USA drohen Syriens Regime mit Konsequenzen

Der Westen sieht Assads Luftwaffe hinter Angriff in Idlib, Russland hat eine andere Version parat.

Nach der Attacke auf Khan Sheikhoun wurden am Mittwoch die ersten Opfer begraben.
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Nach der Attacke auf Khan Sheikhoun wurden am Mittwoch die ersten Opfer begraben.
Nach der Attacke auf Khan Sheikhoun wurden am Mittwoch die ersten Opfer begraben. – (c) APA/AFP/FADI AL-HALABI (FADI AL-HALABI)

Kairo/Damaskus. Nach dem schwersten Giftgasangriff in Syrien seit 2013 hat die US-Regierung ihren Ton gegenüber dem syrischen Regime von Machthaber Bashar al-Assad deutlich verschärft. Washington machte klar, dass aus US-Sicht die Führung in Damaskus für die chemische Attacke in der Stadt Khan Sheikhoun in der Provinz Idlib verantwortlich sei. Dabei kamen Dutzende Menschen – darunter auch Kinder – ums Leben.

Diese „Affront gegen die Menschlichkeit durch das Assad-Regime kann nicht toleriert werden“, sagte am Mittwochabend US-Präsident Donald Trump. Assad habe bereits „eine ganze Reihe von Linien überschritten“. Syriens Regierung werde dafür jedenfalls ein Zeichen erhalten. Wie genau diese Reaktion der USA aussehen werde und ob es sich dabei sogar um militärische Aktionen handeln könnte, ließ Trump aber offen.
Zuvor hatte bereits die US-Botschafterin bei der UNO, Nikki Haley, mit nicht näher definierten, „einseitigen Schritten“ gedroht. „Wenn die Vereinten Nationen fortlaufend ihre Pflicht zum kollektiven Handeln verletzen, sind wir dazu gezwungen, unsere eigenen Maßnahmen zu ergreifen.“

Die USA hatten am Mittwoch gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich im UN-Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf zu dem Giftgasangriff eingebracht. Darin wurde eine umfassende Aufklärung und Zugang zu den Fliegerhorsten und Einsatzplänen der syrischen Luftwaffe gefordert, um die Piloten und ihre Kommandanten sowie die Herkunft des Kampfstoffes zu ermitteln. Doch der Vorschlag ging nicht durch. Denn Russland, das über ein Veto im Sicherheitsrat verfügt, hatte schon im Vorfeld klargestellt, dass der Resolutionsentwurf „grundsätzlich unannehmbar“ sei. Er sei „antisyrisch“ und greife den Ergebnissen von Ermittlungen vor.

Moskau gibt Rebellen Schuld

Russland ist ein wichtiger Verbündeter des syrischen Regimes. Und Damaskus streitet „kategorisch“ ab, mit dem Erstickungstod Dutzender Menschen in Khan Sheikhoun etwas zu tun zu haben. Auch Moskau schließt sich dieser Darstellung an. Russlands Verteidigungsministerium sagte, bei einem syrischen Luftangriff sei eine Bombenfabrik der Rebellen mit „toxischen Substanzen“ getroffen worden, dadurch sei das tödliche Gas freigesetzt worden. Syrische Flugzeuge hatten Dienstagfrüh Khan Sheikhoun bombardiert.

Auch das Treffen zahlreicher europäischer Spitzenpolitiker in Brüssel, bei dem es um humanitäre Hilfe für Syrien ging, wurde vom Giftgasangriff überschattet. Bei dem Treffen sagten die Teilnehmer sechs Milliarden Dollar für Flüchtlingshilfe zu. Auf den Gängen des Konferenzzentrums zirkulierten derweil die Fotos von erstickten Opfern.
Über das eingesetzte Gas gab es zunächst keine sicheren Informationen. Augenzeugen berichteten von einem fauligen Geruch und einer gelblichen, pilzförmigen Rauchwolke nach dem Einschlag der Rakete. Ärzte erklärten, die Symptome bei den Opfern seien wesentlich gravierender als bei Chlorgasangriffen. Bei Chlor, das bereits von Regime und Rebellen eingesetzt wurde, ist die Zahl der Opfer geringer, weil das Gas an der Luft schnell verdampft. Wenn Menschen sterben, dann meist in geschlossenen Räumen.

In Khan Sheikhoun dagegen kollabierten zahlreiche Bewohner auf offener Straße. Helfer fanden ganze Familien tot in ihren Häusern. Dreißig der 160 Verletzten wurden in türkische Krankenhäuser überstellt, weil die medizinischen Einrichtungen in Syrien völlig überlastet sind.

Hinweise auf Sarin-Vergiftung

Die Opfer zeigten Symptome wie nach einer Vergiftung mit dem Nervengas Sarin. Viele hatten Schaum vor dem Mund oder bluteten aus Nase und Mund. Überlebende mussten sich übergeben, verloren das Bewusstsein und zeigten stark verengte Pupillen. Helfer ohne Schutzmasken brachen bei ihrem Einsatz zusammen, nachdem sie mit dem Gift in Kontakt gekommen waren.
„Die Symptome deuten nicht auf Chlorgas hin, aber wir können auch nicht sicher sagen, dass es Sarin war“, erklärte einer der Ärzte gegenüber der Website Syrian direct. Dazu bräuchte man ein Labor und moderne Technik.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO diagnostizierte als wahrscheinliche Ursache phosphororganische Verbindungen, die in Kampfstoffen wie Tabun, Sarin, Soman und Cyclosarin vorkommen und die Nerven angreifen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2017)

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