58. "Bilderberg"- Konferenz: Das Geheimnis von Sitges

Keine Fotos, keine Teilnehmerliste, keine Abschlusserklärung, keine Pressekonferenz: Rund 130 hochrangige Politiker, Konzernchefs und Adelige treffen sich jährlich zum geheimen Gedankenaustausch.

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Protest – (c) AP (MANU FERNANDEZ)

Der spanische Badeort Sitges hat 25.000 Einwohner, eine Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert, einige hübsche Jugendstilvillen und einladende Sandstrände. Im Juli findet jedes Jahr das internationale Tango Argentino Festival statt, außerdem gibt es eine Oldtimerrallye und ein Schachturnier. Das alles wären durchaus Gründe, um hier ein paar Urlaubstage zu verbringen. Aber das Hauptmotiv für einen Abstecher in das Städtchen ist seine Nachbarschaft: Nur etwa 30 Kilometer nördlich liegt die Metropole Barcelona, für die Sitges eine Art erweiterte Badewanne abgibt. Wer in Barcelona wohnt oder urlaubt, kann zur Entspannung nach Sitges flüchten.


Nabel der Welt. Doch seit Donnerstag vergangener Woche steht Sitges ganz allein im Mittelpunkt. Die Kleinstadt ist derzeit ohne Übertreibung der Nabel der Welt. Es gibt keinen anderen Ort auf dem Globus, an dem so viele so wichtige Menschen vereint sind wie hier. Im Luxushotel „Dolce“, etwas außerhalb auf einem Hügel, endet heute die alljährliche „Bilderberg“-Konferenz. Rund 130 Politiker, Konzernchefs, hochrangige Militärs und Adelige aus Europa, den USA und Kanada haben drei Tage lang in Sitges über den Zustand der Welt debattiert und ihre Gedanken ausgetauscht.

Leider kann der Veranstaltungsort wenig Publicity aus dem Event schöpfen. Bilderberg-Konferenzen gedeihen nur im Verborgenen. Es gibt keine Fotos, keine Pressemitteilungen, keine Abschlusserklärung. Nicht einmal die Teilnehmerliste wird vorab publiziert. Das Tagungshotel ist ausschließlich für das Treffen reserviert und wird von Polizisten hermetisch abgeriegelt. Weder Passanten noch Journalisten noch Demonstranten sollen die illustren Gäste bei ihren Unterredungen stören.

Immerhin wurde bekannt, dass Bundeskanzler Werner Faymann eingeladen war. Er nahm allerdings nicht teil, weil er sich – wie er der Tageszeitung „Österreich“ anvertraut hatte – auf den SPÖ-Parteitag am 12.Juni vorbereiten müsste. Die kleine Welt daheim steht schließlich nicht still, nur weil sich die große Welt irgendwo trifft. Vielleicht wollte Faymann auch nur Verwicklungen wie im Vorjahr verhindern, als die „Kronen Zeitung“ über seine Bilderberg-Exkursion nach Athen berichtet und damit die Opposition auf den Plan gerufen hatte. „Was hat ein österreichischer Bundeskanzler auf einem solchen Geheimtreffen verloren?“, fragte das BZÖ neidisch. Zugleich soll der „Krone“-Bericht auch unter den Konferenzteilnehmern Befremden ausgelöst haben. Streng nach den Regeln hätte Faymann nicht einmal zugeben dürfen, dass er eingeladen worden war.

„Luzifers fünfte Kolonne“. Die Geheimniskrämerei hat viel zum Mythos um Bilderberg beigetragen, liefert aber auch den Stoff für deftige Verschwörungstheorien. Eine simple Google-Recherche zum Stichwort genügt, um in den Bilderbergern die Drahtzieher hinter der Ölkrise in den Siebzigerjahren, der deutschen Wiedervereinigung, dem Irak-Krieg und – natürlich – der aktuellen Wirtschaftskrise ausfindig zu machen. Der amerikanische Publizist Des Griffin bezeichnet den Klub schlicht als „Luzifers fünfte Kolonne“. Sein Landsmann Jim Tucker, legendärer Bilderberg-Hasser und Herausgeber einer rechten Postille, schreibt von „Puppenspielern, die den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank, die G8-Staaten, die Nato, die UNO, die USA und die EU beherrschen“. Der spanische Journalist Daniel Estulin hat ein Buch zum Thema geschrieben, das sich weltweit 750.000-mal verkauft hat. Er sieht in der Bilderberger-Gruppe ein „virtuelles Spinnennetz von ineinandergreifenden finanziellen, politischen und industriellen Interessen“.

Alles Blödsinn, sagt ein Österreicher, der vor Jahren einmal zur Konferenz geladen war. „Es ist so ähnlich wie das Weltwirtschaftsforum in Davos, nur ohne Presseaussendungen.“ Und das Geheimnisvolle mache einen Teil des Reizes aus. „Ich glaube, die genießen das.“ Auch große Buben spielen nun mal gerne Verstecken.
Small Talk an der Bar. Zu den Regeln gehört, dass jeder Gast allein kommen muss, also ohne Sekretäre, Berater oder sonstige Entourage. Wer anreist, muss bleiben; schnell mal für ein paar Stunden vorbeischauen geht nicht. Das Tagungsprogramm besteht im Wesentlichen aus Podiumsdiskussionen, die jeweils etwa eineinhalb Stunden dauern. Abends darf es dann unterhaltsamer zugehen. Erzählt wird von Schiffsausflügen (die Bilderberger treffen sich gerne in hübschen Gegenden am Meer), opulenten Dinners und Small Talk an der Bar. Im Hotel Dolce gibt es außerdem fantasievolle Wellnessangebote wie eine Eisdusche oder Schokolademassagen.

Nicht die Hierarchie bestimmt die Sitzordnung, sondern das Alphabet. Einmal angenommen, Erste-Bank-Chef Andreas Treichl wäre heuer seiner Einladung gefolgt (was er dementiert, nach den ungeschriebenen Bilderberg-Regeln aber dementieren muss), er hätte durchaus anregende Sitznachbarn vorgefunden: EZB-Chef Jean Claude Trichet zum Beispiel, oder, eine Reihe weiter hinten, die spanische Königin Sofia.

Namensgeber der klandestinen Veranstaltung ist das Hotel de Bilderberg in der niederländischen Gemeinde Oosterbeek, wo im Mai 1954 das erste Treffen stattgefunden hat (> Wie alles begann). Organisatoren waren der polnische Historiker Jozef Retinger und der niederländische Prinz Bernhard. Die Idee damals war, dass eine regelmäßige Gesprächsrunde die angespannten europäisch-amerikanischen Beziehungen beleben und auf eine neue Basis stellen könnte. Prinz Bernhard blieb eine Schlüsselfigur, bis er Mitte der Siebzigerjahre über den Lockheed-Bestechungsskandal stolperte. 1976 fiel das Bilderberg-Treffen aus diesem Grund aus, 1977 wurde es unter einem neuen Vorsitzenden wieder aufgenommen.

Königin Beatrix ist Stammgast. Bilderberg spiegelt die Weltordnung der Nachkriegsjahre wider und ist, so gesehen, eine ziemlich verzopfte Veranstaltung. Teilnehmer aus Asien, Afrika und Südamerika gibt es kaum, Europa und die USA geben eindeutig den Ton an. Auch Frauen sind stark unterrepräsentiert. Zu den wenigen Ausnahmen gehörten bisher Margaret Thatcher, Hillary Clinton und Angela Merkel. Einziger weiblicher Stammgast ist– wohl aus historischen Gründen– die holländische Königin Beatrix.

Vorsitzende der Bilderberger

1954 - 1976: Prinz Bernhard
1977 - 1980: Alec Douglas-Home
1980 - 1985: Walter Scheel
1985 - 1989: Lord Eric Roll of Ipsden
1990 - 1998: Lord Peter Carrington
seit 1998: Étienne Davignon


Österreich-Boss Scholten. Offiziell existieren die Bilderberger gar nicht; es gibt keinen Gründungsvertrag, keinen formellen Status von Mitgliedschaft, keine Mitgliedsbeiträge und keine Büroadresse. Leiter des sogenannten Exekutivkomitees ist derzeit der belgische Graf Etienne Davignon. Im 25-köpfigen Komitee sitzt für Österreich der frühere Wissenschaftsminister und jetzige Vorstand der Kontrollbank, Rudolf Scholten.

Beschlüsse werden angeblich nicht gefasst. Das bei EU-Treffen so beliebte Familienfoto zum Abschied fällt aus. Zur Erinnerung bekommt jeder Gast lediglich ein Tagungsprotokoll. Was Henry Kissinger spätabends nach ein paar Gläschen Cava über die aktuelle US-Außenpolitik denkt, lässt sich darin allerdings nicht nachlesen. „Die Wortmeldungen werden nur anonym wiedergegeben“, erzählt ein Teilnehmer. „Darum geht es ja: Man will offen miteinander reden und sicher sein können, dass nichts nach außen getragen wird.“ Das Niveau der Unterredungen sei durchwegs sehr hoch, sagt er. „Ich habe viele Probleme auf der Welt hinterher besser verstanden.“

Natürlich eignet sich das Forum hervorragend, um Kontakte zu knüpfen. Franz Vranitzky und Bill Clinton beispielsweise sind einander 1991 erstmals bei einer Bilderberg-Konferenz in Baden-Baden begegnet. Clinton war damals noch Gouverneur von Arkansas. Zwei Jahre später war er US-Präsident und hatte seinen alten Konferenzfreund nicht vergessen. In einer handschriftlichen Nachricht schrieb er Vranitzky, dass er sich gern an das Treffen in Baden-Baden erinnere und sich auf ein Wiedersehen freue.

Die Geheimhaltung mag anachronistisch und ein wenig kindisch sein– aber sie funktioniert erstaunlich lückenlos. In über 50Jahren gab es niemanden, der das Schweigegelübde brach und mit pikanten Details aus dem Inneren des VIP-Zirkels aufwartete. Die Verschwörungstheorien rundherum müsse man eben in Kauf nehmen, erklärte Bilderberg-Chef Etienne Davignon vor ein paar Jahren der BBC. „Das lässt sich nicht vermeiden und stört nicht. Es wird immer Leute geben, die an Verschwörung glauben, aber die Dinge funktionieren nun mal ganz anders.“

Sitges hat den Ansturm der Reichen und Mächtigen dem Vernehmen nach gut überstanden. Die Polizeitrupps rücken langsam ab. Und im Hotel Dolce sind nächste Woche auch schon wieder Zimmer zu haben– ganz ohne Extrabewachung.

Die Teilnehmer
Seit 1954 wurden Bilderberg-Konferenzen von rund 2500 Teilnehmern besucht.

Die Tagungsorte
Letztes Jahr fand das Meeting in Athen statt, davor in Chantilly (Virginia).

Die Österreicher
Rudolf Scholten ist Mitglied im Exekutivkomitee. Heuer eingeladen waren unter anderem Andreas Treichl und Werner Faymann.

Wenn Sie mehr wissen wollen:

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2010)

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