Nahost: "Diese Staaten brechen zusammen"

Shlomo Avineri, einer der führenden Nahost-Experten, über den Zerfall des Staatensystems in der Region, Parallelen zur Ukraine und westliche Illusionen.

Politologe Avineri zu Amerikas Syrien-Politik: „Obama hat schreckliche Fehler gemacht.“
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Politologe Avineri zu Amerikas Syrien-Politik: „Obama hat schreckliche Fehler gemacht.“
Politologe Avineri zu Amerikas Syrien-Politik: „Obama hat schreckliche Fehler gemacht.“ – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Der Nahe Osten ist im Umbruch. Wie wird die Landkarte in zehn Jahren aussehen, wird es neue Staaten geben?

Shlomo Avineri: Das weiß ich nicht. Aber die Landkarte ändert sich. Denn die Grenzen und Staaten sind nicht aus einer internen Entwicklung heraus entstanden, sondern durch einen imperialistischen Kompromiss, das Sykes-Picot-Abkommen von 1916. Als dieses System durch den Arabischen Frühling herausgefordert wurde, brachen viele Staaten zusammen. Ich glaube nicht, dass durch den IS ein Kalifat entsteht, aber Syrien und der Irak werden keine Einheitsstaaten mehr sein. Die kurdische Region im Irak ist bereits de facto ein Staat. Ob Syrien in kleine Staaten zerfällt, oder zu einer Föderation oder Konföderation wird, weiß ich nicht. Aber die Menschen sehen sich nicht mehr als Syrer und Iraker, sondern als Sunniten, Schiiten, Kurden, Alawiten, Drusen, Christen. Ähnliches geschieht in Libyen: Italien hatte es vor dem Ersten Weltkrieg aus drei Provinzen mit unterschiedlichen Ethnien, unterschiedlicher Sprache und Geschichte gebildet. Als Gaddafis eiserne Hand verschwand, brach das System zusammen. Ähnliches gilt für den Jemen und Sudan.

 

Es gibt Gegenbeispiele. Jordanien etwa entstand auf dem Reißbrett und ist stabil.

Die Regime, die herausgefordert wurden, waren mit Ausnahme Bahrains republikanische Militärdiktaturen. Sie hatten ein Legitimitätsproblem. Die Monarchien haben eine – religiöse – Legitimität. Die Dynastie des Königs von Jordanien gilt als Nachkomme des Propheten, Saudiarabien ist Schutzmacht der zwei heiligsten Stätten des Islam.

 

Der Arabische Frühling begann als Sozialprotest, wurde dann aber von Islamisten gekapert. Liegt das nur daran, dass diese Gruppen besser organisiert sind?

Wir sehen eine Rückkehr der Religion. Nicht nur im Nahen Osten. Hinzu kommt, dass die Idee der Säkularisierung in der islamischen Welt von oben oktroyiert wurde und nie von unten, also aus dem Volk gekommen ist. Sie war also unterdrückend. Es ist ein Paradox, das man im Westen nicht immer versteht: Antiautoritäre Bewegungen sind in dieser Region meist zugleich antisäkular. Weil die Säkularisierung mit Leuten wie Assad verbunden wird. Die Idee, dass eine Säkularisierung fortschreitet wie im Westen, ist daher illusorisch. Es gibt ja diesen westlichen Determinismus, wonach im Nahen Osten innerhalb von zwei oder drei Jahrzehnten entstehen soll, was in Europa zwei, drei Jahrhunderte gedauert hat. Aber in Ägypten gibt es eine Chance für ein aufgeklärtes autoritäres Regime. Es ist ein homogenes Land mit 1000-jähriger Geschichte. Und wenn die Integrität der großen Gesellschaft vorhanden ist, ist Pluralismus einfacher.

 

Die Flüchtlingskrise animiert Europa, mehr zur Beilegung des Syrien-Konflikts zu tun. Kann der Westen etwas ausrichten?

Europa hat keine Außen- und Sicherheitspolitik. Und Obama hat zwei schreckliche Fehler gemacht: Zuerst zog er eine rote Linie für den Fall, dass Assad Chemiewaffen einsetzt. Und als die Linie überschritten wurde, handelte er nicht. In Riad und Kairo entstand der Eindruck: Man kann sich auf Amerika nicht verlassen. Ägypten erhält nun Waffenlieferungen von Russland. Bei allem Verständnis für Obamas Rückzugspolitik nach den Bush-Katastrophen: Es gibt kein Vakuum: Ziehen die USA sich zurück, kommt ein anderer: Russland.

 

Was steckt hinter Moskaus Intervention?

Russland hat alle einstigen Verbündeten der Sowjetunion in der Region verloren – bis auf das alawitische Assad-Regime. Und es hat Angst vor dem fundamentalistischen Islam, aber nur in dessen sunnitischer Ausprägung. Die 30 Millionen Muslime in Russland sind ja vorwiegend Sunniten. Deshalb liebäugelt Moskau auch mit dem schiitischen Iran.

Auch in Europa werden wieder Grenzen verschoben. Um die Ostukraine herrscht Krieg. Sehen Sie Parallelen zu Syrien?

Wenn autoritäre Regime zerfallen, zersplittern zunächst die Vielvölkerstaaten: Das gab es nach 1989 in der Sowjetunion, in Jugoslawien, in der Tschechoslowakei. 20 Jahre lang wusste man in Europa, dass die Ukraine kein konsolidierter moderner Staat ist. Im Westen, Süden und Osten gibt es Gebiete, die ethnisch, historisch und religiös anders sind als der Kern. Aber man dachte, das wird sich von allein lösen, und hatte sogar die Illusion, diesen dysfunktionalen Staat irgendwie in die EU bringen zu können. Putin nutzte das Vakuum aus, auch wenn das sehr zynisch war.

 

Sehen Sie an anderen Schauplätzen Europas die Gefahr für eine Destabilisierung?

Die Political Correctness in Europa verhindert es, rational Problem anzusprechen, aber in Estland gibt es hunderttausende ethnische Russen, die sich als diskriminiert betrachten und nahe Russlands Grenze leben. Es gibt da Parallelen zu (der von Moldau abtrünnigen Provinz, Anm.) Transnistrien.

ZUR PERSON

Shlomo Avineri, geboren 1933 in Polen, emigrierte 1939 in das damalige Palästina. Er ist Professor an der Hebräischen Universität von Jerusalem und zählt zu den führenden Nahost-Experten. Publikationen auch zu Hegelund Marx.

Heute diskutiert der israelische Politologe im Politischen Salon des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) mit „Presse“-Außenpolitikchef Christian Ultsch über den Zerfall des Staatensystems im Nahen Osten. Für die Veranstaltung gibt es leider keine freien Plätze mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2015)

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