Wahlkampf mit Trump: "Halte mich für den nettesten Menschen"

Kein amerikanischer Politiker versteht es so geschickt wie Donald Trump, Zukunftsangst und Zorn auf die Eliten mit demagogischen Parolen in Stimmen umzumünzen. "Die Presse am Sonntag" hat seinen Wahlkampf begleitet.

U.S. Republican presidential candidate Donald Trump holds a rally with supporters at the convention center in North Charleston
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U.S. Republican presidential candidate Donald Trump holds a rally with supporters at the convention center in North Charleston
Donald Trump auf Wahlkampftour: Er ist kein guter Redner, aber einer, der ein Gefühl für die Stimmung im Land entwickelt hat. – REUTERS

Knapp vor Ende seiner Rede, in der er bereits zum Boykott von Apple aufgerufen, mit seinen blendenden Geschäften mit den Chinesen geprahlt, die er gleichzeitig des größten Diebstahls der Weltgeschichte bezichtigt, und alle seine Konkurrenten wahlweise als Waschlappen oder Lügner niedergemacht hat, packt Donald Trump für seine Fans noch eine ganz spezielle neue Geschichte aus. Sie handelt vom US-General John Pershing, der Anfang des 20. Jahrhunderts während der amerikanischen Kolonialherrschaft über die Philippinen mit muslimischen Aufständischen zu kämpfen hatte. „Er nahm fünfzig Kugeln, und er tauchte sie in Schweineblut“, sagt Trump. „Und dann ließ er seine Männer ihre Gewehre mit diesen Kugeln laden und 49 von 50 Gefangenen erschießen. Und zum fünfzigsten sagte er: ,Geh zurück zu deinen Leuten und erzähle ihnen, was passiert ist.‘ Und 25 Jahre lang gab es kein Problem, okay?“

Es spielt keine Rolle, dass diese angebliche Begebenheit aus General Pershings Leben apokryph ist, eine jener rechtsextremen Fabeln, die im Internet zirkulieren. Trumps Anhänger, die sich in einer Sporthalle in North Charleston am Vorabend der republikanischen Vorwahl in South Carolina eingefunden haben, nehmen dem meisterhaften Selbstvermarkter alles ab. Für sie zählt nämlich nur eines: „Er ist ein Geschäftsmann, der sich nicht kaufen lässt. Alle anderen sind käuflich“, sagt der 22-jährige Chris, stellvertretend für so gut wie alle, mit denen „Die Presse am Sonntag“ während Trumps Wahlkampftour gesprochen hat.

Chris wird heuer zum ersten Mal in seinem Leben an einer Präsidentenwahl teilnehmen, und neben der Frage von Korruption und Lobbyismus in Amerikas Politik zieht ihn persönlich ein Anliegen in Trumps Lager: „Mich ärgert, dass ich Krankenversicherung für Leute zahlen muss, die nicht arbeiten.“ Er selbst sei in einem Sägewerk beschäftigt, an fünf, manchmal sechs Tagen pro Woche, seinen ersten Job habe er mit 15 Jahren ergriffen, und wer arbeitswillig sei, könne immer etwas zu tun finden, sagt Chris, seinem Kandidaten gleich ein blaues Sakko mit einer grellroten Baseballmütze kombinierend, die Trumps Motto „Make America Great Again“ ziert. Diesen Leitspruch hat Trump von Ronald Reagans siegreicher Kampagne des Jahres 1980 kopiert.

Das Amerika, welches Trump seinen Anhängern in jeder Ansprache verheißt, ist eine nostalgische Fiktion der Superlative. Das Militär werde unter Präsident Trump so überwältigend aufgerüstet, „dass sich niemand mehr traut, sich mit uns anzulegen“. Die Industrie werde in den Vereinigten Staaten wieder erblühen, und sollte ein amerikanischer Konzern wie zum Beispiel Boeing mit dem Gedanken spielen, seine Fertigung nach China zu verlagern, könne er sich auf etwas gefasst machen, denn „das wird es nicht spielen mit einem Präsidenten Trump“. Eine Mauer an der Grenze zu Mexiko werde sämtliche Probleme mit dem Drogenschmuggel und der illegalen Einwanderung lösen, und es versteht sich von selbst für das Publikum jeder Kundgebung, wer die Baukosten dafür tragen wird: „Mexiko!“, skandieren sie, und der Kandidat strahlt.

Der Volkstribun. Donald Trump, der New Yorker Playboy und Multimillionärssohn, hat im Spätherbst seines Lebens ein Talent zum Volkstribunen entdeckt. Abseits all seines Selbstlobs, seiner charmanten Schwindeleien und demagogischen Lügen hat der 69-Jährige eine Wahrheit über den gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft entdeckt, um die sich die etablierten Vertreter des politischen Systems verlegen herumdrücken: Viele Amerikaner fühlen, dass ihnen das Zusammenspiel von Globalisierung und Gesellschaftswandel den vertrauten heimatlichen Boden unter den Füßen weggezogen hat. Sie fühlen sich von den technokratischen Eliten in der leidenschaftlich verhassten Hauptstadt Washington zwischen Outsourcing und Islamischem Staat im Stich gelassen. In Trump sehen viele Amerikaner, denen Politik bisher völlig egal gewesen ist, eine Chance, das kaputte System von Grund auf zu erschüttern.

„Alle haben von Washington die Nase voll. Die Leute dort kümmern sich nicht mehr um das Volk“, sagt beispielsweise Elli in der Warteschlange vor Trumps erstem Auftritt an diesem Tag im Badeort Myrtle Beach an der Atlantikküste, rund zweieinhalb Autostunden von North Charleston entfernt. Elli, die ein bisschen an die Popsängerin Bonnie Tyler erinnert, ist typisch für viele Trump-Anhänger: „Ich bin zum ersten Mal bei einer politischen Veranstaltung. Gäbe es Trump nicht, würde ich niemanden wählen. Und ich habe einen College-Abschluss. Ich bin also keine ungebildete Idiotin, wie es alle ständig über die Trump-Anhänger behaupten.“ Elli hat vier Kinder, sie sind heuer erstmals wahlberechtigt und alle für Trump im Wahlkampfeinsatz. Ihr größtes Anliegen ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt, sagt sie: „Die bringen in der Hotellerie und Informationstechnologie Ausländer herein, statt die heimischen Leute anzustellen. Unsere Industrie ist weg, wir haben nur mehr Dienstleistungsjobs, von denen man kaum leben kann.“

Die stille, angebliche Mehrheit. Diese Klage gegen das amerikanische Wirtschaftssystem könnte auch von einer Anhängerin des sozialistischen Senators Bernie Sanders stammen, der bei den Demokraten Hillary Clinton ins Schwitzen bringt. Doch bei den Trump-Veranstaltungen mischt sich stets auch ein feindseliges Ressentiment in die Stimmung. Viele der Trump-Fans präsentieren Plakate, auf denen die „stille Mehrheit“ schwört, an seiner Seite zu stehen. Die stille Mehrheit: Das war eine rhetorische Formel, mit der Richard Nixon in den 1960er-Jahren unmissverständlich an jene weißen Konservativen appellierte, die von Bürgerrechten für die Schwarzen und der Emanzipation der Frauen ebenso wenig hielten, wie es heutige Konservative in den USA hinsichtlich der Ehe Gleichgeschlechtlicher oder der Proteste gegen die hohe Zahl polizeilich erschossener Schwarzer tun. „Unsere Polizisten werden absolut mies behandelt“, sagte Trump am Donnerstag bei einer Fernsehdiskussion auf die Frage, wie er als Präsident mit letzterem Problem umgehen würde. Für die Klagen der Schwarze, die sich vielerorts von der Polizei verfolgt fühlen, hatte er kein Wort übrig. Blickt man ins Publikum seiner Wahlkampfauftritte, verwundert das nicht: Unter ein paar Tausend Teilnehmern sah „Die Presse am Sonntag“ nur zwei Schwarze. Auch die politische Novizin Elli offenbart ihr Weltbild am Beispiel der Einwanderung: „Man darf die analphabetischen Massen nicht ins Land lassen. Man wird schließlich mit seinem Intelligenzquotienten geboren. Wollen Sie, dass diese Leute dann Ihr Land zerstören?“

Wie Trump diese Mischung aus Zukunftsangst, Nostalgie und Zorn aufgreift, ist erstaunlich. Er ist kein guter Redner: Immer wieder verfällt er in rasendes Gemurmel, wie in einem Bewusstseinsstrom, bei dem er kaum einen Satz fertigspricht, weil stets ein neuer Einfall den vorigen ablöst. Doch sobald er merkt, dass sein Publikum sich langweilt, brüllt er stets eine seiner Schlüsselphrasen, und alle wachen auf.

Zum Beispiel: „Die legen uns herein!“ Das richtet sich an die Chinesen, in Trumps Darstellung quasi allein verantwortlich für Amerikas Deindustrialisierung. Doch dann knüpft er an eine antichinesische Philippika nahtlos ein Selbstlob daran, wie er vor Jahren mit dem Leasingvertrag einer chinesischen Großbank in seinem New Yorker Büroturm einen großen Reibach gemacht hat.

Der Reiche-Onkel-Schmäh. Ein Milliardär, der mit dem Staatsfeind paktiert? Den Leuten ist es egal, sie sind von Trumps Geschäftserfolg beeindruckt und von seiner narzisstischen Chuzpe: „Ich habe in Wharton studiert, der besten Business School der Welt. Man muss sooo klug sein, um dort reinzukommen.“ Oder: „Die Leute wissen das nicht, aber ich bin ein großer Einiger.“ Oder: „Ich halte mich übrigens für den nettesten Menschen.“

In seinem onkelhaften Auftreten ist er oft witzig. Das US-japanische Handelsverhältnis erklärt er sich und seinen Fans so: „Die Japaner schicken uns Autos wie Zuckerln, wir schicken ihnen Weizen und manchmal Vieh. Das mögen sie nicht und schicken es zurück. Das geht so lang hin und her, bis sie es endlich annehmen. Dann ist das Fleisch gereift, und sie verkaufen es uns um das Zehnfache als Kobe Beef. Das ist Japan. Das tun sie uns an.“ Und dann sagt der Anti-Politiker Trump etwas, was bisher noch jeder Politiker gesagt hat: „Ich verspreche Euch: Ich werde Euch nicht im Stich lassen.“


[LZOHF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2016)

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