Burger: "Wenn die oben nicht mehr können"

Ist der Aufstand in Ägypten "nur" eine Hungerrevolte? Fehlt dort eine breite Mittelschicht für eine Revolution? Philosoph Rudolf Burger über die Mechanik von Revolutionen und Kants "Teilnehmung dem Wunsche nach".

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(c) Clemens Fabry

Was kann man aus der Geschichte der Revolutionen für Ägypten lernen?

Wenn man aus vergangenen Revolutionen deren Mechanik rekonstruieren will, um auf neue Revolutionen vorbereitet zu sein, geht das fast immer schief. Tocqueville schrieb in seinen „Souvenirs“: „Ich habe immer beobachtet, dass man in der Politik untergeht, wenn man ein zu gutes Gedächtnis hat.“ Er spricht von der „furchtbaren Ursprünglichkeit der Tatsachen“. Anlass dieser Bemerkungen war die Beobachtung der 1848er-Revolution. Die Leute waren damals alle fasziniert von der Julirevolution 1830 und haben etwas Ähnliches erwartet. Aber 1848 lief ganz anders ab, und wieder ganz anders als 1789 bis 1794. Auch die iranische Revolution 1979 hat niemand vorausgesehen. Zehn Tage davor hat Präsident Carter noch gesagt: „Persien ist eine Insel der Stabilität.“

 

Wann ist denn die Zeit reif für eine Revolution?

Lenin hat das so definiert: „Wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“ Nur wann das ist, das ist genau die Frage. Wie viele Theorien hat man entwickelt, um den Beginn der Französischen Revolution zu erklären! Die Finanzkrise. Der Hunger. Das Wühlen der Philosophen. Die Entmachtung des Adels, durch die die Macht konzentrierter und somit leichter zu stürzen wurde. Und manchmal sind es ganz kleine Faktoren. Kleist hat den herrlichen Satz geschrieben: „Vielleicht war es zuletzt das Zucken einer Oberlippe oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte.“ Denken Sie an Paris 1968. Alle fragten sich: Wann geht es nach Berlin, Frankfurt, Berkeley auch in Paris los? Dann hat der Unterrichtsminister zur Eröffnung eines Studentenheims eine Rede gehalten. Der damals ganz unbekannte Cohn-Bendit hat ihn unterbrochen und gefragt, wie das denn sei mit der Geschlechtertrennung im Studentenheim. Der Minister hat geantwortet: „Wenn Sie erhitzt sind, dann springen Sie ins kalte Wasser!“ Und das war der Funke für Paris 1968.

 

Keine materialistische Erklärung im klassischen Sinn...

In der marxistischen Theorie setzt der Kapitalismus aus sich selbst heraus seine eigene Negation frei, durch das schiere Anwachsen des Proletariats. Nach dieser Theorie hätte die Revolution in Deutschland, in England oder den USA ausbrechen müssen. Aber ganz bestimmt nicht in Russland!

Welche Voraussetzungen wären denn für die Etablierung einer Demokratie nötig? Eine breite Mittelschicht?

Die klassische bürgerliche Demokratie war die politische Herrschaftsform der ökonomisch herrschenden Bourgeoisie. Sie hatte ein Zensuswahlrecht. Es hat lange gedauert, bis das aufgehoben wurde. Aber ursprünglich gab es bei bürgerlichen Revolutionen keine breite Mittelschicht im heutigen Sinn. Es musste nur eine einigermaßen klar umrissene, auch ideologisch ihrer selbst gewisse Klasse da sein, die die Macht übernehmen konnte.

 

Gibt es eine solche in Ägypten?

Ich sehe einen wesentlichen Unterschied zur iranischen Revolution 1979: Das Schah-Regime hat eine brutale Modernisierungspolitik im Sinn des Westens betrieben, die ganze muslimische Geschichte negiert. Unter dem Schah hat sich eine Klasse von reichen Persern herausgebildet. Die Revolution war dann sozusagen ein Aufstand der Iraner gegen die Perser. In Ägypten dagegen weiß ich nicht, ob sich außer Funktionseliten und einer kleinen, korrupten Schicht um die Herrscher überhaupt so etwas wie eine bürgerliche Klasse gebildet hat.

 

Also ist das gar keine Revolution?

Was ich jetzt im Fernsehen sehe, das ist eine große, lang anhaltende Demonstration. Friedlich, ohne Besetzung von strategischen Punkten, ohne klares Programm außer: Der muss weg. Das ist ein Unbehagen, vielleicht ein Volksaufstand.

 

Was hat das Unbehagen ausgelöst?

Einer Ihrer Kommentatoren hat klug geschrieben, dass die befürchtete Hyperinflation schon da ist. Und das ist nicht die Schuld der Spekulanten, sondern es ist zu viel Geld da. Durch die Niedrigzinspolitik, durch die Rettung der Banken. Daher investiert man in Rohstoffe, in Grundnahrungsmittel, das verteuert diese. Auch bei uns, aber in den arabischen Ländern ist das existenzbedrohend. So hat möglicherweise die Krisenbekämpfung in Europa und den USA wesentlich zu diesen Unruhen in der arabischen Welt beigetragen.

 

Also im Grunde eine Hungerrevolte?

Ein Aufstand aus ökonomischer Not. Niemand stellt dort die Eigentumsfrage, niemand will die Expropriateure expropriieren, die Leute haben einfach zu wenig Geld für Essen, Angst um ihre Existenz.

 

Und wir schauen solidarisch zu.

Es geht uns da wie dem alten Kant. Der schreibt im „Streit der Fakultäten“, 1798, zu den Ereignissen in Frankreich über eine „Teilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt“. Wir sehen: wieder ein Volk, das sich befreien will, eine Bewegung, die laut Medien durch alle Schichten geht. Alte, Junge, Proletariat, Subproletariat, Bauern, Bürger, alle sagen: Mubarak muss weg. Ich wünsche ihnen alles Gute, aber ich bin skeptisch, ob das gelingt. Man darf nicht vergessen: Das sind ja keine isolierten Gesellschaftsformationen, die haben, um es wieder mit Marx zu sagen, eine bestimmte Stellung in der imperialistischen Kette. Während der fröhlichen Phase der Unruhen waren der Generalstabschef und der Stellvertreter in Washington... Also, da sind schon die Beratungen im Gange.

 

Aber in Tunesien ist die Revolution doch geglückt?

Tunis ist passiert, aber Tunesien ist geopolitisch eher bedeutungslos. Das wird sich in Ägypten sicher nicht wiederholen. Das ist geopolitisch in einer so heißen Lage! Mag sein, dass die Islamisten eine große Gefahr sind, das wird man sehr betonen. Aber es reicht ja schon die Angst, dass ein demokratischeres Regime dem Volkswillen entsprechend auch nur die Grenzen zu Gaza aufmacht. Das reicht für eine Intervention. Vom Suezkanal gar nicht zu reden. Die Intervention muss ja nicht offen sein. Und das Militär muss in Ägypten nicht putschen, das ist an der Macht.

 

Glauben Sie an einen Dominoeffekt?

Nein. Ich wüsste nicht, wann es einen solchen je gegeben hätte. Auch nicht beim Zusammenbruch der Regimes im Ostblock. Es gab so viele Umsturzversuche, aber erst als der Hegemon, die Sowjetunion, gestürzt war, hatten sie Erfolg.

Ihre Prognose für Ägypten ist also?

Ich vermute, das wird eher traurig ausgehen. Natürlich ist Mubarak über kurz oder lang weg, na dann hat man halt einen anderen. Wahrscheinlich laufen in Washington schon die Hearings für den Nachfolger. Und wenn ein Militärregime mit diesem Aufstand nicht fertig wird, dann frage ich mich: Was haben die gelernt auf ihren Militärakademien?

 

Erwarten Sie größeres Blutvergießen?

Es gibt eine schöne Anekdote von de Gaulle. Beim Aufstand in Algerien 1961 hat man ihm im Ministerrat gesagt: „Herr Präsident, die Generäle wollen Blutvergießen vermeiden.“ Er reagierte wütend: „Was heißt, sie wollen Blutvergießen vermeiden? Das ist ihr Beruf!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2011)

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