Syrien: „Frauen sind engagierter für den Frieden“

Als eine der Vertreterinnen des syrischen Frauenbeirats will die Juristin Majdoleen Hassan Einfluss auf die Friedensverhandlungen nehmen. Gerade Frauen seien von Organhandel und Prostitution betroffen.

Women look out from a damaged balcony after an air strike on the rebel held al-Saliheen district in Aleppo
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Women look out from a damaged balcony after an air strike on the rebel held al-Saliheen district in Aleppo
Syrien: Aleppo – (c) REUTERS (ABDALRHMAN ISMAIL)

Wien/Beirut/Damaskus. Es sind die Frauen, die die Hauptlast des Kriegs tragen, ganz gleich, ob sie sich noch in ihrer syrischen Heimat befinden oder ins Ausland fliehen mussten. Dennoch sollte der Krieg fünf Jahre andauern, ehe die Belange der Frauen durch ein offizielles Gremium bei den Genfer Friedensverhandlungen vertreten waren: Im Februar hat sich das Syrian Women Advisory Board gebildet, das an den UN-Sondergesandten für Syrien, Staffan de Mistura, berichtet.

Denn für die syrischen Frauen, sagt Majdoleen Hassan, ergeben sich massive Probleme. Im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari etwa seien junge Mädchen verheiratet worden, Fälle von Organhandel und Prostitution sind ebenfalls bekannt. Im Libanon sei die Sicherheitslage mittlerweile derart kritisch, dass Flüchtlinge an manchen Orten ihre Behausungen nicht verlassen dürften. Der EU/Türkei-Deal, der insgesamt gegen internationales Recht verstoße, würde die Lage ebenfalls nicht verbessern.

 

Aufhebung des Embargos

„Und weil sie die Hauptlast tragen, sind Frauen viel engagierter für den Frieden“, so Hassan am Mittwoch bei einer Gesprächsrunde in Wien. Die syrische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin ist eine von zwölf Vertreterinnen im Beirat. Seit einem Jahr lebt Hassan im Libanon; nach Syrien dürfe sie aufgrund ihrer oppositionellen Arbeit nicht mehr einreisen. Hassan war in der Rechtsabteilung der Vereinten Nationen in Damaskus tätig, hat politische Häftlinge sowie Gewaltopfer vertreten.

Eine der ersten – und umstrittenen – Forderungen des Beirats war die Aufhebung des Embargos über Syrien. Die Zivilbevölkerung leide sehr darunter, sagt Hassan. Das Embargo betrifft beispielsweise auch Material für medizinische Geräte. Derzeit arbeitet das Frauengremium konkrete Schritte für einen demokratischen Wechsel in Syrien aus, ein weiteres Dokument befasst sich mit den Grundlagen für eine Verfassung.

„Wir haben schon Einfluss auf die Verhandlungen“, sagt Hassan, „wir können Punkte vorschlagen, die sonst nicht zur Sprache kommen, etwa das Embargo.“ Dennoch: Einfach sei die interne Entscheidungsfindung nicht. Der Beirat ist bewusst divers besetzt, unter anderem mit zwei Vertreterinnen islamistischer Gruppen. Bei der Bildung des Gremiums kam die Kritik auf, dass die Auswahl der Frauen nicht transparent erfolgt sei. Hassan weist darauf hin, dass die Regelungen einen Wechsel der Vertreterinnen ermöglichen, sollten sich Schwierigkeiten ergeben. Und: „Die Kritik an uns kommt von vielen, die die Friedensverhandlungen ohnehin ablehnen.“ (duö)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2016)

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