Neue Zweifel an Selbstmord des Waffenexperten David Kelly

Sieben Jahre nach der Affäre um den Biowaffen-Spezialisten David Kelly wollen Experten den Fall neu aufrollen. Kelly hatte Behauptungen über Massenvernichtungswaffen des Irak widersprochen.

BRITAIN DAVID KELLY
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(c) EPA (Johnny Green)

Sieben Jahre nach der Affäre um den Freitod des britischen Waffenexperten David Kelly haben prominente Experten erneut Zweifel an der Selbstmordtheorie geäußert und eine Untersuchung der Todesumstände gefordert. In einem offenen Brief an die britische Zeitung "The Times" erklärten unter anderem Pathologen und Intensivmediziner am Freitag, nach den veröffentlichten Beweisen sei die offizielle Todesursache Verbluten "sehr unwahrscheinlich". Die insgesamt acht prominenten Unterzeichner forderten eine erneute Untersuchung des Falls.

Kelly war kurz nach dem US-geführten Einmarsch in den Irak im Jahr 2003 vom britischen Verteidigungsministerium als Hauptinformant für einen BBC-Bericht enttarnt worden, im dem der damaligen Regierung von Tony Blair eine Aufbauschung der Geheimdienstinformationen zum irakischen Waffenarsenal vorgeworfen worden war. Im Juli 2003 wurde Kelly mit verletzten Pulsadern nahe seinem Haus in der Grafschaft Oxford tot aufgefunden.

Namhafte Mediziner gegen Selbstmordtheorie

Die acht Unterzeichner des offenen Briefes, unter ihnen der ehemalige leitende Pathologe Michael Powers, dessen frühere Kollegin Margaret Bloom und der Professor für Intensivmedizin Julian Bion, äußerten Zweifel, dass die bei Kelly festgestellte Verletzung der Ellenarterie lebensbedrohlich gewesen sei. Dies wäre nur im Zusammenhang mit Problemen bei der Blutgerinnung plausibel, schrieben die Experten in ihrem Brief. Damit sei die Schlussfolgerung eines Todes durch Verbluten "unsicher".

UN-Waffeninspektor

Die offizielle Untersuchung kam zu dem Schluss, Kelly sei durch einen Blutverlust aus einer Wunde am linken Handgelenk gestorben, die er sich mit einem in seiner Nähe aufgefundenen Messer selbst zugefügt habe. Juristische Ermittlungen in dem Fall waren von Justizminister Charles Falconer gestoppt worden. Kelly war der erfahrenste britische Waffenexperte, der vor dem Krieg im Irak an den dortigen UN-Waffeninspektionen beteiligt war. Er hatte die angeblichen mobilen Biowaffen-Labors inspiziert und sie als nicht tauglich für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen bezeichnet. Die BBC hatte sich auf Kellys Aussagen gestützt, als sie die Regierung Blair beschuldigte, die Gefahr durch den Irak aufgebauscht zu haben.

"Werde tot im Wald gefunden"

An der offiziellen Todesursache hatte es wiederholt Zweifel gegeben. So hatten Rettungssanitäter am Tatort festgestellt, dass Kelly nur wenig Blut verloren habe. Aus seinem Umfeld war verlautet, dass trotz des öffentlichen Drucks auf den Wissenschaftler nichts auf Selbstmordgedanken hingedeutet habe. Kelly selbst hatte vor seinem Tod erklärt, er wäre unter "großem Druck" gestanden. "Ich werde vermutlich tot im Wald gefunden werden", soll Kelly auf die Frage gesagt haben, was im Fall einer Invasion des Irak passieren würde, steht in der Transkribierung der Untersuchung.

Beweise für 70 Jahre geheim zu halten

Es wird schwierig werden, den Fall neu aufzurollen. Mehrfach hatten Experten in den letzten Jahren versucht, eine neue Untersuchung anzustrenfen. Infolgedessen verordnete Großbritanniens oberster Richter Lord Hutton, dass die Beweismittel im Fall Kelly für 70 Jahre unter Verschluss bleiben sollen. Der Befehl schürte neue Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Selbstmordtheorie.

(Ag./Red.)

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