China geht gegen erschummelte Titel vor

Plagiate. Nicht nur Deutschland, auch China hat einen Skandal um abgekupferte Dissertationen: Zuletzt musste ein Uni-Professor einen Wissenschaftspreis zurückgeben.

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(c) Www.BilderBox.com

Peking. „Jetzt ist es an der Zeit, Ihren Lebenslauf zu überarbeiten.“ Mit diesem Rat muss sich derzeit nicht nur der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg herumplagen – auch in China werden allenthalben Bewerbungsunterlagen aufpoliert.

Nach einer Reihe von Plagiatsskandalen und Affären um gekaufte akademische Titel hat Wissenschaftsminister Wan Gang (mit echtem Doktortitel aus Deutschland) eine Null-Toleranz-Kampagne ausgerufen. „Wir werden die Vergangenheit dieser Forscher, die Arbeiten fälschen, ausgraben und sie bestrafen“, drohte er.

So verlor erst vor wenigen Tagen ein Professor der renommierten Hochschule für Kommunikation in Xian seinen prestigereichen Wissenschaftspreis. Professor Li Liansheng waren Kollegen auf die Schliche gekommen, die etwa 30 Beispiele abgekupferter Forschungsergebnisse Lis im Internet veröffentlichten.

Heftig debattiert wurde im Vorjahr auch die Affäre um einen prominenten Geschäftsmann namens Tang Jun. Der war dabei ertappt worden, dass er sich mit einem womöglich gekauften akademischen Grad einer obskuren Hochschule in den USA schmückte – aber dann glauben ließ, er habe den PhD (entspricht etwa dem Dr.) an dem renommierten California Institute of Technology erworben.

 

Ghostwriter-Industrie boomt

Tang Jun war nicht irgendwer, sondern zeitweise Chef von Microsoft in China und gern gesehener Gast bei TV-Talkshows. Als seine Schummelei aufflog, redete er sich mit einem Versehen seines Verlages heraus, der seinen Bildungsweg nicht richtig beschrieben habe.

Tang Jun ist nur einer von vielen in China, denen in den letzten Jahren solche „Irrtümer“ unterlaufen waren: Schräge Doktoren, Magister und Bachelors gibt es, wenn man Hochschulexperten glauben kann, wie Sand am Meer. Und für die echten Akademiker, im bitteren Wettbewerb um einen Job an den besseren Universitäten Chinas, steht inzwischen eine ganze Ghostwriter-Industrie bereit, ihnen wissenschaftliche Publikationen per „Copy and paste“ zu verfassen – gegen eine Gebühr.

Auch in der Politik wird ein Doktor immer wichtiger, wenn man Karriere machen will. Der wahrscheinlich künftige Staats- und Parteichef, Xi Jinping, hat einen Doktortitel, ebenso wie Li Keqiang, der als nächster Ministerpräsident gehandelt wird. Lang vergessen scheinen die Zeiten der Kulturrevolution, als Mao Zedong Intellektuelle als „stinkende neunte Kategorie“ denunzierte und die Hochschulen schließen ließ.

Doch Chinas Politiker wissen sich gegen Plagiatsjäger und Titelkontrolleure zu schützen. Ihre Dissertationen sind unter Verschluss. Darum dürfte sie ihr deutscher Kollege nun wohl beneiden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2011)

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