Polnischer Präsident bei Flugzeugabsturz getötet

Polens Präsident Lech Kaczynski ist in Russland beim Absturz einer Tupolev 154 tödlich verunglückt. Grund für den Absturz dürfte ein Pilotenfehler gewesen sein, die Maschine wurde erst im Dezember generalüberholt.

Kaczynski und seine Frau
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Kaczynski und seine Frau
(c) REUTERS (JOHN GRESS)

Beim Anflug auf den russischen Flughafen Smolensk ist die Maschine mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau an Bord verunglückt. Seine Leiche wurde mittlerweile geborgen. Nach Angaben des Gouverneurs von Smolensk, Sergej Antufijew, gab es keine Überlebenden. Örtliche Behörden gehen von 96 Opfern aus.

Entsprechend der polnischen Verfassung übernimmt nun der Chef des Unterhauses, Bronislaw Komorowski, die Pflichten des Präsidenten. Die nächsten Präsidentschaftwahlen müssen spätestens am 20. Juni abgehalten werden.

Flammeninferno nach Absturz

Die Tupolev TU-154 war in Warschau in den frühen Morgenstunden gestartet. Rund 1,5 Kilometer vor dem Flughafen Smolensk streifte sie einige Bäume und stürzte ab. "Das Flugzeug ging nach dem Absturz in Flammen auf", sagte ein Sprecher des polnischen Außenministeriums in Warschau. Rettungsteams versuchten, Passagiere aus der schwer beschädigten Maschine zu ziehen. Noch während der Löscharbeiten war aus den Wrackteilen das Klingeln mehrerer Handys zu hören.

 

Tupolev TU-154

Die TU-154 ist ein Verkehrsflugzeug, das von 1968 bis 2006 gebaut wurde. Sie ähnelt mit ihrer Spannweite von 37,55 Metern der Boeing 727. Sie kann maximal 180 Passagiere aufnehmen und maximal 950 km/h schnell fliegen.

Maschine frisch gewartet

Die 26 Jahre alte Unglücksmaschine war zuletzt im Dezember in der Werkstatt zur Generalüberholung, wie der Generaldirektor der russischen Flugzeugfirma Awiakor, Alexej Gussew, sagte. Die nun in Smolensk abgestürzte Maschine habe die auf den TU-154-Bau spezialisierte Werkstatt in tadellosem Zustand verlassen. Die Wartung sei in polnischen Händen gewesen, sagte Gussew im russischen TV-Sender Westi.

Pilotenfehler offenbar schuld

Der Absturz ist offenbar auf einen Pilotenfehler zurückzuführen. Wegen dichten Nebels hätten die russischen Behörden dem Piloten empfohlen, statt in der westrussischen Stadt Smolensk in der weißrussischen Hauptstadt Minsk oder in Moskau zu landen, berichtete die russische Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf den polnischen Fernsehsender Polsat. Der Pilot habe sich jedoch dagegen entschieden.

Ähnlich äußerte sich auch ein Vertreter der weißrussischen Luftfahrtbehörde. Die weißrussischen Fluglotsen seien von ihren russischen Kollegen gebeten worden, die polnische Präsidentenmaschine vor dem Verlassen ihres Luftraums darüber zu informieren, dass die Wetterbedingungen für eine Landung in Smolensk ungünstig seien. Dies hätten die Fluglotsen weitergegeben. Der Pilot habe sich jedoch entschieden, seinen Kurs auf Smolensk zu halten.

Gerüchte über russische Mitschuld

Ermittler sagten aber, es sei zu früh, um über die Gründe der Katastrophe zu spekulieren. Mögliche technische und menschliche Ursachen würden untersucht. Der Flugschreiber - die Black Box - sei sichergestellt.

Inoffiziell munkelt man in Polen aber über eine russische Mitschuld. Denn der Flughafen sei nicht für Nebellandungen ausgerüstet gewesen. Im polnischen Staatsfernsehen wird berichtet, dass Journalisten vor Ort Notizblocks und Fotos abgenommen worden sein sollen.

Vier Landeversuche ohne Orientierung

Der russische Fernsehsender Westi-24 berichtete, die Maschine habe viermal versucht zu landen. Laut russischen Medien beobachteten Augenzeugen, dass die Motoren der Unglücksmaschine auch beim Landanflug aufheulten und stark zu arbeiten begannen. Offenbar habe der Pilot auch diesen Landeversuch abbrechen wollen, kommentierte dies der polnische Pilot Dariusz Sobczynski gegenüber der Nachrichtenagentur PAP. Dies deute darauf hin, dass der Pilot an Bord überhaupt keine Elemente des Flughafens erkennen konnte, die ihm die Koordinierung der Landung ermöglicht hätten, so Sobczynski.

 

Hochrangige Delegation zum Katyn-Gedenken

Kaczynski war mit einer hochrangigen, 88-köpfigen polnischen Delegation am Weg zu den Gedenkfeiern anlässlich des Katyn-Massakers vor 70 Jahren, bei dem an die 22.000 Polen vom Stalin-Regime ermordet wurden.

Die Passagierliste des Todesflugs
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Die Passagierliste des Todesflugs

Bei dem Absturz dürften daher einige der wichtigsten Personen Polens ums Leben gekommen sein. Nach Angaben des Rats für Erinnerung und Märtyrertum, der die Reise organisierte, war neben dem Präsidentenpaar auch der ehemalige Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski an Bord, der Kandidat der Oppositionspartei "Bündnis der demokratischen Linken" (SLD) bei den für den Herbst geplanten Präsidentenwahlen.Außerdem reiste der Leiter des Instituts für das nationale Gedächtnis (IPN), Janusz Kurtyka, mit Lech Kaczynski.

Flugzeugunglück: Absturz auf dem Weg nach Katyn

Des weiteren an Bord waren

  • der Chef des Büros für nationale Sicherheit, Aleksander Szczyglo
  • der Leiter der Präsidentenkanzlei, Wladyslaw Stasiak
  • der dortige Staatssekretär Pawel Wypych
  • der dortige Unterstaatssekretär Mariusz Handzlik
  • zahlreiche Abgeordnete der Kaczynski nahestehenden Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), unter anderen
  • der ehemalige Geheimdienstminister Zbigniew Wassermann und Przemyslaw Gosiewsk
  • der Chef des Generalstabs der polnischen Armee, Franciszek Gagor und
  • Ryszard Kaczorowski, der letzte Präsident der polnischen Exilregierung in London.

Eine Woche Staatstrauer

Bronislaw Komorowski ordnete eine einwöchige Staatstrauer an. Er appellierte an die Eintracht des Landes. "Es gibt heute keine Rechte und keine Linke, keine Differenzen", betonte der Parlamentschef. Komorowski soll nun innerhalb von 14 Tagen den Termin der Präsidentenwahl bekanntgeben. Ursprünglich sollten die Wahlen im Herbst stattfinden. Die Regierungspartei "Bürgerplattform" (PO) hatte Komorowski vor einer Woche als ihren Kandidaten für das höchste Staatsamt aufgestellt.

"Vor 70 Jahren haben die Sowjets in Katyn die polnische Elite ermordet", sagte der frühere polnische Präsident und ehemalige Solidarnosc-Anführer Lech Walesa gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. "Heute ist erneut die polnische Elite ums Leben gekommen, auf dem Weg dorthin, wo sie der getöteten Polen gedenken wollten."

 

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Unglücksmodell TU-154 –

 

 

 

(Ag./Red)

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