Angreifen oder abwarten: Die Optionen der USA

Die Zukunft der koreanischen Halbinsel hängt auch davon ab, wie rational Donald Trump und Kim Jong-un die verfahrene Situation beurteilen.

TOPSHOT-NKOREA-POLITICS-ANNIVERSARY
Schließen
TOPSHOT-NKOREA-POLITICS-ANNIVERSARY
Führerkult in Pjöngjang: Nordkoreaner verbeugen sich vor der Statue von Staatsgründer Kim Il-sung, dem Großvater des amtierenden Alleinherrschers Kim Jong-un. – (c) APA/AFP/KIM WON-JIN

Pjöngjang/Washington. Ein neuer Tag, eine neue Verbalattacke: Mit dem Abschuss von vier Mittelstreckenraketen werde man auf den „Unsinn“ von Donald Trump reagieren und dem US-Präsidenten „absolute Stärke“ demonstrieren, sagte der nordkoreanische General Kim Rak-gyom am gestrigen Donnerstag. Der Einsatzplan für die Lenkwaffen soll Mitte August Nordkoreas Alleinherrscher, Kim Jong-un, übergeben werden, das Ziel der Demonstration sind demnach die Gewässer rund um die US-Pazifikinsel Guam, wo unter anderem Langstreckenbomber der US Air Force stationiert sind.

Sollten die Nordkoreaner ihre Drohung wahr machen und einen Warnschuss in Richtung Guam abfeuern, würde das den Korea-Konflikt auf eine neue, noch gefährlichere Stufe heben. Dass Washington auf diese Provokation nicht reagieren würde, ist unwahrscheinlich. Doch abseits der Rhetorik ist die Auswahl von Optionen, die den USA im Umgang mit Nordkorea zur Verfügung stehen, erstens beschränkt und zweitens wenig bis gar nicht zufriedenstellend.

1. Limitierter Angriff – Krieg als Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln

Als eine mögliche Antwort auf das nordkoreanische Säbelrasseln gilt ein lokalisierter Präzisionsangriff – beispielsweise auf eine Raketenabschussrampe –, der Kim die Überlegenheit der US-Streitkräfte vor Augen führen soll. Diese Option erscheint aufgrund des zu Demonstrationszwecken gewählten engen Zerstörungsradius verlockend, hat aber zwei eklatante Schwachstellen. Sie setzt erstens voraus, dass Nordkoreas Generäle in denselben Eskalationsstufen denken wie ihre US-amerikanischen Kontrahenten und einen chirurgischen Schlag als solchen verstehen. Und sie lässt zweitens außer Acht, dass die Einsatzpläne der Gegner auf den Überraschungsmoment setzen. Soll heißen: Eine Machtdemonstration der USA erhöht die Gefahr, dass Nordkoreas Armee mit aller Macht zuschlägt, um einem befürchteten amerikanischen Präventivschlag zuvorzukommen.

2. Massiver Militärschlag – Neutralisierung der nordkoreanischen Bedrohung

Das führt geradewegs zur zweiten Option: dem massiven Einsatz von Militärgewalt mit dem Ziel, Nordkoreas Streitkräfte möglichst rasch zu pulverisieren – was angesichts der Befestigungsanlagen im Norden erstens selbst für die US-Streitkräfte nicht einfach wäre und zweitens die Zerstörung von Südkoreas Hauptstadt, Seoul, durch die nordkoreanische Artillerie sowie Hunderttausende Todesopfer in Kauf nehmen würde.

3. Eliminierung Kim Jong-uns – Neubeginn nach dem Tyrannenmord

Die Ausschaltung des Diktators erscheint auf den ersten Blick wie das kleinste Übel, ist aber aus zwei Gründen brandgefährlich. Erstens: Da Nordkorea eine Blackbox ist, können sich die USA und Südkorea über den genauen Aufenthaltsort ihres Ziels nicht sicher sein. Zweitens: Sollte der Enthauptungsschlag misslingen, hätte Kim keinen Anlass mehr, vom Einsatz seines chemischen und atomaren Arsenals abzusehen.

4. China-Option 1 – Druck auf Peking und wasserdichte Wirtschaftssanktionen

Der wirtschaftliche Druck auf Nordkorea ließe sich deutlich erhöhen, würde China das Land nicht mehr mit Öl versorgen. Doch dazu müssten die USA die Chinesen mit der Androhung von Sanktionen zwingen – was wiederum die Gefahr eines Wirtschaftskriegs USA–China mit schwerwiegenden Auswirkungen auf Weltkonjunktur und -stabilität heraufbeschwören würde.

5. China-Option 2 – Arrangement für eine Zukunft ohne Kim

Dieses Szenario setzt eine aktive chinesische Beteiligung an der Demontage des Kim-Regimes und Befriedung der koreanischen Halbinsel voraus. Nachdem die Volksbefreiungsarmee dem Vernehmen nach die Blitzbesetzung Nordkoreas übt, ist es nicht gänzlich unwahrscheinlich – doch dazu wäre ein großer Deal zwischen den USA und China nötig, in dessen Rahmen die Amerikaner Peking eine Einflusssphäre in Asien zugestehen müssten – wozu sie nicht bereit sind.

6. Rückkehr an den Verhandlungstisch – zu den Bedingungen der Nordkoreaner

Die USA akzeptieren Nordkorea als Nuklearmacht und verhandeln „auf Augenhöhe“ mit Kim Jong-un, und zwar ohne die Anwesenheit Südkoreas am Verhandlungstisch. Damit würden die USA eingestehen, dass sie sich erstens international nicht mehr durchsetzen und zweitens ihre Alliierten nicht beschützen können. Weder im Weißen Haus noch im Generalstab der US-Streitkräfte dürfte diese Option auf große Zustimmung stoßen – von Südkorea und Japan ganz zu schweigen.

7. Abwarten – und auf die Vernunft von Kim Jong-un hoffen

Weitermachen wie bisher, Provokationen ignorieren, zur Verfügung stehende Daumenschrauben ansetzen, im Hintergrund agieren – diese Vorgehensweise entspricht eher dem Charakter von Trumps Vorgänger, Barack Obama, als dem aktuellen US-Präsidenten. Ob die Militärexperten im Weißen Haus Trump von übereiligen Aktionen abhalten können, bleibt abzuwarten. Ob der Konflikt eskaliert, hängt auch davon ab, wie rational der abgeschiedene Alleinherrscher Nordkoreas die Lage beurteilen kann. Sollte Kim Raketen in Richtung Guam abfeuern, wäre die Option Nichtstun für die USA definitiv vom Tisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Angreifen oder abwarten: Die Optionen der USA

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.