Südsudan: Pfeil und Bogen gegen die "Armee Gottes"

Vor dem Unabhängigkeitsreferendum verschlechtert sich die Sicherheitslage im Land. An der Grenze zum Kongo plündert die "Lord's Resistance Army" Dörfer. Die Regierung Südsudans sieht die Hintermänner in Khartoum.

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(c) AP (Abd Raouf)

"Hier haben sie erst vor kurzem ein Auto angehalten.“ Der lokale NGO-Mitarbeiter deutet auf eine Stelle am Wegesrand. Einige verkohlte Grashalme sind zu sehen. „Zuerst haben sie den Lenker erschossen, dann den Wagen mit Benzin überschüttet und angezündet.“ Der Fahrer gibt Gas. Ab vier Uhr nachmittags versuchen alle, die staubige Buschpiste möglichst rasch zu verlassen. Denn das ist die Tageszeit, in der es am häufigsten zu Überfällen kommt: die Zeit der „Lord's Resistance Army“ – der „Widerstandsarmee des Herrn“.

 

Terror gegen Zivilisten

Entlang der Hauptstraße in der südsudanesischen Provinz Western Equatoria bewegt sich eine lange Menschenschlange. Vor improvisierten Registrierungsbüros hängen Transparente: „Register your Vote.“ Die Anmeldung für das Referendum hat begonnen, bei dem am 9.Jänner über die Unabhängigkeit des Südsudan abgestimmt wird. Doch die Aufbruchsstimmung wird hier, hart an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo und zur Zentralafrikanischen Republik, von Gewalt getrübt. Als hätten sie nach dem langen Bürgerkrieg nicht bereits genug Leid erlebt, werden die Bewohner in Western Equatoria seit fast zwei Jahren von der Lord's Resistance Army terrorisiert.

Einst kämpften diese Milizen gegen die Unterdrückung des Acholi-Volkes in Norduganda. Ihr Anführer Joseph Kony fantasierte davon, eine Art „Gottesstaat auf Grundlage der Zehn Gebote“ zu errichten. Seit einem misslungenen Militärschlag gegen Kony 2008 ziehen Splittergruppen der LRA mordend und plündernd durch die Wälder im Dreiländereck Zentralafrikanische Republik – Kongo – Sudan. Sie kidnappen Kinder, um sie zu Soldaten zu drillen.

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Mit Macheten zerhackt

Samuel Esau hat die LRA hautnah miterlebt. „Der letzte Angriff fand hier Mitte September statt“, erzählt der 38-Jährige. Er hockt vor einer Strohhütte in Kazia, eine halbe Stunde Autofahrt von der Provinzhauptstadt Yambio entfernt. „Elf Menschen wurden getötet, mehrere Kinder entführt.“ Esau hält kurz inne. Dann erzählt er, wie die „Tong Tong“, so werden die LRA-Kämpfer genannt, vorgehen: „Sie haben einige der Menschen einfach erschossen, andere wurden eingekreist und mit Knüppeln tot geprügelt. Andere wurden mit Macheten zerhackt.“ Gräuel wie diese haben hunderttausende Menschen im Südsudan in die Flucht geschlagen. Thomas Preindl, der für die Caritas Nothilfe- und Wiederaufbauprojekte im Südsudan koordiniert, schätzt, dass allein 2009 in Western Equatoria 76.000 Menschen aus ihren Dörfern geflüchtet sind. Die UN-Agentur für humanitäre Angelegenheiten (UNOCHA) geht von 215.000 Vertriebenen und 900 Toten seit Jahresbeginn im gesamten Südsudan aus. Der Grund: „Unsicherheit“ – dazu werden aber auch Stammesfehden gezählt.

Samuel Esau ist Schuldirektor der Gemeinde Kazia, die 8800 Einwohner zählt. Derzeit ist der Pädagoge aber vor allem eines: der Anführer der Dorfmiliz, der so genannten „Arrow Boys“. Ihre Mitglieder, männliche Dorfbewohner jeden Alters, kämpfen gegen die LRA. Stolz präsentieren sie ihre Waffen: Pfeil und Bogen, Macheten, eine Schrotflinte der Marke Steinzeit und eine etwas modernere Automatikwaffe. „Die haben wir der LRA abgenommen“, erzählen die Männer. „Als sie uns im September angriffen, konnten wir sie vertreiben“, berichtet Esau und behauptet, mit seinen Männern 24 LRA-Kämpfer getötet und sieben gefangen zu haben.

 

Deal mit Sudans Regierung?

„Die Arrow Boys sind die einzige effektive Waffe gegen die LRA“, meint ein lokaler Begleiter auf der Fahrt zurück nach Yambio. Und greift ein weit verbreitetes Gerücht auf: „Joseph Kony wird von Khartoum unterstützt, dagegen müssen wir uns doch wehren.“

Tatsächlich hat die autonome Regierung des Südsudan der Zentralregierung in Khartoum vorgeworfen, die LRA gleichsam als Werkzeug zu benützen, um den sezessionistischen Süden zu destabilisieren. Wie vor dem Friedensabkommen 2005, als Kony im Sudan mehrere Camps unterhielt. Tatsächlich tauchten Berichte auf, Kony sei in den Süden der westsudanesischen Unruheregion Darfur gereist, um Kontakt zu Sudans Armee aufzunehmen. Er habe jedoch keinen Erfolg gehabt, berichtet die International Crisis Group.

 

Regierung verspricht Bewaffnung

Die Gründung von Arrow-Boys-Gruppen wird von Beobachtern jedoch mit gemischten Gefühlen betrachtet. Vor allem die Entscheidung, die Dorfschützer zu bewaffnen, stößt auf Kritik. „Eine der größten Herausforderungen der Friedenssicherung im Sudan ist ja gerade, dass so viele Zivilisten bewaffnet sind“, kommentiert etwa Mareike Schomerus von der London School of Economics, deren Forschungsschwerpunkt die LRA ist. Dies mit einer Bewaffnung von Dorfmilizen weiter voranzutreiben, sei „extrem gefährlich“. In Uganda etwa hätten sich Arrow Boys gegen die eigene Bevölkerung gewandt, so Schomerus, und im Ostkongo wurden ähnliche Anti-LRA-Milizen wieder entwaffnet, nachdem sie Polizeistationen angegriffen hatten.

In Kazia haben die Arrow Boys noch nichts davon bemerkt, dass sie jetzt von der Regierung Waffen erhalten sollen: „Es gibt keine Unterstützung von der Regierung“, sagt Kommandant Esau. „Als die Armee nach dem Angriff kam, war alles schon vorbei.“

 

Florian Lems ist freier Journalist. Er war im November für die Caritas im Südsudan, die dort mehrere Nothilfe- und Wiederaufbauprojekte unterhält. Diese Reportage entstand unabhängig davon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2010)

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