Was die jungen Revolutionäre antreibt

Die 21-jährige Studentin Hind Mohammed aus Ostlibyen und der 28-jährige Mohammed Jelassie aus Tunis erklären, warum sie für die Freiheit ihr Leben riskiert haben.

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(c) EPA (MANU BRABO)

Bengasi/Tunis. Auf Facebook ist sie nicht, und doch war sie von Anfang an dabei. Am ersten „Tag des Zorns“, dem 17. Februar, hielt sie es nicht länger in ihren vier Wänden aus. Die Schüsse und Schreie von der Gamal-Abdel-Nasser-Straße waren bis zur Wohnung zu hören, wo Hind Mohammed mit ihrer Mutter lebt. Unter ihrem Fenster fanden die ersten schweren Straßenschlachten im Zentrum der ostlibyschen Stadt Bengasi statt.

Ihre Mutter beschwor sie, zu Hause zu bleiben, doch sie war nicht zu halten. „Ich wollte meinen Freunden helfen, gegen das Regime zu kämpfen“, erinnert sich die selbstbewusste 21-Jährige. Sie rannte einfach los. Die libysche Polizei empfing die jungen Protestierenden sofort mit einem Kugelhagel. „Es war alles voller Blut, ich war total schockiert. So etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen.“ Einem ihrer Freunde wurde das Knie zerschmettert. „Die Kugel habe ich aufgehoben“, sagt sie – als Erinnerung an einen Tag, den alle jungen Menschen der Stadt ihr Leben lang nicht vergessen werden.

 

Träume von Paris

Inzwischen kommt die Studentin jeden Tag an die Corniche vor den Justizpalast, das Zentrum der Revolution, ihre Mutter mit untergehakt. Ihre ältere Schwester ist Lehrerin, ihr Vater starb an einem Herzinfarkt, als sie acht Jahre alt war. Wenn Hind von ihm spricht, treten ihr Tränen in die Augen.

Die Garyounis-Universität, wo sie jetzt im zweiten Semester Finanz- und Verwaltungswissenschaft studiert, ist nach wie vor geschlossen. Die eigentliche Leidenschaft der jungen Muslima jedoch ist das Theater, wo sie vor dem Aufstand jede freie Minute verbrachte. „Ich träume davon, einmal eine berühmte Schauspielerin und Sängerin zu werden“, sagt sie, deren Lieblingslektüre Shakespeares „Romeo und Julia“ ist. Ihre Bewerbung im letzten Herbst beim Stadttheater Bengasi klappte auf Anhieb. „Ich bin einfach hingegangen und habe mich vorgestellt. Sie haben mich getestet und genommen.“

Vor dem Volksaufstand gegen Muammar al-Gaddafi liefen bereits die Proben für eine arabische Verwechslungskomödie, bei der sie eine Nebenrolle spielt. Eigentlich war die Premiere für 12. April geplant – „das schaffen wir nun nicht mehr“, sagt die 21-Jährige.

Von der Revolution gegen den Diktator in Tripolis erhofft sie sich ein besseres Leben für sich und alle anderen. Nichts im Land habe richtig funktioniert, sagt sie. Die Ausbildung sei schlecht, die Universitäten vernachlässigt, man lerne kaum etwas. Bis zur Matura hatte Hind offiziell auch Englisch, spricht aber praktisch kein Wort, weil der Unterricht fast immer ausfiel. Auch fehlte es an guter medizinischer Versorgung. Reisen war fast unmöglich. „Ich träume davon“, sagt sie, „einmal nach Paris zu fahren – in die Stadt der Liebe.“ Aber noch ist Gaddafi nicht besiegt.

 

Chancenlos ohne Schmiergeld

Mohammed bekommt kaum ein Wort heraus und krächzt förmlich seine Bestellung über die Theke: Ein Bier bitte! Es ist halb vier Uhr an diesem Nachmittag. Mohammed Jelassi macht gerade eine kurze Pause von der Demonstration, die draußen vor der Brasserie auf der Avenue Bourguiba weitergeht. „Ich bin schon seit elf Uhr morgens hier“, sagt der 28-Jährige. „Wir haben Ben Ali aus dem Land getrieben und können endlich unser Schicksal selbst bestimmen. Wir haben keine Angst mehr. Die Revolution ist einfach elektrisierend“, folgt es stakkatoartig.

Mohammed ist Chemieingenieur, arbeitslos, und ein Beispiel für die Misere der Jugend in Tunesien. Er hat Chemie in Tunis studiert, dann seinen zweiten Universitätsabschluss in Paris gemacht. Qualifikationen, mit denen er in seinem Heimatland trotzdem keine Anstellung fand. „Wer der Partei Ben Alis beigetreten ist und bereit war, hohe Schmiergelder zu bezahlen, der bekam schnell einen Job im öffentlichen Sektor.“ Ansonsten sei es fast aussichtslos gewesen.

Die tunesische nationale Ölfirma habe vergangenes Jahr zehn Stellen ausgeschrieben, für die sich mehr als 20.000 junge Ingenieure bewarben. Vor zwei Monaten wurden 4000 davon zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. „Darunter auch ich“, sagt Mohammed. „Das System wollte zeigen, wie fair und offen es ist. Aber nachher mussten wir erfahren, dass alle zehn Stellen bereits vergeben waren. An diejenigen, die am meisten dafür bezahlt hatten.“

Der 28-Jährige war von Anfang an bei den Demonstrationen, die Diktator Zine el-Abidine Ben Ali am 14. Jänner zur Flucht nach Saudiarabien trieben. Auch mit Steinen und Barrikadenbau, wie Mohammed zugibt. Er hatte im Internet vom Schicksal Mohammed Bouazizis erfahren, eines ebenfalls arbeitslosen Akademikers, der sich aus Verzweiflung am 17. Dezember in Sidi Bouzid selbst angezündet hatte. Seinen Namen tragen mittlerweile viele Straßen und Plätze in Tunesien. „Mit seinem Selbstmord, der im Islam eigentlich verpönt ist, hat er seine Ausweglosigkeit deutlich gemacht und den Zorn der Tunesier auf das Regime verstärkt“, erklärt der Chemiker. „Als ich sah, wie schnell die Informationen über Bouazizis Tod und das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte auf Facebook verbreitet wurden, begriff ich, dass die Zeit für die Revolution reif war.“

Seitdem ist Mohammed nicht mehr zur Ruhe gekommen. Er ist dem „Bündnis 14. Jänner“ beigetreten, einem Verband von linken Gruppen. „Man muss sich politisch engagieren, wenn man etwas verändern will“, sagt er.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)

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