Brüssel: Jagd auf den dritten Attentäter

Nach den Anschlägen suchen die belgischen Ermittler fieberhaft nach einem überlebenden Terroristen. Die Türkei will Belgien vor einem der Attentäter gewarnt haben.

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(c) APA/AFP/JUSTIN TALLIS (JUSTIN TALLIS)

Brüssel/Wien. Die Warnung an die belgischen Behörden soll laut dem türkischen Staatspräsidenten am 14. Juli 2015 ergangen sein. Einer der späteren Brüsseler Flughafen-Attentäter, Ibrahim El Bakraoui, sei damals im südtürkischen Gaziantep gefasst und anschließend ausgewiesen worden, gab Recep Tayyip Erdoğan am gestrigen Mittwoch bekannt. An Brüssel sei die Nachricht ergangen, dass es sich bei dem Mann um einen „ausländischen terroristischen Kämpfer“ handle. „Trotz Warnungen“ aus Ankara habe Belgien die Verbindung des Mannes zu Jihadisten nicht bestätigt und den Verdächtigen freigelassen. Belgiens Justizminister Koen Geens wies die Anschuldigung am Abend zurück: Als der Mann aus der Türkei ausgewiesen worden sei, sei er lediglich als normaler Straftäter auf Bewährung bekannt gewesen – und überdies nicht nach Belgien, sondern in die Niederlande abgeschoben worden. Dennoch dürften die Vorwürfe die belgischen Behörden in Erklärungsnot bringen, so sich ihre Richtigkeit herausstellt. Israelische Medien berichteten gestern zudem, die Sicherheitsdienste hätten „mit großer Sicherheit“ gewusst, dass in naher Zukunft Anschläge am Flughafen und in der Metro geplant seien. Es habe konkrete Warnungen gegeben, so die Zeitung „Haaretz.“

Umso fieberhafter ging am Mittwoch die Jagd nach einem flüchtigen Täter weiter, der Dienstagfrüh kurz nach den zwei Explosionen aus dem Flughafen Zaventem rannte. Er dürfte der einzige der Brüsseler Attentäter sein, der noch am Leben ist. Zunächst gingen die Behörden davon aus, es handle sich bei dem Flüchtigen um den Belgier Najim Laachraoui (24) – am Mittwochabend berichteten belgische Medien hingegen, er sei einer der Selbstmordattentäter gewesen, die sich am Dienstag auf dem Brüsseler Flughafen in die Luft gesprengt hatten. Laachraoui war in die Anschläge in Paris involviert. Seine DNA-Spuren waren auf dem Sprengstoff entdeckt worden, der dort zum Einsatz kam.

Brüderpaar identifiziert

Zuvor, am 9. September 2015, war Laachraoui bei einer Polizeikontrolle an der österreichisch-ungarischen Grenze mit Salah Abdeslam im Auto gesessen. Abdeslam beteiligte sich später an den Anschlägen von Paris am 13. November 2015. Am vergangenen Freitag wurde er im Brüsseler Stadtbezirk Molenbeek festgenommen. Am Mittwoch wurden auch immer mehr Details über die Mittäter des Mannes bekannt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Brüderpaar El Bakraoui. Ibrahim El Bakraoui (30) ist auf dem Fahndungsfoto vom Brüsseler Flughafen Zaventem zu sehen. Ibrahims Bruder Khalid El Bakraoui (27), ebenso ein belgischer Staatsbürger, sprengte sich in der U-Bahn in die Luft. Der Zug sei noch in Bewegung gewesen, als die Bombe hochging.

Die Bakraoui-Brüder haben Verbindungen zu dem in der Vorwoche festgenommenen Salah Abdeslam. Die Ermittler haben den Tathergang bisher so rekonstruiert: Die drei Flughafen-Attentäter sind vom Brüsseler Bezirk Schaerbeek mit dem Taxi zum Flughafen gefahren. Bei einer Durchsuchung der Wohnung in Schaerbeek, in dem sich die Islamisten vor den Anschlägen aufgehalten hatten, fand die Polizei 15 Kilogramm Sprengstoff, 150 Liter Azeton, Zünder und eine IS-Fahne Zu der Wohnung führte die Ermittler offenbar der Taxifahrer des Trios. Der Chauffeur erzählte dem Sender VTM, er habe drei verdächtige Männer von Schaerbeek zum Flughafen gefahren. Sie hätten sich nicht bei ihrem Gepäck helfen lassen wollen. Und: Sie hätten ein viertes Gepäckstück zu Hause gelassen, nachdem es im Auto keinen Platz mehr gefunden habe.

Schweigeminute für die Opfer

Rätsel geben zudem drei verdächtige Fahrzeuge auf, die unmittelbar vor dem Anschlag am Airport angehalten haben sollen, darunter ein Renault Clio und ein schwarzer Audi A4. In dem Audi befanden sich drei bis vier Männer. Sie stiegen nicht aus, sondern fuhren zurück in die Brüsseler Innenstadt.

Mit einer Schweigeminute gedachte Belgien am Mittwochmittag der mehr als 30 Todesopfer und 270 Verletzten der Brüsseler Terroranschläge, zu denen sich tags zuvor die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannt hatte. Während das belgische Königspaar, König Philippe und Königin Mathilde, den Flughafen besuchte und dort Helfer traf, verlangte der französische Premier, Manuel Valls, eine entschlossene Reaktion der EU. „Ein Krieg wird gegen uns geführt“, sagte er nach einem Treffen mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker in Brüssel. „Europa sieht sich einer großen Terrorgefahr gegenüber.“ Am heutigen Donnerstag kommen die Innen- und Justizminister in der belgischen Hauptstadt zusammen, um über gemeinsame Maßnahmen zu beraten. Am kommenden Freitag reist US-Außenminister John Kerry nach Brüssel, um den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl auszudrücken. (ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2016)

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