Akute Kriegsgefahr in Korea

Nach einem nordkoreanischen Angriff mit mehr als 100 Granaten hat Südkoreas Regierung ihre Armee mobilisiert und mit einem "enormen Gegenschlag" gedroht. Die ganze Region könnte in den Abgrund gerissen werden.

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(c) EPA (HO)

Peking. 57 Jahre nach Ende des Korea-Kriegs steht die geteilte Halbinsel vor einem neuen Gewaltausbruch. Nach einem heftigen Feuergefecht zwischen süd- und nordkoreanischen Truppen hat Seoul seine Armee mobilisiert – und den höchsten Alarmzustand seit 1953 ausgerufen. „Diese Attacke ist unverzeihlich!“, donnerte Südkoreas Präsident Lee Myung-bak. Auf einen neuen Angriff werde sein Militär mit „einem enormen Gegenschlag“ antworten.

Nicht weniger martialische Töne kamen aus dem kommunistischen Nordkorea: „Sollte die südkoreanische Marionettentruppe es wagen, auch nur 0,0001 Millimeter in Nordkoreas Hoheitsgewässer vorzudringen, wird die revolutionäre Streitmacht nicht zögern, gnadenlose militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“

Dem südkoreanischen Verteidigungministerium zufolge warf das nordkoreanische Militär eine Stunde lang über 100 Granaten auf die Insel Yeonpyeong, die in umstrittenen Gewässern liegt. Nordkoreas Armee behauptet, die Südkoreaner hätten das Feuer eröffnet.Zwei Soldaten kamen ums Leben, mehr als ein Dutzend wurden verletzt, zahlreiche Inselbewohner ebenfalls verwundet. Häuser gingen in Flammen auf. Ein Anwohner berichtete im Fernsehen: „Die Artillerie traf nicht nur eine Stelle. Es brannte überall, es war chaotisch.“ Einige der rund 1500 Bewohner flüchteten in Booten von der Insel. Laut Seoul beschoss Südkoreas Armee daraufhin ihrerseits Ziele im Norden. Ganz Ostasien bangt jetzt vor einer Eskalation mit der unberechenbaren Atommacht Nordkorea. Harsch reagierte Japan, traditionell Alliierter Seouls: Als „völlig inakzeptabel“ verurteilte ein Regierungssprecher die Attacke. Nordkoreas engster Verbündeter Peking rief beide Seiten auf, sich zurückzuhalten. „Wir hoffen, die betreffenden Parteien handeln auf eine Weise, die dem Frieden und der Stabilität auf der koreanischen Halbinsel dienlich ist“, so Außenamtssprecher Hong Lei. Moskau warnte vor der „immensen Gefahr einer Ausweitung der Gefechte“. Die USA verurteilten „den Angriff aus dem Norden“ und forderten Pjöngjang auf, sich an den Waffenstillstand zu halten, der nach dem Korea-Krieg (1950–1953) geschlossen worden war. Formal befinden sich beide Seiten noch im Krieg, es gibt keinen Friedensvertrag.

 

Provokantes Militärmanöver

Der jüngste Zwischenfall zeigt erneut, wie leicht entflammbar die Lage in der Region ist. Die kleine Insel Yeonpyeong liegt rund 200 Kilometer westlich von Seoul, nah vor der Küste Nordkoreas. Süd- und Nordkorea streiten seit jeher um den Grenzverlauf in den Gewässern um die koreanische Halbinsel. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Gefechten, die zuweilen durch die Konkurrenz um Fischereigründe ausgelöst wurden.

Im März sank in der Nähe von Yeonpyeong eine südkoreanische Korvette, 46 Seeleute starben. Den Vorwurf der Südkoreaner und einer internationalen Kommission, ein nordkoreanisches U-Boot hätte das Schiff mit einem Torpedo gesprengt, wies Nordkoreas Militär zurück.

Großen Ärger in Pjöngjang hat ein Militärmanöver Südkoreas ausgelöst, an dem nach chinesischen Angaben 70.000 Soldaten beteiligt sind. Die Präsenz südkoreanischer Kriegsschiffe in der Nähe der Küste Nordkoreas könne daher ein Grund für das Feuergefecht sein, so Funktionäre in Seoul: „Unsere Marine hat heute ein Manöver in der Nähe der westlichen Seegrenze durchgeführt. Nordkorea hat gegen die Übung protestiert. Wir untersuchen einen möglichen Zusammenhang“, so eine Sprecherin des Präsidialamtes.

Der Zwischenfall kommt zu einer brisanten Zeit. Nordkoreas Herrscher Kim Jong-il ist dabei, sein politisches Erbe zu regeln: Erst im Oktober zeigte sich sein dritter Sohn, der sogenannte „junge General“ Kim Jong-un, bei einer großen Militärparade zum 65. Jahrestag der Parteigründung erstmals an der Seite des Vaters in der Öffentlichkeit. Unterstützt von älteren Angehörigen des Kim-Clans und Vertrauten im Militär soll der Sohn den Machterhalt des Regimes und der Familie nach dem Tod des kränkelnden Kim Jong-il, 69, garantieren.

Erst vor wenigen Tagen hat Nordkorea international für Unruhe gesorgt. Nordkoreanische Ingenieure haben offenkundig innerhalb kurzer Zeit eine Nuklearanlage errichtet, in der Uran angereichert werden kann und womöglich Material für neue Atomsprengköpfe produziert wird.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2010)

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