Präsident gegen Imam: Erdogan nimmt Gülens Netz ins Visier

Erdogans Erzfeind Gülen würde sich einem Auslieferungsantrag beugen. Die Türkei lässt 8000 Polizisten suspendieren - hier gilt der Einfluss des Predigers als besonders groß.

Gülens Netzwerk reicht über die ganze Welt.
Schließen
Gülens Netzwerk reicht über die ganze Welt.
Gülens Netzwerk reicht über die ganze Welt. – APA/AFP/ZAMAN DAILY/SELAHATTIN S

Die türkische Regierung hat nach dem gescheiterten Putsch vom Wochenende umgehend mit den angedrohten "Säuberungen" in Militär und Justiz begonnen. Rund 3000 Militärangehörige wurden festgenommen, fast ebenso viele Richter und Staatsanwälte abgesetzt und in Gewahrsam genommen. Auch 8000 Polizisten seien laut einem hochrangigen Sicherheitsbeamten mittlerweile suspendiert worden.

Hauptverantwortlich für den Putsch macht Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Erzfeind Fetullah Gülen. Er kündigte ein gnadenloses Vorgehen gegen die Anhänger des islamischen Predigers an und fordert dessen Auslieferung von den USA. "Wann immer ihr einen Terroristen von uns gefordert habt, haben wir ihn ausgeliefert. Jetzt händigt uns endlich diese auf unserer Terrorliste stehende Person aus", forderte Erdogan.

Erdogans zentraler Vorwurf: Gülen betreibe den Aufbau von Parallelstrukturen im Staat und damit seinen Sturz. "In allen Behörden des Staates wird der Säuberungsprozess von diesen Viren fortgesetzt. Denn dieser Körper, meine Brüder, hat Metastasen produziert. Leider haben sie wie ein Krebsvirus den ganzen Staat befallen", sagte er am Sonntag.

Kerry sperrt sich bisher gegen Auslieferung

Gülen freilich wies die Anschuldigungen zurück: "Meine Botschaft an das türkische Volk ist, eine militärische Intervention niemals positiv zu sehen", sagte er in einem Interview mit der "New York Times". Die türkische Armee galt bisher als nicht im Dunstkreis Gülens stehend. Stattdessen soll er viele Anhänger in Polizei und Justiz haben. Er deutete sogar an, Erdogan selbst könne den Coup inszeniert haben. Umso überraschender war daher die Meldung des türkischen "Staatsfeindes" von Sonntag, wonach sich Gülen einem US-Auslieferungsbeschluss beugen würde.

US-Außenminister John Kerry hatte zuvor bereits zugesichert, ein Auslieferungsgesuch der Türkei prüfen zu wollen. Allerdings müsste Ankara richtige Beweise gegen den Prediger vorlegen. Diese fehlen bisher. "Der Putschversuch weist überall die Fingerabdrücke von Gülen-Anhängern auf", hieß es dazu aus Regierungskreisen schlicht. Viele der Anführer des gescheiterten Putsches seien in direktem Kontakt mit hochrangigen Angehörigen der Gülen-Bewegung gewesen.

Bruch zwischen Gülen und Erdogan

Tatsächlich gehen die Ansichten über Gülen seit seinem Aufstieg in den 60er-Jahren auseinander. Er begann seine Karriere als Imam einer Moschee in Edirne im Nordwesten der Türkei. Über Video- und Audiokassetten verbreitete der Charismatiker seine Botschaften, seine Anhängerschaft wuchs stetig. Gleichzeitig baute er ein Netzwerk an Privatschulen, Nachhilfezentren und Wohnheimen aus - heute soll Gülen Schulen in mehr als hundert Ländern finanzieren. Die Absolventen dieser Einrichtungen saßen wenig später an den Schalthebeln in Zeitungen, Fernsehsendern und Banken.

Doch woher rührt die Feindschaft zwischen Erdogan und Gülen überhaupt? Seit Ende 2013 liefert sich Erdogan - damals noch als Ministerpräsident - einen heftigen Machtkampf mit Anhängern der Gülen-Bewegung. Auslöser für den "offenen Krieg" waren Ermittlungen in einem Korruptionsskandal: Bei Großrazzien nahm die Polizei Dutzende Verdächtige wegen Schmiergeldvorwürfen fest, darunter Ministersöhne, Beamte und regierungsnahe Geschäftsleute.

Die Regierung schlug zurück: In der Folge wurden mehrere tausend Polizisten und Staatsanwälte zwangsversetzt, der Skandal wurde unterdrückt. Ins Visier des Staates geriet auch das Medien-Imperium der Gülen-Bewegung mit der Zeitung "Zaman" als Flaggschiff. Polizisten stürmten das Redaktionsgebäude, die Zeitung wurde auf Erdogan-Kurs gezwungen.

Schaltzentrale des Bösen

Dabei war Erdogan lange einer der prominentesten Anhänger Gülens. Beide gingen ein informelles Bündnis ein: Gülens Anhänger sicherten Wählerstimmen für die AKP, Erdogan schützte nach seiner Machtübernahme 2002 die undurchsichtigen Geschäfte der Bewegung.

Als Schaltzentrale des Bösen sieht die Regierung in Ankara Gülens spirituelles Zentrum in der Nähe der Stadt Saylorsburg in Pennsylvania. Von hier aus soll der exilierte Prediger seit 1999 seine Machenschaften lenken, seine Millionen Anhänger steuern. "Gülens Netzwerk kontrolliert (in den USA) milliardenschwere Geschäftsinteressen, Medienunternehmen, Banken und Baufirmen", schreibt die "New York Times".

Der gesundheitlich angeschlagene 75-Jährige verlasse nur selten seinen Wohnsitz, schreibt der britische "Guardian" nach einem Interview-Termin. Die Anlage erwecke nicht den Eindruck, "die Höhle eines Verschwörers" zu sein. "Gülen lebt in einem kleinen Raum in einer zweistöckigen Backsteinhalle..." Das Schlafzimmer lasse auf ein "spartanisches Leben" schließen.

(APA/Reuters/red.)

Kommentar zu Artikel:

Präsident gegen Imam: Erdogan nimmt Gülens Netz ins Visier

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen