Tonfall gegenüber der islamischen Welt angeschlagen: Als wie wichtig ist das einzuschätzen?

Paul Cruickshank: Ja, Obama war sehr erfolgreich dabei, die „Stimmungsmusik“ im Verhältnis der USA zur islamischen Welt zu verändern. Das ist sicher bedeutsam, wenn es darum geht, gewalttätigen Extremismus zu bekämpfen. Die al-Qaida-Führer sind sich der Popularität von Obama in der islamischen Welt nur allzu bewusst. Bezeichnenderweise hat bin-Laden-Vize Ayman al-Zawahiri eine erbitterte Kampagne gegen Obama in den Botschaften geführt, die er seit dessen Wahl veröffentlichte.

Welche Taten müssen diesem atmosphärischen Wandel nun folgen?

Cruickshank: Es gibt viele Hinweise, dass in den letzten acht Jahren Wut über die US-Außenpolitik für al-Qaida einer der Schlüsselfaktoren bei der Rekrutierung war. Jeder Staat hat unverhandelbare „Rote Linien“ in der Außenpolitik, aber in gewissen Bereichen könnte ein neuer Zugang Dividenden abwerfen. Etwa Obamas Entscheidung, Guantanamo zu schließen.

Ein Durchbruch im Nahost-Friedensprozess könnte al-Qaidas Fähigkeit, dieses Thema zur Rekrutierung von Kämpfern für den globalen Jihad auszuschlachten, stark reduzieren. Die Gleichung ist recht einfach: Wenn man der Regierung Obama eine balanciertere, konstruktive Rolle beim Thema Israel-Palästina anmerkt, gibt es weniger Wut, die al-Qaida ausnutzen kann.

 

Hat man islamistische Gruppen, die keine Terrorakte begehen, aber junge Muslime radikalisieren, bisher zu wenig beachtet?

Cruickshank: Das Schlimmste, was wir tun können, ist, alle Gruppen in einen Topf zu werfen. Es gibt welche, die die militante Agenda von al-Qaida unterstützen, und andere, wie etwa Hizb ut-Tahrir: Diese Gruppe ist antiwestlich und will rund um die Welt islamische Staaten schaffen, aber nicht mit terroristischen, sondern mit politischen Mitteln. Was nicht heißt, dass einzelne Mitglieder nicht in Terrorakte involviert sein können, wie das Beispiel des Anschlags auf den Flughafen Glasgow 2007 zeigt.

 

Wie also soll man mit solchen Gruppen umgehen?

Cruickshank: Man muss die Gewalttätigen identifizieren und sie von jenen trennen, mit denen wir kooperieren können. Es gibt Gruppen, die wir als Islamisten oder Fundamentalisten bezeichnen, die aber Verbündete sein können dabei, die gewalttätigen Extremisten zu marginalisieren. Sie kennen die religiösen Texte, auf die sich al-Qaida bezieht, und können also recht effektiv die Ansichten von al-Qaida kontern. hd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2009)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Al-Qaida-Experte: „Nicht alle Islamisten in einen Topf werfen“

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen