Asiens Giganten auf frontalem Kollisionskurs

Ein Grenzstreit zwischen Indien und China offenbart den Wettbewerb der Atommächte um Einfluss in der Region. Vor allem Peking rüstet verbal auf.

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(c) APA/AFP/TAUSEEF MUSTAFA

Wien/Peking/Neu Delhi. Zehn Runden lang hatten sich die beiden Supermittelgewichtskämpfer Fausthieb um Fausthieb bekriegt. Rund eine Stunde dauerte der als „Schlachtfeld Asien“ betitelte Wettkampf, der symbolträchtiger nicht hätte sein können. Denn, was sich am Wochenende in Mumbai (Bombay) zwischen dem indischen Starboxer Vijender Singh und dem chinesischen Champion Zulpikar Maimaitiali im Boxring abspielte, liefern sich Neu Delhi und Peking auf verbaler und militärischer Ebene bereits seit Wochen. Ein Konflikt an der 3500 Kilometer langen gemeinsamen Grenze hat zu einem scharfen Schlagabtausch der asiatischen Atommächte geführt.

„Ich will keine Spannungen an der Grenze. Das ist ein Zeichen des Friedens“, sagte der klar überlegene Sing und überreichte seinem Konkurrenten den gerade erkämpften Gürtel. Seit Mitte Juni stehen einander Hunderte Soldaten im Dreiländereck zwischen dem indischen Sikkim, Tibet und dem kleinen Himalaja-Königreich Bhutan in Alarmbereitschaft gegenüber. Einheiten der chinesischen Volksbefreiungsarmee haben in der Grenzregion Doklam (auf Chinesisch Donglang), die auch von Bhutan beansprucht wird, mit dem Bau von Straßen begonnen.

Um die Bauarbeiten zu stoppen, seien bewaffnete indische Grenztruppen mit zwei Bulldozern mehr als 100 Meter auf chinesisches Territorium vorgedrungen, behauptet Peking und veröffentlichte Fotos, um seinen Standpunkt zu untermauern. Indien aber argumentiert, nur zur Verteidigung seines kleinen Verbündeten im Nordosten gekommen zu sein.

 

Rote Linie Hühnernacken

Doch der Streit dreht sich um mehr als nur den Bau einer Straße. Er bringt den bitteren Wettbewerb der asiatischen Giganten zum Ausdruck: Unter Premier Narendra Modi behauptet sich Indien immer lauter gegen Chinas selbstbestimmtes Auftreten in Asien. Peking irritiert nicht nur, dass Neu Delhi der Seidenstraßeninitiative, dem Prestigeprojekt von Chinas Staatschef Xi Jinping, eine Abfuhr erteilte. Indien pflegt auch zunehmend engere Bande mit den USA, Japan und Kanada.

Zudem lud Modi zu seiner Amtsübernahme 2014 offizielle Vertreter Tibets und Taiwans ein – und brach mit langjährigen Tabus im Umgang mit den Sorgenkindern der chinesischen Regierung. Indien hingegen wurmt der wachsende diplomatische, wirtschaftliche und militärische Fußabdruck Chinas in Süd- und Zentralasien.

So erzürnen die Regierung in Neu Delhi die guten Beziehungen zwischen China und Pakistan, vor allem der Bau des chinesisch finanzierten China/Pakistan-Wirtschaftskorridors, der noch dazu durch umstrittene Gebiete verläuft. Zugleich fühlt sich der südasiatische Staat von chinesischen Marine-Aktivitäten im Indischen Ozean eingekreist. Mit den Straßenarbeiten hat China nun eine rote Linie überschritten: Indien will mit allen Mitteln verhindern, dass die Volksbefreiungsarmee dem sogenannten Hühnernacken zu nahe kommt. Der schmale Landstreifen verbindet den Nordosten des Landes mit indischem Kernland.

Im Hintergrund schwelt der Wettkampf um Bhutan: Der 750.000-Einwohner-Staat soll sich langsam aus Indiens Einflusssphäre gelöst haben. Thiumphu habe 2005 einen Deal mit China geschlossen, schmale Streifen am Doklam-Plateau für große Territorien im Norden und Osten des Landes einzutauschen, heißt es.

 

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Rückzug ohne Gesichtsverlust

So einfach wie die beiden Sportler werden sich die Nachbarstaaten daher nicht befrieden lassen: Die chinesische Regierung setzte den unzähligen medialen Attacken seit Wiederaufflammen des Konflikts am Freitag mit einer offenen Warnung eines drauf. Indien müsse seine Truppen unverzüglich aus chinesischem Territorium abziehen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Die Volksbefreiungsarmee habe bisher „ein hohes Maß an Zurückhaltung“ gezeigt, ihr guter Wille habe aber Grenzen. Die chinesischen Streitkräfte würden nationale Gebiete und Interessen „entschlossen schützen“.

Als wollte Peking die Drohung unterstreichen, zeigte das Staatsfernsehen Aufnahmen von Truppenübungen mit scharfer Munition in Tibet. Indien aber blieb in dem Konflikt bisher betont gelassen. „Krieg kann keine Lösung sein“, sagte Außenministerin Sushma Swaraj. „Weisheit ist, Probleme diplomatisch zu lösen.“

Hinter den Kulissen soll bereits auf Hochtouren an einer Lösung gearbeitet werden, wie sich beide Seiten ohne Gesichtsverlust zurückziehen können. Zumindest aber bis zum Herbst wird Chinas Führung wohl Stärke demonstrieren wollen: Beim nur alle fünf Jahre stattfindenden Parteitag will KP-Chef Xi Jinping seine Macht festigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2017)

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