Entsetzen über IS-Rückeroberung von Palmyra

Im Windschatten des Kampfes um Aleppo hat die Terrormiliz die antike Oasenstadt in Syrien zum zweiten Mal unter ihre Kontrolle gebracht. Es gibt Berichte über erste Hinrichtungen von Zivilisten.

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(c) APA/AFP/MAHER AL MOUNES

Kairo/Damaskus. Maamoun Abdulkarim fehlen die Worte. „Die Katastrophe ist passiert, ich bin total schockiert und verliere die Hoffnung“, kommentierte Syriens Antikendirektor die düsteren Nachrichten aus Palmyra.

Völlig überraschend hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Wochenende zum zweiten Mal die weltberühmte antike Oasenstadt besetzt und könnte das archäologische Juwel endgültig zerstören. Die Soldaten der syrischen Garnison rannten in Panik davon und überließen zudem den angreifenden Jihadisten beträchtliche Mengen an Waffen, darunter offenbar ein gutes Dutzend moderne Panzer und Truppentransporter.

Eine Serie russischer Luftangriffe in letzter Minute konnte den IS-Einmarsch nicht mehr abwenden, den die Propagandisten der Terrormiliz jetzt als großen Erfolg feiern. In der modernen Stadt Tadmor, die an das Gelände der Weltkulturerbe-Ruinen grenzt, leben noch etwa eintausend Menschen, von denen die Gotteskrieger bereits die ersten hingerichtet haben sollen.

Erst sieben Monate ist es her, dass sich das syrische Regime von Bashar al-Assad und sein russischer Verbündeter weltweit für die Rückeroberung und Rettung von Palmyra haben feiern lassen. Der Sieg galt damals als der bis dahin wichtigste Meilenstein im Kampf gegen den IS und sollte den westlichen Vorwürfen begegnen, Moskau bekämpfe vor allem die Assad-Opposition und tue nichts gegen das Terrorkalifat.

 

Inszenierte Siegesfeier

Präsident Wladimir Putin erschien per Videolink live auf einer Leinwand im antiken Amphitheater von Palmyra, um den Soldaten für ihren Einsatz zu danken. Das Symphonieorchester des Mariinsky-Theaters unter der Leitung von Waleri Gergijew, einem Putin-Anhänger, spielte anschließend Bach und Prokofieff. Mehrere Dutzend Journalisten wurden eigens von Moskau nach Palmyra geflogen, um bei dieser vom Kreml inszenierten Siegesfeier der Kultur über die Barbarei dabei zu sein. Antikenspezialisten in aller Welt diskutierten bereits erste Pläne zur Rekonstruktion der von den Gotteskriegern gesprengten Bauten – etwa der beiden Tempel von Baal und Baal Shamin sowie des Triumphbogens der Säulenstraße.

So überraschend der damalige Erfolg gegen den IS in Palmyra, so verblüffend jetzt die erneute, plötzliche Kapitulation. Der Kollaps des syrischen Militärs geschah offenbar wenige Tage, nachdem die russischen Soldaten ihr im Mai errichtetes Militärcamp in der Wüstenoase abgebaut hatten. Die syrische Armee, deren Schlagkraft nach fast sechs Jahren Bürgerkrieg extrem dezimiert ist, konzentriert derzeit fast ihre gesamten Kräfte auf Aleppo. Angesichts der Wendung sagte Russland auch für Palmyra weitere Unterstützung zu: „Wir werden alles tun, um eine Rückkehr der Terroristen in diese Gebiete zu verhindern“, sagte Vizeaußenminister Wladimir Titow in Moskau.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2016)

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