Türkisch-amerikanische Entfremdung

Die Regierung von Präsident Erdoğan rückt immer stärker von der Allianz mit den USA ab und nährt sogar Verschwörungstheorien, wonach die USA Terror in der Türkei schürten.

Da krachte es schon im Gebälk: US-Vizepräsident Joe Biden und Präsident Erdoğan im August 2016 in Ankara.
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Da krachte es schon im Gebälk: US-Vizepräsident Joe Biden und Präsident Erdoğan im August 2016 in Ankara.
Da krachte es schon im Gebälk: US-Vizepräsident Joe Biden und Präsident Erdoğan im August 2016 in Ankara. – (c) REUTERS (HANDOUT)

Ankara. Bei der Suche nach den Verantwortlichen für die jüngsten Terroranschläge in der Türkei sind Regierungspolitiker und regierungsnahe Medien schnell fündig geworden: Sie haben die USA als Schuldigen ausgemacht. Washington erscheint vielen in Ankara nicht mehr als verlässlicher Partner, sondern als Gegenspieler.

Der Antiamerikanismus nimmt zum Teil groteske Formen an und wird weiterverbreitet, sogar von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan selbst. Damit soll ein ausländischer Sündenbock für die Probleme des Landes präsentiert werden – die Kluft zwischen beiden Staaten und Nato-Alliierten wächst.

 

US-Opfer als Attentäter?

Samil Tayyar, ein Abgeordneter der Regierungspartei AKP, machte öffentlich den amerikanischen Geheimdienst CIA für den Anschlag auf den Istanbuler Nachtclub Reina in der Neujahrsnacht verantwortlich, bei dem fast 40 Menschen gestorben waren. Eine allgemeine Terrorwarnung der US-Botschaft in Ankara kurz vor der Bluttat wird auch von anderen Erdoğan-Anhängern als Beweis dafür hingestellt, dass die USA über den geplanten Anschlag im Voraus informiert gewesen seien. Die USA seien der „Hauptverdächtige“, titelte die islamistische Zeitung „Yeni Akit“.

Ein Amerikaner, der im Reina verletzt wurde, mutierte in der Wahrnehmung türkischer Nationalisten und Regierungsanhänger gar zu einem Scharfschützen, der selbst geschossen habe. Schon nach der Ermordung des russischen Botschafters in Ankara, Andrej Karlow, im Dezember, waren die USA als Drahtzieher dargestellt worden. Im Sommer ließen sich Regierungsmitglieder mit der Aussage zitieren, die USA hätten den Putschversuch gegen Erdoğan angezettelt. Das Außenamt in Washington verwahrte sich gegen die Anschuldigungen – genutzt hat es nichts: Laut Umfrage haben vier von fünf Türken die USA im Verdacht, den Terror in ihrem Land zu unterstützen.

Immer merkwürdiger werden die Vorwürfe. Ein regierungsnaher TV-Sender strahlte kürzlich ein Video des Ex-US-Generals Wesley Clark aus, versehen mit türkischen Untertiteln – und diese hatten es in sich. Türkische Fernsehzuschauer erfuhren, der General habe ausgeplaudert, dass die USA den Islamischen Staat (IS) gegründet hätten.

 

Manipuliertes Interview

Regierungskritische Medien fanden schnell heraus, dass es sich um eine Fälschung handelte: Das Video stammte aus dem Jahr 2007, als es weder den Bürgerkrieg in Syrien noch den IS gab. Deshalb spricht Clark in der englischen Originalversion auch gar nicht über die Jihadisten. Die türkischen Untertitel sind reine Erfindung.

Dass die Jihadisten, die immer häufiger tödliche Anschläge in der Türkei verüben, angeblich Instrumente des Westens sind, ist eine These, die in islamisch-konservativen Kreisen der Türkei schon länger kursiert. Neu ist, dass diese Verschwörungstheorien zur Regierungspolitik erhoben werden: In einer Rede wiederholte Erdoğan den Vorwurf aus dem manipulierten Fernsehclip, Clark habe die Gründung des IS eingeräumt. Alle Sorgen der Türkei in dieser Hinsicht hätten sich als berechtigt erwiesen, betonte er.

 

Der Erdoğan-Gegner im US-Exil

Die Episode sagt alles über das zerrüttete Verhältnis zwischen Ankara und Washington aus. Erdoğans Regierung ist vor allem darüber verärgert, dass sich die USA bisher weigern, den als Organisator des Juli-Putsches bezeichneten Prediger und Erdoğan-Gegner Fethullah Gülen, der in Pennsylvania im Exil lebt, an Ankara auszuliefern. Seit Jahren liegen die beiden Regierungen zudem wegen des Krieges in Syrien über Kreuz. Erdoğan beklagt die Unterstützung der USA für die syrischen Kurden, deren Partei PYD aus der Sicht der Türkei eine Terrororganisation ist. Aus der Sicht der türkischen Führung ist der Nato-Partner Washington zurzeit der ziemlich beste Feind.

Alte Alliierte

Die USA und die Türkei sind vor allem ab 1945 zu engen Alliierten geworden, als es darum ging, die Bedrohung durch den Kommunismus einzudämmen. Dass die Türken sogar eine ganze Brigade in den Korea-Krieg (1950–53) geschickt haben, als Teil der US-geführten UN-Truppe gegen Nordkorea und China, rechnet man Ankara noch heute hoch an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2017)

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