„Donald Trump ist tief in seinem Herzen ein Trickbetrüger“

Seit drei Jahrzehnten beobachtet der Investigativreporter David Cay Johnston den republikanischen Präsidentenkandidaten. Trump biege sich die Realität zurecht – und habe autoritäre Züge.

Republican presidential nominee Donald Trump holds a rally with supporters at the Suburban Collection Showplace in Novi, Michigan
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Republican presidential nominee Donald Trump holds a rally with supporters at the Suburban Collection Showplace in Novi, Michigan
Das Verkaufen als Lebenszweck: Donald Trump verhält sich als Politiker ebenso wie einst als Casinobesitzer. – REUTERS

Können Sie sich noch an das erste Mal erinnern, als Sie Donald Trump trafen?

David Cay Johnston: Natürlich. Das war kurz, nachdem ich in Atlantic City angekommen war, im Juni 1988. Ich erkannte sofort, dass er ein begnadeter Verkäufer ist. Er erinnerte mich an den Schausteller P. T. Barnum, der um die Jahrhundertwende allerlei Kuriositäten und Fälschungen präsentierte. Man kennt das: „Hereinspaziert! Sehen Sie die weltberühmte Meerjungfrau!“ Genauso einer war Trump. Er war damals die wichtigste Figur in Atlantic City, und mir wurde bald klar, dass er auf Dauer eine bedeutsame kulturelle Figur in Amerika sein würde.

 

Wie kann man ihn beschreiben?

Donalds Lebenszweck ist, Ihnen alles zu verkaufen, was er im jeweiligen Moment verkaufen will – ob es die Idee ist, er sei der moderne Midas oder der große Don Juan des 20. Jahrhunderts, oder um Präsident zu werden. Wenn man ihm etwas sagt, das nicht wahr ist, baut er diese Falschheit in seine Antwort ein – wie Wahrsager oder Trickbetrüger. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Seine Konkurrenten und sogar einige seiner Mitarbeiter hatten mir seinerzeit erzählt, dass Trump keinen blassen Schimmer vom Casinogeschäft habe – ja, dass er nicht einmal die Regeln der Glücksspiele kenne, wie Quoten funktionieren oder wie man Kunden managt. Ich war skeptisch. Also sagte ich bei einem unserer ersten Treffen bewusst etwas Falsches über das Würfelspiel Craps. Und er fügt meine falsche Angabe sofort in seine Antwort ein. Ich wiederholte das dreimal, jedesmal mit demselben Ergebnis. Das zeigte mir, dass er das Casinogeschäft wirklich nicht verstand – und dass er tief in seinem Herzen ein Trickbetrüger ist: Er wird stets das sagen, von dem er denkt, dass es Sie dazu bringen wird, das zu tun, was er will. Er schafft seine eigene Realität, er erfindet Sachen, und er leugnet dokumentierte Fakten. Das tut er auch jetzt im Wahlkampf.

 

Wieso ist Rache so ein beherrschendes Element seiner Persönlichkeit?

Wenn man, wie Trump, keine Empathie für andere Menschen hat, wenn man sie nicht als Menschen ansieht, sondern bloß als Objekte, dann sieht man es als seine Pflicht an, Leute zu zerstören, die einem einen Gefallen verweigern oder auf sonstige Weise in die Quere kommen. Trump selber schreibt, welche Freude es ihm bereitet, das Leben von Menschen zu ruinieren, an denen er Vergeltung üben zu müssen glaubt. Seine Politik der Rache ist in direktem Gegensatz zu den Lehren von Jesus Christus, doch er behauptet stets, dass niemand die Bibel so eifrig liest wie er, wofür es keine Anhaltspunkte gibt. Er sagt: Wer die andere Wange hinhält, wie Christus es in der Bergpredigt befiehlt, ist ein Dummkopf, ein „Schmuck“. Auf Jiddisch heißt „Schmuck“ „Penis“. Er nennt solche Menschen also Schwänze.

 

Hat er Freunde?

Niemand, der über Trump geschrieben hat, konnte jemanden ausfindig machen, der sein persönlicher Freund wäre. Er nennt Leute „Freunde“, aber das sind bloß Geschäftspartner. Sein Sohn Barron, der jetzt zehn Jahre alt ist, hat im Trump Tower ein ganzes Stockwerk für sich – aber da sind nie andere Kinder, und bei seiner Tochter Tiffany war das auch so. Als er sich von seiner ersten Frau Ivana scheiden ließ, gaben ihre gemeinsamen Kinder Donald Jr., Eric und Ivanka an, dass sie von ihrem Vater entfremdet seien und nichts mit ihm zu tun haben wollten. Als sie jedoch erwachsen wurden und einsahen, dass ihnen die Versöhnung mit Papi einen wundervollen Lebensstil bescheren würde, näherten sie sich ihm wieder an. Erinnern Sie sich übrigens daran, was er im Wahlkampf über seine Enkel sagte? „Ich kann bestenfalls neun Sekunden über sie reden.“ Er nimmt an ihrem Leben keinen Anteil. Menschen sind für Donald Trump bloß Objekte, die entweder dazu dienen, ihn zu verherrlichen, oder aber er hat ein Wort für sie: Loser.

 

Trump hat viele Leute um ihr Geld gebracht. Warum hat sich nie jemand an ihm gerächt?

Es mag Leute geben, die ihm Dinge angetan haben, von denen wir nichts wissen. Was sehr wohl bekannt ist: Viele Leute weigern sich, Geschäfte mit ihm zu machen. Amerikanische Banken leihen ihm kein Geld mehr, weil er seine Schulden nicht begleicht. Er prahlt sogar damit: „Ich lieh mir Geld im Wissen, dass ich es nicht zurückzahlen würde.“ Er hält seine Verträge nicht ein. Und darum gab es bereits mehr als 4000 Gerichtsklagen gegen ihn.

 

Seine Art zu sprechen ist erstaunlich. Wenn man seine Reden mit dem Lesbarkeitsindex nach Flesch und Kincaid analysiert, ergibt sich, dass er sprachlich auf dem Niveau eines Neunjährigen ist. Ist das Absicht, um möglichst viele Menschen zu erreichen?

Das kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen: Donalds emotionale Entwicklung hat ungefähr im Alter von zwölf oder 13 Jahren geendet – also zu dem Zeitpunkt, als ihn sein Vater in eine Militärakademie schickte, weil er so schlimm war. Denken Sie an all die berühmten Frauen, von denen er fantasiert und mit denen er Affären herbeifabuliert: So etwas macht ein 13-Jähriger, der am Schulhof damit angibt, was er angeblich mit Sally im Kino in der hintersten Reihe angestellt hat. Trump hat keine reife Persönlichkeit. Kein vernünftiger Erwachsener würde sagen, er ließe als Präsident das Feuer auf ein iranisches Schnellboot eröffnen und damit einen Krieg auslösen, bloß weil die iranischen Matrosen einem Patrouillenboot der US-Marine den Mittelfinger gezeigt haben. Nur ein Schulbub sagt so einen Blödsinn.

 

Will er überhaupt wirklich Präsident werden – oder geht es ihm nur darum, seinen Markenwert zu steigern?

Oh, er will absolut Präsident werden. Trump glaubt, dass er uns allen überlegen ist. Er und sein Sohn haben davon geredet, dass sie genetisch besser sind. Er weiß allerdings nicht, was es heißt, Präsident zu sein. Und ihn interessiert die damit verbundene Arbeit nicht. Er sagt stets, er werde alles delegieren. Warum will er das Amt dann überhaupt?

 

Wie bewerten Sie das Gerücht, Trump, Fox-News-Gründer Roger Ailes und Steven Bannon, Trumps Kampagnenchef und vormaliger Leiter der extrem rechten Nachrichtenplattform Breitbart, nutzten die Wahlkampagne bloß, um ein neues rechtsrechtes Medium zu lancieren?

Wenn er nicht gewählt wird, bin ich sicher, dass sie versuchen werden, ein neues Medienunternehmen zu gründen. Wenn Trump wirklich zehn Milliarden Dollar hätte, wie er behauptet, müsste er sich das nicht antun. Er müsste nicht auf Wahlkundgebungen für Produkte mit seinem Namen werben. Vergessen Sie nicht, dass er im Zug dieses Wahlkampfes seine Marke beschädigt hat. Schauen Sie sich die Preise für Hotelzimmer in Chicago an: Der Trump Tower ist jetzt ziemlich billig, weil viele Unternehmen dort keine Tagungen mehr abhalten. Sie wollen nämlich ihre Kunden und Mitarbeiter nicht verstören angesichts all der rassistischen, ausländerfeindlichen und verrückten Meldungen Trumps.

 

Wie reich ist er wirklich?

Es gibt keinen Beleg dafür, dass er ein Milliardär ist. Er ist ein wohlhabender Mann – aber nicht im Ansatz so reich, wie er sagt. Wenn er die Wahl verliert, braucht er eine Einnahmequelle, um seinen Lebensstil aufrechtzuerhalten. Wenn er hingegen gewählt wird, denke ich nicht, dass er eine ganze Amtszeit oder auch nur ein Jahr durchsteht, ohne eine Verfassungskrise auszulösen und vom Kongress des Amtes enthoben wird. Und dann haben wir Mike Pence als Präsidenten, einen Talkradiomoderator aus einer Kleinstadt in Indiana – was genauso desaströs wäre, denn Pence ist ebenso wie Trump völlig überfordert.

 

Was wird Trump Ihrer Einschätzung nach tun, um die Wahl zu gewinnen?

Er wird die Amerikaner davon zu überzeugen versuchen, dass Hillary Clinton eine Gaunerin in schlechtem Gesundheitszustand ist, der man nicht trauen kann. Und er wendet sich an jene weißen Amerikaner, die keine schwarze Frau und keinen hispanischen Mann als Chef haben wollen. Seine Kampagne fußt auf Hass und Rassismus.

 

Warum finden ihn so viele Leute gut?

Er gibt erstens jenen eine Stimme, die die Bürgerrechtsbewegung hassen. Das ist eine Minderheit, aber eine große Minderheit der weißen Amerikaner, vielleicht 20 bis 25 Prozent. Und er spricht die wirtschaftlichen Ängste vieler Leute an. Die untere Hälfte in Amerika lebt in wirtschaftlicher Todesangst und hat keine Ersparnisse. Ich schreibe seit Jahren darüber, aber die Trump-Wähler lesen meine Bücher nicht. Sie sehen nur: Ich arbeite mehr, ich verdiene weniger, ich habe Schulden, und ich könnte meine Stelle jederzeit verlieren. Sie haben mit Recht Angst. Trump nutzt sie als klassischer Demagoge aus und sagt: Ich allein kann euch retten. So funktioniert jedoch keine Demokratie. So funktioniert eine Diktatur.

 

Hat Trump Sie persönlich unter Druck gesetzt, als er erfuhr, dass Sie ein Buch über ihn schreiben?

Er ist dafür zu schlau. Er rief mich im April an und sagte: Ich verklage dich, wenn ich nicht mag, was du schreibst. Das veranschaulicht Trumps autoritären Charakter. Wissen Sie, in den fast 50 Jahren meiner Karriere habe ich Politiker, Demokraten wie Republikaner, mit meinen Enthüllungen vor Gericht und ins Gefängnis gebracht. Aber keiner hat mir je mit Klagen gedroht.

 

Haben Sie Angst vor einer Trump-Präsidentschaft?

Ich denke, das wäre schrecklich für Amerika und die Welt. Die Republik würde überleben, aber beschädigt. Was mich persönlich betrifft, denke ich, dass er mir nachstellen würde, indem er mich auf die Flugverbotsliste setzt. Das würde meine Arbeit enorm erschweren, aber ich würde mich zu wehren wissen. Denken Sie allerdings daran, wie er davon spricht, dass er all die Generäle austauschen würde. Das kennt man von Diktatoren, bis zurück in die Zeit der Römer: Sie ergreifen die Macht, indem sie jene erfahrenen Militärs, die dem Staat gegenüber loyal sind, durch feige niedrige Offiziere ersetzen, die bloß dem Führer verpflichtet sind. Die Amerikaner sollten sich deshalb große Sorgen machen.

zur person

David Cay Johnston(*1948) ist ein amerikanischer Investigativjournalist. 1988 zog er für den „Philadelphia Inquirer“ nach Atlantic City, um die dortige Casinowirtschaft zu recherchieren. Seit damals kennt er Donald Trump.
2001 erhielt er den Pulitzerpreis für seine Enthüllung von Steuerprivilegien für US-Konzerne.
Sein neues Buch „The Making of Donald Trump“ (Melville House) ist nun auf Deutsch als „Die Akte Trump“ im Ecowin-Verlag erschienen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2016)

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