Ukraine: Kampf um jeden Meter - der Krieg mitten im Dorf

Die Ortschaft Saizewe ist ein neuer Brennpunkt im Krieg in der Ostukraine. Hier stehen sich die Konfliktparteien so nahe gegenüber, dass beinahe täglich Menschen zu Schaden kommen.

Ukraine Donbass Donetsk region Uglegorsk Burnt building of the city administration Photoagencyx
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Ukraine/ Donbass – (c) imago/Russian Look (imago stock&people)

Saizewe. Ein 200 Meter breites Feld trennt die Häuser im Westen Saizewes von dem grauen Ziegelbau der Schule Nummer 15. Es ist die Frontlinie. Für die Kinder von Schowanka, wie der Saizewer Ortsteil heißt, ist ihre Schule unerreichbar. Soldaten der ukrainischen Armee und die prorussischen Kämpfer der „Donezker Volksrepublik“ (DNR) stehen einander in Sichtweite gegenüber. Die Schule Nummer 15 dient mittlerweile den Kämpfern als Quartier. Kalaschnikows, Maschinengewehre, Mörser und Artilleriekanonen diverser Kaliber kommen zum Einsatz. Der Schwarzerdeboden, über den früher Schüler zum Unterricht spaziert sind, ist zum Minenteppich geworden. Die Passage – unmöglich.

500 Kilometer ist die Front im Krieg in der Ostukraine lang, und an einem Punkt führt sie mitten durch das Feld in Saizewe. Der Krieg ist hier zu stehen gekommen und hat den Ort in zwei Teile geteilt. Das einst 3500 Einwohner zählende Dorf, ein paar Kilometer von der Überlandstraße zwischen Horliwka und Artemiwsk entfernt, haben vor dem Krieg nur Ortskundige gekannt. Mittlerweile gilt es als einer der neuen Brennpunkte des Kriegs, der im Sommer 2014 ausgebrochen ist und bisher mehr als 9000 Menschenleben gefordert hat.

In den Berichten der Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wird die Ortschaft fast täglich erwähnt. Der Vizechef der OSZE-Mission, der Schweizer Alexander Hug, notierte bei seinem letzten Besuch im Konfliktgebiet, dass die großen Kampfhandlungen zwar vorüber seien. Dafür sehe man ein neues Phänomen: An bestimmten Orten „kommen die beiden Seiten einander sehr nahe“, sagte Hug. „Zu nahe.“ Saizewe ist so ein Fall.

Friedhöfe auf der unerreichbaren Seite

Die sogenannten Brennpunkte in diesem bewaffneten Konflikt sehen unspektakulär aus. Die ländliche Siedlung Saizewe zieht sich an einer der sanften Bodenwellen des Donbass entlang. Eigenheime kleiner Leute, aufgefädelt entlang schmaler Straßen; Felder, die oft noch von Hand bestellt werden. Obstbäume, Hühnerställe, gluckernde Bäche. Heute enden die schlammigen Straßen Saizewes an Checkpoints, an denen es kein Weiterkommen gibt. So wie die Kinder des Ortsteils Schowanka nicht mehr ihre Schule besuchen können, können Bewohner des östlichen Teils Saizewes, der von den Bewaffneten der DNR kontrolliert wird, nicht mehr zu ihren Bekannten im Westen gelangen. Zwei Friedhöfe, das Krankenhaus und das Gemeindeamt sind für Bewohner auf der ukrainisch kontrollierten Seite nicht mehr erreichbar.

„Wir telefonieren mit unseren Angehörigen auf der anderen Seite“, sagt Aljona Nikolajewna, Besitzerin eines Minimarkts im Zentrum des von DNR-Kämpfern gehaltenen Ortsteils. „Es ist schrecklich, hier wie dort. Was bei uns passiert, passiert auch bei ihnen.“ Nikolajewna hat es aufgegeben, die üblichen Öffnungszeiten einzuhalten. Von halb acht Uhr früh bis „zum Beginn des Beschusses“ hält sie das Geschäft offen, das die Bewohner des Dorfs mit dem Nötigsten versorgt. Und dieser beginnt meistens gegen fünf oder sechs Uhr nachmittags. An diesem Tag setzte der Beschuss ausnahmsweise schon um sieben Uhr früh ein. „Schrecklich“, sagt die 42-Jährige wieder.

Viel los ist in ihrem Geschäft nicht mehr. Eine 92-Jährige im braunen Mantel ist von ihrem Haus gegenüber hergehuscht, um eine Zitrone zu kaufen. Ein Mann mit Wollhaube wärmt sich im Markt auf. Seit sich der Krieg im Dorf festgefressen hat, sei die Kaufkraft um 80 Prozent gefallen, sagt die Inhaberin.

Auch das Dorfleben ist paralysiert: Auf beiden Seiten von Saizewes Front werden die Schüler größtenteils zu Hause unterrichtet. Der Schulbesuch ist zum Sicherheitsrisiko geworden. Die Stromversorgung bricht wegen des Beschusses immer wieder zusammen. Viele Dorfbewohner haben ihre Häuser verlassen. Nikolajewna selbst übernachtet mit ihrem Ehemann meistens in der nahen Stadt Horliwka, wo die Sicherheitslage mittlerweile besser ist. Bis vor einigen Monaten war es umgekehrt: Saizewe galt als weitgehend ungefährdet, Horliwka wurde beschossen.

Eigentlich sieht das Minsker Abkommen die Schaffung einer mindestens 30 Kilometer breiten Sicherheitszone zwischen den Kriegsgegnern vor. Dazu haben sich beide Seiten verpflichtet. Doch man traut dem Gegenüber nicht, keiner will so richtig weichen. Im Juli 2015 ist die ukrainische Armee, die im nahen Majorsk einen wichtigen Posten hat, in einen Teil Saizewes vorgestoßen. Die offizielle Begründung lautete, dass Saizewe laut dem Minsker Abkommen der ukrainischen Seite „zustehe“. Der wichtigste Punkt des Abkommens ist freilich ein Waffenstillstand.

Saizewe ist kein Einzelfall. In den letzten Monaten haben beide Seiten versucht, Orte entlang oder nahe der Frontlinie – oft „graue Zone“ genannt – unter ihre Kontrolle zu bringen. So wurde Pawlopil unlängst von ukrainischen Soldaten besetzt, die Kämpfer der DNR eroberten wiederum Kominternowe.

In Saizewe selbst gibt es nichts zu holen. Dennoch wird verbissen um jeden Meter Erde gekämpft. In der Vorwoche gab die ukrainische Armee bekannt, eine weitere Anhöhe im Ort erobert zu haben. Der selbst ernannte Republikschef der DNR, Alexander Sachartschenko, bezeichnete das als Lüge. „Sie haben ihre Anhöhe, wir unsere“, entgegnete er. Was tatsächlich passiert, ist aus der Ferne schwer nachzuprüfen.

Kämpfer quartieren sich in Häusern ein

Die Bewohner sind den Kanonaden hilflos ausgeliefert, fast jeden Tag gibt es Verletzte, hin und wieder Tote. Die Stimmung schwankt zwischen Ohnmacht, Frustration und Wut. „Nicht einmal die Deutschen haben die Dörfer so bombardiert, wie es jetzt geschieht“, ereifert sich der Mann mit Wollhaube. Die 92-Jährige fügt hinzu: „Damals saßen sie in Schützengräben, heute sitzen sie in den Häusern und wärmen sich auf.“ Kämpfer und Soldaten quartieren sich in verlassenen Häusern ein: ein unauffälliges Versteck.

Auch für die Bewaffneten der DNR ist Rückzug kein Thema. „Wir verteidigen das Vaterland“, sagen zwei junge Männer in Camouflage, die in Nikolajewnas Supermarkt einkaufen. Bis auf Weiteres zählt Saizewe dazu. Dann ziehen sie zurück an die Front, ein paar Häuser weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2016)

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