Russische Groß-Kriegsspiele an der Nato-Ostflanke

Das russisch-weißrussische Manöver „Zapad (Westen) 2017“ sorgt in der Nato für Unbehagen. Spielt Moskau die Abtrennung des Baltikums durch? Die Übung, die am Mittwoch begann und eine Woche dauern soll, könnte auch größer sein als behauptet.

Landungen an der Ostseeküste bei Kaliningrad, Archivbild vom Manöver Zapad 2013.
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Landungen an der Ostseeküste bei Kaliningrad, Archivbild vom Manöver Zapad 2013.
Landungen an der Ostseeküste bei Kaliningrad, Archivbild vom Manöver Zapad 2013. – REUTERS

Kettenklirrende Kolonnen von T-72, T-80- und T-90-Kampfpanzern, die durch eine Landschaft voller Wälder, erntereifer Felder und Seen rollen; Panzerhaubitzen, die neben Straßen stehend in Vormarschrichtung feuern; Erdkampfflieger und Hubschrauber, die rauchende Bündel ungelenkter Raketen in Wäldchen donnern lassen, von wo aus Abwehrfeuer gekommen war. Und das alles in genereller Stoßrichtung Westen – auf Russisch „Zapad".

Das in etwa ist das Bild, das seit Wochen im Vorfeld des russisch-weißrussischen Manövers „Zapad 2017", das heute Mittwoch begann und eine Woche dauert, medial und nicht zuletzt politisch im Westen verbreitet wurde: Eines, das an Szenarien aus dem Kalten Krieg erinnert, vor allem an jenes der gefürchteten Invasion des Warschauer Pakts in Deutschland, mit Nebenrouten durch Österreich nach Italien sowie nach Dänemark, Holland und Nordnorwegen.

Über die Übung von Land-, Luft und Seestreitkräften mit Schwerpunkt Weißrussland (mindestens sechs Schauplätze) und der russischen Exklave Kaliningrad an der Ostsee sowie Nebenschauplätzen im Raum Sankt Petersburg, Westrussland und auf der Halbinsel Kola gehen die Darstellungen tatsächlich auseinander wie selten zuvor. Die Militärs in Moskau und Minsk geben die Zahl der Soldaten und Offiziere mit 12.700 an, die Rede ist von 250 Panzern, 200 Geschützen, 70 Jets und Hubschraubern, zehn Kriegsschiffen.

„Abwehr feindlicher Kräfte"

Es handle sich um rein defensive Manöver, bei denen die Abwehr feindlicher Kräfte, Rückeroberung von Terrain und Verlegung von Männern und Material geübt würden. Ein Szenario, das sich „überall auf der Erde ereignen" könne und nicht regionalspezifisch sei, heißt es.

Weißrussische Artillerieeinheit auf dem Marsch
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Weißrussische Artillerieeinheit auf dem Marsch
Weißrussische Artillerieeinheit auf dem Marsch – Sputnik/dpa

Konkret, so der Plan, drückt sich das anhand eines fiktiven Konflikts zwischen der (weiß-)russischen Allianz und den Fantasiestaaten Lubenia, Vesbaria und Veyshnoria aus. Lubenia liegt teils in Polen, teils in Litauen, Vesbaria in Litauen und Teilen Lettlands. Veyshnoria befindet sich in Nordost-Weißrussland selbst und will mit Hilfe der anderen beiden Staaten Teile Weißrusslands besetzen.

Litauische Darstellung von Weißrussland (Baltarusija) und den fiktiven Staaten des aktuellen Manövers
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Litauische Darstellung von Weißrussland (Baltarusija) und den fiktiven Staaten des aktuellen Manövers
Litauische Darstellung von Weißrussland (Baltarusija) und den fiktiven Staaten des aktuellen Manövers – Internet

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hingegen sprach vor einer Woche von „bis zu 100.000" teilnehmenden Soldaten, wobei sie sich ausdrücklich auf Angaben östlicher Nato-Länder stützte. Litauens Außenminister Linas Linkevicius indes sprach von etwa 30.000 Russen, die ins Baltikum verlegt worden seien.

Tatsächlich gibt es bisher keine Hinweise auf Truppenbewegungen oder Aktivitäten in einer Größe, die von der Leyen nannte und die unübersehbar sein müsste. Mitunter ist auch bei westlichen Beobachtern von (gezieltem) Alarmismus die Rede. In russischen Medien macht man sich über die "übertriebene Angst" im Westen regelrecht lustig und erklärt sie als vorsätzlich geschürt und/oder Produkt von Missverständnissen und Fehlinformationen. 

Die heikle Ost-Lücke der Nato

Auf solchen Zahlen aufbauend waren da und dort Theorien gesprossen, Russland könnte aus dem Kriegsspiel ernst machen und in einer Blitzaktion versuchen, die sogenannte „Suwalki-Lücke" einzunehmen: Den rund 70 Kilometer breiten Landstreifen im litauisch-polnischen Grenzraum, der Weißrussland von Kaliningrad trennt und als Schwachpunkt der Nato gilt: Dort bzw. in der Nähe stehen im Frieden nur mäßige polnische und litauische Kräfte zuzüglich zweier gemischter Bataillonskampfgruppen der Nato (je gut 1200 Mann) unter deutscher und US-Führung mit Teilen etwa aus Belgien, Norwegen und Rumänien.

Ein russischer Stoß wäre dort kaum zu stoppen und würde die Baltenländer binnen weniger Stunden oder ein bis zwei Tagen vom Nato-Rumpf abschlagen.

Karte des Manöverraumes samt Suwalki-Lücke und vorgeschobener Kampfgruppen der Nato
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Karte des Manöverraumes samt Suwalki-Lücke und vorgeschobener Kampfgruppen der Nato
Karte des Manöverraumes samt Suwalki-Lücke und vorgeschobener Kampfgruppen der Nato – Gregor Käfer

Realistischere Annahmen indes sind, dass Russland (eigenen Angaben zufolge stellt es nur 5500 der 12.700 Mann, darunter Einheiten der legendären, erst seit 2014 wieder aufgestellten 1. Garde-Panzerarmee) einzelne Verbände und Fliegereinheiten im Westen Weißrusslands zurücklassen wird, als Signal gegenüber der Nato. Zumindest Kampfjets hat Russland schon seit Jahren bei seinem Verbündeten stationiert, und dass das Manöver zumindest ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung der Suwalki-Lücke ist, konnte man auch auf russischer Seite hinter vorgehaltener Hand hören.

Unmut im Westen hat die Angabe der Manövergröße ausgelöst: Ab 13.000 Mann müssten laut den Regeln der OSZE fremde Diplomaten und Militärs als Beobachter dauerhaft zugelassen werden, mit Soldaten sprechen und Überflüge machen können. Die jetzige Zahl dicht unter der Schwelle sei, heißt es, eine „Neckerei" der Russen. Zwar sind Beobachter der Nato, UN, OSZE, einiger Nato-Länder und Schwedens eingeladen worden, doch insgesamt recht wenige (die Nato schickt angeblich drei), und sie dürfen nur bei einzelnen „Besuchertagen" an ausgesuchten Orten zusehen.

Regelrechte Manöver-Inflation in Nordosteuropa

Zapad-Manöver, bei denen durchaus auch mit Atomwaffen hantiert wird, gab es auch 2013 (samt simulierten Nuklearangriffs auf Warschau), 2009, 1999, sowie in den 1970er- und 1980ern. Zeitgleich findet in Südschweden und der Ostsee übrigens mit „Aurora 17" das mit fast 20.000 Mann größte Manöver Schwedens seit bald 30 Jahren statt; mehr als 1500 Nato-Soldaten sind auch mit dabei. Dem nicht genug, üben im Rahmen des Seemanövers „Northern Coasts 2017" gerade fast 5000 Soldaten, Piloten und Matrosen aus 17 westlichen Staaten mit 50 Schiffen und zwei Dutzend Flugzeugen im Ostseeraum.

Das Nato-Manöver „Saber Strike 2017" in Polen, Lettland, Litauen und Estland wiederum hatte erst Ende Juni geendet – daran nahmen 11.000 Soldaten statt, die so die Verteidigung der Nato-Nordostecke demonstrieren wollten.

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