Revolution in Tunesien: Das Volk stürzt den Präsidenten

Der autoritäre Machthaber Ben Ali verhängt den Ausnahmezustand über das Urlauberparadies - und flieht aus dem Land.

Massenproteste Tunesiens Regime Aufloesung
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Massenproteste Tunesiens Regime Aufloesung
(c) EPA (LUCAS DOLEGA)

23 Jahre regierte Tunesiens Staatschef Zine el-Abidine Ben Ali mit harter Land – doch am Ende ging es ganz schnell: Am Freitagnachmittag versuchte Ben Ali noch, seine Haut mit weitgehenden Konzessionen an die Demonstranten zu retten, die zuletzt immer vehementer seinen Abgang gefordert hatten: Er entließ auf einen Schlag die gesamte Regierung und kündigte Neuwahlen an. Vergeblich.

Keine Stunde später wurde der Ausnahmezustand über das ganze Land verhängt. Und dann war das Regime Ben Ali auch schon Geschichte: Premier Mohammed Ghanouchi trat vor die Kameras und verkündete, der Präsident sei vorübergehend nicht in der Lage, sein Amt auszuüben.

--> Hintergrund: Warum die Tunesier so wütend auf das Regime sind

Gleichzeitig setzte sich Ghanouchi selbst als Übergangspräsident ein. Österreichs Botschafter in Tunis, Johann Fröhlich, erklärte in der ZIB 2, Ghanouchi sei nach seinen Informationen bereits als Präsident angelobt worden und soll dieses Amt bis zu den fälligen Neuwahlen ausüben.

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Reuters

Der Präsident habe das Land verlassen, meldete unterdessen der arabische Sender al-Jazeera. Oppositionelle hatten Stunden zuvor berichtet, im Präsidentenpalast stünden drei Hubschrauber für Ben Alis Flucht bereit.

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Hintertür für Rückkehr Ben Alis

Es war die Stunde der Gerüchte: Der gestürzte Präsident halte sich in einer Kaserne versteckt, hieß es. Andere Augenzeugen wollten gesehen haben, dass er mit großer Eskorte zum Flughafen gebracht wurde, den die Armee übernommen hatte, und im Privatjet das Land verlassen hat: Destination Paris. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy habe ihm die Einreise untersagt, meldete die Agentur Reuters am späten Abend. Mehrere Verwandte hatten sich bereits abgesetzt, einige nach Frankreich, darunter angeblich die Tochter und die Enkelin des Präsidenten.

Die Opposition ist mit Ben Alis Abgang unterdessen noch nicht zufrieden: Die Befürchtung ist groß, dass der Interims-Präsident, ein treuer Gefolgsmann Ben Alis, tatsächlich nur dessen Sessel warm halten soll, bis sich die Lage im Land beruhigt hat. Noch ist auch unklar, welche Rolle das Militär spielt. Dieses hat zuletzt eher mit den Demonstranten sympathisiert, während die Polizei die Proteste mit Waffengewalt niederzuschlagen versucht hatte: Dabei gab es Dutzende Todesopfer.

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AP

Keine Angst mehr vor Polizei

Am Donnerstag hatte Ben Ali einen ersten Befreiungsschlag versucht. Doch was er den Demonstranten anbot, reichte ihnen längst nicht mehr: Dass er 2014 in den Ruhestand gehen wolle, und dass es ab sofort Medienfreiheit und eine politische Liberalisierung gebe. Die Zugeständnisse wirkten geradezu wie eine Einladung zu weiteren Protesten: Zehntausende Menschen demonstrierten am Freitag im Zentrum von Tunis. Die Menge zog mit tunesischen Fahnen zum Innenministerium, wo hinter Stacheldrahtrollen schwerbewaffnete Wachposten standen: „Entweder ihr tötet uns oder ihr haut ab“, riefen die Menschen, die ihre Angst vor dem Sicherheitsapparat verloren hatten, der sie 23 Jahre unterdrückte.

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Touristen in der Falle?

Für die in Tunesien gestrandeten österreichischen Touristen war die Lage zunächst unklar: Der Reisekonzern Thomas Cook hatte am Freitag angekündigt, seine österreichischen Gäste aus dem Land zurückzuholen. Dabei handle es sich um etwa 100 Personen.
Die Rückholung war noch für Freitag geplant, doch wenig später wurde der Luftraum zumindest über Tunesien vorübergehend gesperrt. Zwei Maschinen der Air France, die in Tunis landen wollten, mussten unverrichteter Dinge abdrehen.

Nach Angaben von Botschafter Fröhlich sind aber die Airports in Monastir und Djerba in Betrieb. Laut dem Botschafter halten sich 130 bis 140 Auslandsösterreicher in Tunesien auf. Weiters urlauben rund 150 rot-weiß-rote Touristen in Tunesien. "Es sind keine Österreicher zu Schaden gekommen", beruhigte Fröhlich. Die meisten seien in All-Inclusive-Hotels untergebracht. Fly Niki hat unterdessen einen Sonderflug von Monastir nach Wien organisiert. Allerdings gab es nur 30 Reisende.

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